Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. November 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Nov. 25.
Mein Einziger.
Am Sonnabend wolltest Du in Dessau sein, ob es wohl dabei geblieben ist? Du erwähnst es nicht in Deinen letzten Zeilen u. so weiß ich nicht, wo Dich dort ein Gruß erreichen würde. Von ganzem Herzen möchte ich wünschen, daß inzwischen eine größere Klarheit in Deiner Lage eingetreten sei! Über die Art, wie Du sie herbeizuführen suchst, kann ich mir garkeine rechte Vorstellung machen. Ist Deine innere Entscheidung gefallen - ist sie noch zweifelhaft? Kenne ich in Dir nur die negativen Momente wirklich u. sind die anderen doch schwerwiegender, als Du sie mir geschildert hast? Ganz gewiß ist das Leben keine so glatte Rechnung, wie man es in der Jugend träumt. Es muß viel Unvereinbares ausgehalten werden u. es gibt Zeiten, wo scheinbar nur dividiert wird. Aber wir glauben doch nun einmal an die Kraft der Überwindung - an den Sieg eines reinen, treuen Willens. Weihnachten 23 ist die Bruchrechnung in Dein Leben gekommen, jetzt - scheint es - muß es sich entscheiden, nach welcher Seite hin Du den Bruch abrunden willst. Immer muß doch schließlich das Endresultat dem eignen Einsatz entsprechen. Und Du hast einen
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| Reichtum einzusetzen, wie wenige Auserwählte. Ich meine nicht den äußeren Erfolg - ich meine die lebenbezwingende Kraft in Dir, die nicht "brüchig" werden darf. Nur das Eine nicht, laß nichts in Dein Leben kommen, was "alles in Dir als verhängnisvoll ablehnt." Wenn in den Büchern der Philosophen nicht von der Wirrnis des Daseins die Rede ist, sondern nur von der Offenbarung seines tiefsten Sinnes, so wirst Du vielleicht doppelt tief zu wirken haben, wenn Du von dem Kampf redest, der allein dem Leben den höchsten Wert abgewinnt.
Laß Dich nicht durch qualvolle Auseinandersetzungen mürbe machen. Du hast doch das Recht zu sagen: so muß es sein, denn Du handelst ja nicht für Dich allein, Du trägst Verantwortung vor Deiner inneren Bestimmung.
Es kommt mir vor wie sinnvolle Fügung, daß ich gerade jetzt mit dem Schicksal Beethovens näher bekannt wurde. Du weißt es ja, welch eine Kette von Entbehrungen bei allem Ruhm, welche Einsamkeit bei aller Bewunderung der Zeitgenossen ihm zuteil ward u. wie er doch immer wieder den tiefsten Schmerz mit unerschütterlichem Lebensglauben überwand kraft seiner Größe. Auch in Dir liegt die Gewißheit
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| hoher Ziele, die noch zu erreichen sind. Nur was sie fördert soll Deine Schritte bestimmen. Du sagst, mit der idealen Forderung allein ist es nicht getan - aber was soll denn sonst entscheidend sein? Was behält denn anderes schließlich doch recht? Aber freilich - welches ist "die ideale Forderung"?
Das kannst nur Du wissen, u. nur dies ist meine heiße Bitte, daß Du Dich darin nicht beirren läßt. Du hast Dir damals durch Mitleid den gefaßten Entschluß wieder umstimmen lassen - mit jeder Wiederholung wird diese Entscheidung schwerer. Steter Tropfen höhlt den Stein - vielleicht rechnet man bewußt oder unbewußt mit dieser alten Wahrheit. Und Dein Herz ist doch kein Stein -
Aber gänzlich ungerührt bleibt man in der Tat von Briefen wie die mitgesandten. Für mich überwiegt da entschieden das Abstoßende noch die Lächerlichkeit. Man möchte wirklich bange werden für das Frauenstudium, wenn es solche Resultate zeitigt. Es ist eben doch wohl deshalb hier so besonders häßlich, weil man bei Menschen, die sich geistig über andre erheben wollen, doch ein höheres Maß von Würde u. Zucht erwartet. - Daß auch andere von dieser Seite zu leiden haben, hörte ich von Rösel Hecht, die Ähnliches von Finks aus Gaienhofen
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| zu berichten weiß, bei dem kein Tag ohne Liebesbriefe vorbei geht, u. von Gundolf, der von ihr bei einer Dame eingeführt wurde u. der ganz geekelt zu Rösel sagte: "wenn man doch nur mal diese Bekanntinnen los werden könnte!"
Rösel selbst macht einen viel ruhigeren, heiteren Eindruck. Es muß doch wohl für sie so notwendig gewesen sein, so traurig es ist. - Für sie hätte ich sehr gern von Dir noch ein Exemplar der Jugendpsychologie. Du sagtest mir einmal, daß Du mir noch welche geben könntest u. da wäre ich Dir sehr dankbar dafür. -
Von Johanna Richter-Wezel kam die Anzeige aus Neapel. Hoffentlich geht es bei denen glatt. -
Ist Heinrich Maier ernstlich krank, voraussichtlich länger? Wenn Dessoir ausscheidet, so ist das doch wohl eher eine Erleichterung in Bezug auf die Cliquenbildung? Aber dann die Schwierigkeit der neuen Berufung - nicht wahr?
Prinz Louis Ferdinand - das ist ein Name von Klang. Was macht der jetzige für einen Eindruck? Jetzt mischen sich die königlichen Prinzen auch in Preußen unter das Volk, wie früher nur in Bayern.
Nun aber genug. Bleibe stark u. bleibe mir der Du immer warst. Du weißt, wie tief ich mit Dir fühle u. daß auch ich ein Recht habe von Kämpfen u. Leiden zu reden.
In Liebe u. Treue
Deine Käthe.