Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Oktober 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Okt. 1925.
Mein geliebtes Herz.
Ach, willst Du nicht am Sonntag lieber wieder nach Darmstadt kommen? Reden ist so viel besser als dies langweilige Schreiben! Was aber nicht heißen soll, daß mich Dein lieber Brief vom 22. nicht sehr gefreut hätte, ebenso wie das Grüßchen auf der Anweisung. Für alles innigen Dank! Nun kann ich auch mein Gewissen beruhigen u. Deine Mahnung des monatlichen Sparens befolgen, sowie das Geholte wieder hinbringen. Eine komische Art zu "sparen", wenn man es geschenkt bekommt, nicht wahr? - Aber jetzt gehen auch wieder kleine Beträge eignen Erwerbs ein u. die Aufträge "drängen sich"! Ich habe außer für Gans wieder für Dr. Deehn, für Herzog u. einen jungen Famulus zu zeichnen. So gehen die Wochen hin u. ich freue mich über jede, die vorüber ist. Immer sind es noch beinah 8 bis Weihnachten!
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Abends lesen wir jetzt, (d. h. Aenne liest vor) eine Beethoven-Biographie von einem Ernesti oder so ähnlich. Anfangs war es schwer zu ertragen, ein pedantisches Buch, aber die Sache fesselt doch so, daß wir uns eingewöhnt haben. Ich glaube, es ist nicht schlecht, aber hätte auf die Hälfte zusammen gestrichen sein sollen. - Dagegen habe ich den Aufsatz von Rudolf Honegger (St. Gallen) im Goethe-Jahrbuch mit Interesse zu Ende gelesen. Dir würde er ja gewiß nichts Neues sagen, aber für mich war die Nebeneinanderstellung der beiden großen Männer in ihrer großen Verschiedenheit sehr fesselnd u. schien mir garnicht philologischer Wortkram, sondern geistige Erfassung. - Hegel selbst hat dagegen bisher nicht die Wirkung auf mich, die ich s. Z. bei der Einleitung in die Rel.-Phil. empfand. Wundervoll aber ist, was er über die Freiheit des Willens sagt, diese sinngebundene Freiheit, von der auch Du immer wieder so
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| eindrucksvoll sprichst. - Meist kann ich der Gedankenentwicklung ganz gut folgen, nur zuweilen kann ich einen Satz absolut nicht entwirren. Welch starke Einheitlichkeit des Seins liegt doch hinter dem Ganzen. Es ist doch nicht Hegel, dem man den Vorwurf der "voraussetzungslosen Wissenschaft" macht? Jedenfalls sagt er doch selbst: irgendwo müssen wir eben den Ansatzpunkt machen, aber die Kette der Forschung muß an ihrem Ende wieder dahin zurücklaufen u. mit ihrem Schluß die Begründung des Anfangs ausmachen. -
Ich muß darüber nachdenken, warum Du wohl jetzt mehrfach Vorträge übernommen hast, zu denen eigentlich kein direkter Zwang vorlag? Was war es denn für eine Veranlassung am Montag u. für wen der Dienstag? Hoffentlich haben Dich die Abende wenigstens nicht so viel Nerven gekostet wie Frankfurt. Ganz begeistert bin ich, ebenso wie Borchard von der Regensb.
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| Rede. Sie ist von klassischer Schönheit in Form u. Inhalt. Hoffentlich erlebt Kultur u. Erz. auch bald eine Neuauflage, damit sie von dort aus in weitere Kreise kommen kann! - Es ist eine stark lebendige u. persönliche Wirkung, die Du durch solche Vorträge übst, u. es ist eben doch eine Zeit für unser Volk, in der solch Erwecken notwendig ist. Aber ich bin sicher, daß Du Dich aus solchen Einzelmomenten immer wieder zu dem großen Zuge geistigen Schaffens sehnst, zu der Arbeit am Menschentum für das Dein Forschen so vertiefte Erkenntnis erschlossen hat. Ist es nicht ein Programm, was Du am Ende jener Festrede entwickelst?
- Es ist fabelhaft, wie Deine Gedanken schon Allgemeingut geworden sind. Siehe z. B. Aloys Fischer, mit welcher Selbstverständlichkeit er die Einteilung Deiner Lebensformen gebraucht. [über der Zeile] S. 4. Ist er wohl jemand, der ohne eigne Ausprägung gewandt sich Neuem anpaßt? - - Was gibt es für Hindernisse bei der Studiengemeinschaft? Ist es schwierig, Dozenten zu gewinnen? Oder - denn das war doch wohl bereits geregelt,
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| ist die Zusammensetzung ungeeignet? Immerhin, einen Gewinn hatte sie doch bereits gebracht, nicht wahr? Wie hieß er nur gleich, ich kann auf den Namen nicht kommen.
Die 3 Briefe las ich mit sehr verschiedenen Gefühlen. Kügelgen - bedauerlich! Geheb offenbar wirklich warm empfunden - am bedeutendsten aber Borchard u. wahrhaft rührend in seiner Gesinnung.
Ob dann nun wohl Johanna Wezel sich auch öffentlich verloben wird? Ich schrieb ihr, kann aber noch keine Antwort haben.
Was hattest Du denn von Theodor Gunzert, dem langen, schwarzen Afrikaner für einen Eindruck? Er schrieb seiner Mutter, daß er völkisch gewählt habe, aus Opposition gegen die D. N., weil sie den Schwindel von Locarno garnicht hätten mitmachen dürfen. Ob er durch seine Stellung wohl irgend mehr Einblick hat als andre? Hörst Du nicht einmal wieder einen aufklärenden politischen Vortrag? Die große Zufriedenheit der Entente-Regierungen machte mich
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| ja von vornherein mißtrauisch, ebenso wie die hochtönenden Schlußreden. Die ganze Friedenspaktsache soll eine Anregung des englischen Gesandten bei Stresemann gewesen sein?
- Es ist hier noch ganz leidliches Herbstwetter; aber wozu? Konnte es nicht vor 14 Tagen so sein?! Immerhin spart man noch Feurung u. auch in den Kliniken muß ich öfters ohne Heizung sitzen.
Die Begabung von Frl. W. würde auch zu unserm schwäbischen Hartschädel passen. Auch das Draufgehen mit Scheuklappen erinnert daran. Bei Bertha kann man aber noch hoffen, daß ihr im Schwabenalter der Verstand kommt, dagegen - -? Man kann da auch nie vorbeugen, da man garnicht ahnt, wie "sich in solchem Kopf die Welt malt." - Es tut mir zu leid, daß es da solche unnötigen Schwierigkeiten gibt.
Doch es ist schon sehr spät u. du wirst auch garkeine Zeit zum lesen haben. Drum gute Nacht, mein Lieb. Sorge, daß Du gesund bleibst u. denke gern an
Deine
Käthe.