Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./27./28. September 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Sept 1925
Mein armes, liebstes Herz!
Ob es Dir wohl nun wirklich etwas besser geht? Ob Felizitas mit ihrem frohen Sinn Dich wieder heiter stimmen u. Deinen Mut beleben kann? Ich denke immerfort an Dich u. all die ständigen Schwierigkeiten, die Dein Leben bedrücken, Du geplagter Mann. Glaube mir, es läßt mich keinen Augenblick los u. ich leide doppelt unter der Machtlosigkeit, Dir zu helfen. Manchmal muß ich alle Kraft zusammennehmen, um nicht an allem Sinn des Daseins zu verzweifeln. Hatten wir nicht eine starke, alles überwindende Gewißheit in uns? Du kennst den Weg meiner Erkenntnis. Aber hatten wir nicht einen Weg gefunden über all den Disharmonien, den wir in tröstlicher Gemeinschaft gingen? Wo ist die Sicherheit - warum fühle ich sie nicht immer? - Seit unserm Beisammensein am See ist etwas Tröstliches in mir. Wenigstens das Eine ist wieder ganz fest u. klar in mir, daß nichts zwischen uns steht, nichts zwischen uns treten kann, wie auch immer Dein Leben sich entfaltet. Es gäbe nichts Ewiges, wenn das nicht wäre! Aber es gibt ein Ewiges, Unendliches - das ist die Liebe. Ich weiß, Dein Herz ist müde geworden, enttäuscht, zerrissen. Trage auch ich Schuld daran? Bin ich nicht immer die Gleiche gewesen? Kann ich Dir nicht wie sonst die Last des Lebens tragen helfen, ist es Dir nichts mehr, eine Seele zu wissen, die nur Dir angehört? Hast Du mir nicht selbst gesagt, dies sei meine Bestimmung? Ach, laß es auch zur Kraft in Dir werden, die vorwärts hilft. Ist nicht alles wie eine höhere Fügung? Nimm Deinen "Schutzengel" wieder in Gnaden an!
Wie soll es nur jetzt werden mit Deinen Vorträgen? Hast Du Bremen u. Deinstedt abgesagt? Ich kann mir nicht denken, daß Du direkt von Partenkirchen dorthin fahren willst. Ob Du morgen, Sonnabend schon nach Berlin reisen könntest? Ich weiß so wenig, u. hätte doch so viel zu fragen! Aber Du wirst schon schreiben, wenn Du irgend kannst. Mich an Frau Witting um Auskunft wenden,
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| das mochte ich nicht. Ich vertrage keine Mittelspersonen zwischen uns. Da müßte schon garkeine andre Möglichkeit sein.
Meine Arbeit für Dr. Deehn ist fast beendet. Inzwischen ist auch Gans wiedergekommen, der in Dresden auf einem Congreß war. Er berichtete, wie sehr meine Zeichnungen gelobt worden wären. Zum 2. Band hat er offenbar noch nicht wieder großen Schneid. Dafür ist aber am Montag vormittag für Dr. Herzog im Pathologischen zu zeichnen, Ganglienzellen - wie schon öfter. Das ist eine nette Arbeit u. auch eine nette Gesellschaft an dem jungen Assistenten. - Die Erholung, die ich von der Reise mitbrachte, läßt mich das schauderhafte Klima weniger spüren. Auch Cassel habe ich relativ gut ausgehalten, sodaß ich ganz mutig an die Arbeit gehe. Freilich große Leistungen habe ich nicht aufzuweisen u. ich bin auch recht viel müde - so im Kopf, wie Du das ja an mir kennst, u. alles geht entsprechend langsam. Ob in Partenkirchen auch diese unnatürliche Wärme war? Dabei hat es beständig mit Mollen gegossen u. heute hatten wir 2 Gewitter mit förmlichem Wolkenbruch. Alles jammert über die Kartoffeln, die im Boden faulen würden.
