Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. September 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Sept. 1925.
Mein unendlich geliebtes Herz.
Gestern, als ich um ½ 5 von Cassel nach Hause kam, fand ich das große Couvert mit dem ersten Heft der "Erziehung". Der Poststempel war nur ein Klex, also nicht zu entnehmen wann u. woher gesendet, nur Deine liebe Schrift sagte mir, daß es direkt von Dir kam. Heute brachte morgens der Briefträger als Drucksache "Kultur u. Erziehung" u. gleichzeitig Deine Zeilen. Ich erschrak sofort, als ich die Bleistiftzeilen sah. Wohl hatte ich gehofft, Du werdest Deinen Partenkirchner Aufenthalt verlängern, aber nicht aus solchem Grunde! Was mag denn nur die Ursache dieser Erkrankung sein? Hat vielleicht all die Zeit etwas in Dir gesteckt, was nun zur Auslösung u. Überwindung kommt? Und nun gerade gegen das Ende der Erholungszeit!! Hast Du rechte Schmerzen gehabt? Hat der Arzt jetzt eine Diagnose gestellt? Ach, daß ich nicht bei Dir sein kann! Ich glaube ja, daß man alles Denkbare für Dich tut, aber es ist mir doch immer, als gehörte ich in solchem Falle unbedingt an Deine Seite. Ist das Fieber zurück gegangen? Warum hast Du das kalte Wasser getrunken, das ist doch sonst nicht Deine Art? Als Medikament? Und Du schreibst: trotz Frieren - hast Du kein geheiztes Zimmer gehabt? Oder war das Frieren mehr von innen heraus? - -
Du wirst Dir denken, mit welch schmerzlicher Sehnsucht ich hier sitze. Mein einziger Trost ist der Glaube, daß Du mich ganz gewiß rufen würdest, wenn Du mich brauchtest. Nicht wahr, darauf kann ich mich unbedingt verlassen? - Und laß mir auch sonst wahrheitsgetreu berichten, womöglich recht oft, denn Du kannst Dir doch meine Sorge vorstellen.
Von Cassel konnte ich Dir nicht mehr schreiben. Du weißt ja, wie mich dort Erinnerung von allen Seiten umgab. Es waren viel trostlose Eindrücke. Onkel konnte ich im Hause allerhand helfen, sodaß er sich jetzt mit der sehr ordentlichen
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| Monatsfrau zunächst leidlich durchhelfen kann. Den inneren Verlust haben wir nur flüchtig berührt, er kann davon nicht reden. Aber man hat den Eindruck, daß er sich mit Vorwürfen quält, das Leiden nicht früher erkannt u. nicht schwer genug genommen zu haben. Ida scheint ja von vornherein mit einem tragischen Ausgang gerechnet zu haben. Sie war eine seltsam ungelöste Natur u. wohl in sich selbst nicht glücklich. Hamstern scheint ihre Leidenschaft gewesen zu sein - -
In Hofgeismar waren die Eindrücke trostlos, fast noch mehr wie in Cassel, weil da noch lange kein Ende der Qual abzusehen ist u. die ganze Familie mit leidet in jeder Richtung. Der arme Georg tut mir furchtbar leid, er trägt sein Schicksal bewundernswert, aber er lebt doch beständig wie unter einem schweren Druck, der keinen Augenblick von ihm weicht. Auch das Töchterlein wächst ohne die nötige Erziehung auf, denn die Kleine ist viel schwieriger von Charakter wie Anneliese, die jetzt in Pension ist. - Augenblicklich setzt meine Cousine alle Hoffnung auf einen Arzt, der mit einer Art Suggestion nervöse Leiden behandelt. Der Dr. kam gerade während meiner Anwesenheit u. ich fuhr abends mit ihm zurück. Während der Fahrt bot er alles auf, um mich von seiner Methode zu überzeugen. Da ich ihm noch etwas ausrichten sollte, besuchte ich ihn in seiner Sprechstunde u. ließ dort auch den üblichen Pendelversuch über mich ergehen. Damit soll man überzeugt werden von der Möglichkeit das Unterbewußtsein, das den Organismus regelt, günstig zu beeinflussen.
Ach, ich wollte, ich könnte mit meinen heißen Wünschen Dein Unterbewußtsein so beeinflussen, daß Du ganz gesund wärst! - Wie rasch haben sich andre Bilder zwischen mich u. die schöne Zeit mit Dir gedrängt! Aber wie ein sonniger Traum stehen die Tage mir vor der Seele u. ich hoffe auch Du gedenkst ihrer noch im stillen.
Voller Treue u. Innigkeit grüße ich Dich.
Deine Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand ist heute morgen abgereist. Ich war vor- u. nachmittags in der Klinik bei Dr. Deehn.