Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. September 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Sept. 1925.
Mein geliebtes Herz.
Habe Dank für die liebe Karte, die mir wenigstens soweit Beruhigung brachte, als die Erkrankung sich nicht mehr gesteigert hat. Wie sehr Deine Kräfte davon mitgenommen sind, das kann ich mir lebhaft denken, denn abgesehen davon, daß dies ganz besonders die Art der Darmkrankheiten ist, hattest Du wirklich noch garkeinen Überschuß zuzusetzen. Das habe ich bei unserm Zusammensein mit Sorge beobachtet u. nun ist dies statt besser nur schlimmer geworden. Was wirst Du tun? Kannst Du nicht die Vorträge absagen? Solche Reisen bringen doch nur neue Schwierigkeiten. Laß Dir vom Arzt irgend einen bedeutenden Namen für Deine Erkrankung sagen, u. dann gründe darauf die Unmöglichkeit, gegenwärtig zu reisen. Es ist doch erste Notwendigkeit, einigermaßen gesund das Semester anzufangen. - Meine Briefe aus Heidelberg, Cassel u. wieder von hier (am 21.) wirst Du erhalten haben. Für all die lieben Sendungen aus letzter Zeit habe ich Dir noch garnicht richtig gedankt. Ganz besonders möchte ich das noch für "Kultur u. Erziehung" nachholen, das Du von rechtswegen mir eigentlich nicht schicken solltest; es sind feurige Kohlen - aber lieb ist mirs doch. Mit besonderer Freude empfing ich das erste Heft der "Erziehung". Die Außenseite gemahnt mich an unsre klassische Zeit u. so hoffe ich, soll das Blatt unter Deiner Führung ebenso bleibende Bedeutung entfalten. - Vorläufig kam ich zu eigentlichem Lesen nicht, nur das Beiblatt habe ich studiert. Dadurch, daß ich mal wieder allein bin, habe ich natürlich allerlei Arbeit mehr u. in die Klinik gehe ich auch täglich 2x. Auf der Reise hatte ich die Lebensformen mit, aber nur in der Bahn fand sich eine ruhige Zeit dafür. In Cassel war ich von 10-10 täglich beim Onkel u. nachher machten die Schwestern Schwidtal noch Ansprüche an meine Gegenwart. Lächerlicherweise habe ich mir wieder eine kleine Infection mitgebracht, die mit leichtem Halsweh anfing u. jetzt mit linksseitiger Drüsenschwellung sich fortsetzt. Ich habe das Haus Schwidtal im Verdacht, denn Lieschen hustet noch immer.
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| Auf der Rückreise hatte ich in Frankfurt 2 Std. Aufenthalt u. da besuchte ich Weises. Auch da ist immer allerlei Krankheitssorge.
Was tust Du wohl jetzt zu Deiner Kräftigung? Verträgst Du wieder alles? Hast Du Dir eine bessere Leibbinde gekauft? Bitte - beantworte diese Frage - sonst schicke ich Dir eine. - Ich habe natürlich großes Verlangen, recht viel von Dir zu hören, aber ich verstehe vollkommen, daß Du nicht schreiben kannst. Es ist aber hart, wenn das Einzige, was man für einen Menschen tun kann ist: zu verzichten, während man doch so unendlich gern stündlich für ihn sorgte! -
Es ist mir eingefallen, daß Du mal von Frau Knauer schriebst, sie behandle die Leute mit dem "Pendel". Jetzt weiß ich also, wie das gemeint ist, u. daß es ein Mittel ist, suggestiven Einfluß einzuleiten. Es kommt gleich nach dem Gesundbeten.
Ich lebe wieder ganz regelmäßig u. einförmig, esse im Schiff u. abends zu Haus. Um ½ 9 hole ich Bertha in der Kaiserstraße bei Straubs ab, da Aenne erklärt hat, das Mädel dürfte nicht allein gehen. Wir hatten nämlich wieder mal einen Zusammenstoß. Vor der Reise war nach eingehender Besprechung ausgemacht, Bertha solle im Haus schlafen u. nur tagsüber zu Straubs gehen. Es ist doch eine gewisse Erleichterung für mich u. es ist mir auch behaglicher nicht mit den närrischen Lebeau u. der tauben Davison allein im Haus zu sein. Als ich wiederkam war beschlossen: Bertha solle bei Straubs schlafen, weil Aenne die Verantwortung für den abendlichen Nachhauseweg nicht tragen könne! So ist es immer, erst wird gefragt, beraten, beschlossen u. dann geschieht alles anders. - Ich habe aber die Sache wieder abgedreht, schlafe sogar zu Berthas Sicherheit jetzt im Seltenleer! -
Schreibe mir recht bald wieder eine Karte, mein Liebstes, u. laß mich auch gleich wissen, wenn Du beschlossen hast zu reisen. Vorläufig schreibe ich Dir noch nach dort.
Nimm heute mit diesem Gruß vorlieb - zu besserem fehlt die innere Ruhe. Ich denke Dein in beständiger Sorge und mit treuen Wünschen. Ach, werde mir bald gesund! Grüße Frau W. u. Felizitas sehr von mir. -
Immer
Deine Käthe.