Ob Du diese Karte noch für Susanne gebrauchen kannst? Sie wäre früher gekommen, wenn ich nicht nach Cassel gemußt hätte. Aber es ist doch kein leerer Wahn, daß Herr Braun besser entwickelt als die Hiesigen. Ich mußte von den diesmaligen Aufnahmen 2/3 verstärken, da die Filme viel zu dünn waren. Und belichtet waren sie ganz richtig.   (ging nach Partenkirchen)

Am Sonntag morgen. Vergeblich hoffte ich gestern u. heut auf eine Karte, u. natürlich grüble ich darüber, ob es Dir etwa wieder weniger gut geht? Aber was hilfts - ich muß weiter warten. Wie froh wollte ich sein, wenn Dein Schweigen nur gute Ursachen hätte! Ob ich nun diesen Brief nach Berlin schicke? Sehr tröstlich ist es mir, daß Du bei Wittings so gut versorgt warst. Es hätte Dich ja auch in der Fremde, etwa erst in Bremen treffen können, so hattest Du doch wahrhaft freundschaftliche Fürsorge. -
Ja - Bremen! Ob Du es wohl aufgeben mußtest? Mein Hals ist wieder abgeschwollen u. die Schmerzen sind fort, diesmal ohne in das Ohr auszustrahlen. Das ist doch eine Folge der Erholung, die ich diesmal
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| durchaus als eine solche empfinde. Und warum? Weil sie von innen heraus gewirkt hat, weil Deine liebe Nähe mir nichts mehr von jener heimlichen Abwehr hatte, die mich so lange schon so angstvoll quälte. Denn das ist die Wurzelkraft meines Lebens. Du aber, mein Liebstes, kämpfst um Dein inneres Gleichgewicht, u. weil die Seele nicht klar ist, darum hat die äußere Krankheit auch Macht über Dich gewonnen. So war es ja immer, bei Dir u. bei mir. Aber wir wollen überwinden, unbedingt muß Deine Kraft wieder frei werden für die große Aufgabe, die auf Dir liegt. Du hast das Recht, Dir zu schaffen, was Deinem Leben notwendig ist.
Die kleine "goldene" Nadel, die Du "für mich fandest", trage ich täglich. Zu meiner Beruhigung scheint sie mir doch nicht wirkliches Gold zu sein, denn dann hätte ich doch ein etwas schlechtes Gewissen dem rechtmäßigen Besitzer gegenüber. - Sehr gern wüßte ich, was wohl aus der Angelegenheit des Katalogs für Amerika geworden ist? Kamen endlich die Korrekturen? Es ist [über dem Gestrichenen] wäre doch unerhört, wenn man Dir die Arbeit zugemutet hätte u. Du hättest damit nur in ein leckes Faß geschöpft. Hier in Baden u. wie es scheint überall regt sich die Empörung gegen das Reichsschulgesetz. Der Exminister Koch hat hier geredet u. versichert, man werde keinesfalls vor dem Centrum katzbuckeln. Ob er die Möglichkeit hat, das zu betätigen? - Einen kleinen Aufsatz über "die Ausbildung des Volksschullehrers auf der neuen Päd. Akademie" fand ich im Deutschen Volkstum Heft 9. Axel Henningsen redet da ganz einsichtig, in Deinem Sinne, natürlich ohne Dich zu nennen, wie er überhaupt nur in eignem Namen spricht. Einzig aufgefallen ist mir seine Schlußfolgerung: wenn man nicht den Weg fände, in der Lehrerbildung das Band zur Volksgemeinschaft, vor allem der Landbevölkerung wieder herzustellen, dann würde das Volk eigne Wege zur Heranbildung seiner Führer suchen. Die Angleichung an das städtische Akademikertum brächte die Gefahr: "daß man dann ruhig Lehrer u. Pastor in ihrer Specialwissenschaft sitzen ließe, neben dem flutenden Leben - u. frei gebildete, kulturelle u. andere Volksführer herausstelle, die die nötige Volksnähe haben u. sich in Freud u. Leid ihrem Volkstum verbunden fühlen." Heimatkunde! Es ärgert mich, daß er Dich nicht nennt als Vorkämpfer auf diesem Wege u. doch sage ich mir auch: vielleicht ist es für die Sache gut, wenn möglichst viel einzelne scheinbar selbständige Stimmen in diese Richtung weisen. Es könnte
