Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Oktober 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. Okt. 1925.
Mein Liebstes.
Deine liebe Karte vom 27. tröstete mich recht u. dann kam auch noch der Postabschnitt mit lieben Zeilen – für alles herzlichen Dank. Hoffentlich ist nun bei Dir alles programmgemäß verlaufen u. vor allem auch wird der Kurs in Deinstedt eine wirkliche Freude für Dich. Es kann doch auf solchen Tagungen eine starke Bewegung fühlbar sein, ein lebendiges Suchen, das Dir entgegen kommt. Das, mein Lieb, wünsche ich Dir von Herzen für den Heroismus, mit dem Du trotz der kaum überwundenen Krankheit diese Reise auf Dich nahmst. Hoffentlich haben die Teilnehmer sich schon verständnisvoll nach deinem Entwurf sich in die gewiesene Richtung vertieft.
Wie wars in Bremen? Wie eigen, daß Du jetzt immer mit Aloys Fischer zusammen auftrittst. Er war Dir früher nicht gerade sehr genehm. –
Am Mittwoch ist Aenne aus Würzburg zurückgekommen. Sie wünschte um 8 Uhr 5 am beschleunigten Personenzug mit Bertha abgeholt zu werden. Also wir waren für 20 <altes Pfennigzeichen> auf dem Bahnsteig, der Zug fährt ein: kein Vorstand. Eine Stunde später am Schnellzug warten wir wieder für 20 <altes Pfennigzeichen><genau unter den Worten "kein Vorstand": Wiederholungszeichen>
Da schickte ich dann Bertha ins Bett u. warte im Eßzimmer, weil um 11 ½ noch ein Personenzug kommen soll. Ich war halb eingeschlafen – da klingelt es mächtig um ½ 11 – Aenne u. ein Dienstmann! Der Zug hätte 2 Stunden Verspätung gehabt. Was wir gesehen hatten, war nur die Hälfte von Heilbronn oder dergl., die von Neckarelz gefahren war, ohne den Würzburger Teil abzuwarten. Na – da war dann noch alles ganz gut abgelaufen, denn etwas unruhig war ich doch wegen des Ausbleibens ohne jede Nachricht. – Jetzt ist nun der gewohnte Betrieb wieder aufgenommen u. es paßte gut, daß mein Abonnement im Schiff gerade zu Ende war.
Gestern feierte ich bei Hennings den Geburtstag von Adele mit. Es war der 70 ohne daß ich es wußte. Sie hatte wundervolle Blumen bekommen u. es war dann abends (von ½ 9 ab) eine kleine Familienzusammenkunft bei Kuchen u. Bowle. Der Sohn aus Hamburg war gekommen, der Arzt in Mannheim wohnt ohnehin bei den Eltern, u. dann waren noch der Neffe Dr. Virchow mit Frau u. der andre Neffe Rudolf Rabl mit Frau Sabine (Meinecke) anwesend. Es war wie das so zu sein pflegt: stillvergnügt, u. jeder war heiter aus Höflichkeit.
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Sonst ist mein Leben hauptsächlich mit Zeichnen ausgefüllt. – Aber gegen abend machte ich einige Besuche: bei Paula Seitz, die kaum genesen hier mit der Nachricht in der Schule empfangen wurde: auf Anstellung habe sie nicht zu rechnen, sie solle sich an eine Volksschule wenden! Dazu habe sie aber nicht mehr die Elastizität. Man hat sich nun für sie an Marianne Weber gewandt, die bei Hellpach für sie eintreten wird. – – Ob Dich wohl ein kleiner Artikel von Griesinger über Ausbildung der Studienreferendare in den Südwestdeutschen Schulblättern interessiert.? Dann kann ich ihn Dir schicken, ich sah ihn bei Dr. Herzog, der ihn mir lieh. – Frau Gunzert ging es gestern sehr schlecht. Vermutlich wird das Ende wohl nicht mehr fern sein. Möchte sie doch nicht mehr viel zu leiden haben. – Eine Freude ist immer das Zusammensein mit Frau Ewald. Am Montag hoffe ich sie u. Frau Wille zum Kaffee bei mir zu sehen. Man erzählt wieder Wunderdinge über die Rücksichtslosigkeit, mit der Frau Fürbringer u. Frau Braus die Mieterin aus ihrem Hause graulen, weil sie die Wohnung wieder selbst haben wollen. –
Heute habe ich auf der Steuer mir bestätigen lassen, daß ich bei meinem Einkommen nach der neuen Verordnung steuerfrei bin, u. daß man mir außerdem 3,40 M Kirchensteuer – ausgerechnet Kirchensteuer zuviel abnahm! – Schrieb ich Dir eigentlich, daß ich mit meinem Wirt, Herrn Künkler, über die Mietsverhältnisse sprach u. daß er mir zusagte, daß in Zukunft der alte Preis 350 M im Jahr als Grundlage gültig sein wird? –
Adolf Jannasch, der kurze Zeit hier war, konnte mir über die Frage, ob die Ornamentik der Reichenaur Schule Überlieferung oder selbständig sei, auch keine entscheidende Auskunft geben. Eine Überlieferung vom Griechischen über das Byzantinische sei ebenfalls nicht ausgeschlossen. (Das Ornament der alten Germanen war ja jedenfalls viel weniger geometrisch, hatte mehr Phantasie u. Willkür.) Auch für das Figürliche ist die Anlehnung an östliche u. südliche Kunst nicht ausgeschlossen. – – Das ist ein rechtes Geschmus – nicht wahr? Hoffentlich trifft es Dich bei gutem Wohlsein u. in befriedigender Wirksamkeit an. Im Goethe-Jahrbuch ist ein Aufsatz: Goethe u. Hegel, den will ich lesen.
– Sei mir innig gegrüßt u. denke mein.
Deine
Käthe.