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| sein, daß man die Wirkung für gewisse Kreise abschwächte durch Nennung Deines Namens! - Jedenfalls aber, nach allem was ich davon durch Dich hörte, scheint mir Birkemeier eine Gefahr für die Richtung der neuen Ausbildung. Denn ihm fehlt was Dich auszeichnet, die Lebensnähe! -
Meine Sonntagsfeier war es, Deinen Beitrag in der "Erziehung" zu lesen. Es ist eine so feine Art, wie Du immer mit den einleitenden wissenschaftlich klärenden Auseinandersetzungen die Seele spannst, um sie dann mit dem eignen Eingehen auf die Sache desto tiefer u. nachhaltiger zu fassen. Wie ungeduldig erwarte ich jetzt die Fortsetzung. Ich meine, es klingt für mich in S. 25 das "Neue" an, das noch vor Dir liegt, von dem Du auf der Höhe über Goldbach mir sprachst, daß es Dir noch zu gestalten bestimmt sei.* [Kopf] *Auch A. Fischers kl. Beitrag las ich u. amüsierte mich über die selbstverständliche Art mit der er Deine Typen anwendet. -

Am Montag Abend. Endlich, mein Einziger, mein Sorgenkind, kam Deine liebe Karte aus Berlin! Du wirst über Partenkirchen meine ängstliche Anfrage bekommen, denn ich hatte nach Deinen beiden letzten Nachrichten sicher gehofft, Du werdest es mir mitteilen, wenn Du reisefähig wärest. So sorgte ich mich sehr, es hätte einen Rückfall gegeben. Aber hoffentlich ist nun mit dem energischen Fieberanfall das latente Mißbefinden der ganzen Ferienzeit zum Austrag gekommen, u. Du hast, wenn auch leider, leider keine Kräftigung doch wenigstens ein normales Befinden mit zurück gebracht. Denn mit einer Magenverstimmung kamst Du ja schon hier auf dem Hinweg nach Villingen an. - Von der Auskunft Pallat's schriebst Du mir nichts. Gern wüßte ich darüber Genaueres, denn es war doch sehr gravierend. - Ob Du den Rat von Herchenbach befolgst u. einleitend die Situation klärst, sodaß die Schuldigen sich getroffen fühlen? Jedenfalls aber bin ich froh, wenn von "obenher" nichts Bedrohliches vorliegt, u. der bewußte Brief vielleicht nur in ärgerlicher Stimmung über zudringliche Ansprüche von dem Hallenser u. Consorten geschrieben war.
Die Woche, die ich hier allein war, ist rasend schnell vergangen. - Von Onkel bekam ich heute einen lieben Brief. Es war ihm doch offenbar sehr lieb, daß ich kam. - Also auf Deine Vortragsreihe brauchst Du nicht zu verzichten. Ich bin unendlich froh deshalb, denn es wäre mir sehr schmerzlich gewesen. Sorge nur für tüchtig warme Kleidung in dem Seeklima. Und wegen der - mit Verlaub zu sagen - Leibbinde habe ich keine Antwort. Hast Du eine brauchbare?? - Ich bin sehr glücklich, daß es Dir wieder besser geht. Nun schreibe mir auch mal wieder, es ist doch wenig genug persönliches Leben, was <li. Rand> damit von Dir beansprucht wird - gönne mir u. Dir die kurze Zeit. In Liebe Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Grüße auch Susanne vielmals. Und wie geht es bei Riehls?
[li. Rand S. 3] Felizitas hatte sich gewiß auf dem Zugspitz bei dem üblen Schneegestöber was geholt.