Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. November 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Nov. 1925.
Mein liebstes Herz.
Es ist schwer, sich schriftlich über Dinge verständlich zu machen, von denen schon Auge in Auge zu reden fast unmöglich ist. Eigentlich hatte ich in mir den Entschluß gefaßt, das schwebende Thema nicht mehr zu berühren, aber Deine lieben Zeilen geben mir doch die Hoffnung, daß wir uns verstehen werden. Zunächst möchte ich Dich doch einmal bitten, Dich an meinen vorletzten Brief zu erinnern. Das war doch nicht nur so hingeschrieben, sondern war echt empfunden. Wie soll ich das zusammen reimen mit dem Verdacht, ich wollte, daß Du Susanne "loswerden" solltest? Vielleicht wäre es früher besser gewesen. Du hättest vielleicht doch einen richtigen Freund gefunden, der an Dir teilnähme, wie Du auch an ihm. Aber so etwas konnte nur langsam wachsen u. ich habe auch leider nie bei irgend einem diese Möglichkeit verspürt. Herre? Werner Jaeger? Immer war irgend ein "aber". Vielleicht forderst Du auch ein Maß von Selbstaufgabe, das nicht männlich ist. -
Als ich von der Einmischung aus Klösterli hörte, erschrak ich. Es schien mir, als ob die unvorsichtige Tonart von Susannes Verkehr mit Dir, wirklich berechtigten Anstoß gegeben hätte. Und darin nehme ich nun einmal meinem Gefühl nach Partei gegen sie, die diese Rücksicht unbedingt wahren müßte. Aber im übrigen hat mich das "was die Leute sagen", am allerwenigsten beschäftigt. Ich erinnerte mich vielmehr, daß Du selbst mit steigenden Bedenken von dieser Beziehung sprachest. Daß Du in Darmstadt mit einer energischen Abwehr wieder eine gangbare Basis geschaffen zu haben glaubtest. Das war nicht
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| der Fall u. wirkte vielmehr als sichtbare Enttäuschung. Du selbst hast mir gesagt, daß ihre Nähe oft beunruhigend auf Dich wirkt. Was also soll daraus werden? - Das alles wäre recht, wenn Du nicht immer wieder den großen unüberwindlichen inneren Abstand zwischen Euch betontest. Was aber solche Inkongruenz der Naturen im täglichen Zusammenleben bedeutet - das weiß ich leider.
Nicht ich habe an Deiner Fähigkeit gezweifelt, diese Beziehung ganz in dem Sinne zu bewahren, wie Du sie nach dem vergeblichen Versuch einer Lösung auf Dich nahmst. Du selbst hast das Problematische der Situation immer wieder betont. Ich frage mich also: ist sie möglich, ist sie um Eurer beider willen erwünscht? Ist - wenn Du Susanne für so verständnislos oberflächlich hältst - überhaupt diese Vertiefung zu erreichen? - - Als Du mir unter den Bogen des Waldfriedhofs von Darmstadt davon sprachst, fühlte ich aufs tiefste mit Susanne u. wünschte mir, ich könnte sie für das gewinnen, was ihr so schöne Bestimmung sein könnte. Du hast diesem Impuls, wie dem schriftlich geäußerten stets abweisend gegenüber gestanden: das sei psychologische Unmöglichkeit. Du weißt ja garnicht, was ich Susanne etwa sagen könnte, u. wie überzeugend ich vielleicht reden könnte mit ihr - da ich doch hoffte, Du könntest dadurch gewinnen. Wer weiß, ob ich nicht gerade als Frau das Wort gefunden hätte, das psychologisch wirken könnte.
Oder meinst Du damit, es sei bei ihr unmöglich? Denn das ist für mein Gefühl die "Klarheit", die von Dir gefordert werden darf, daß Du einen gesunden Boden, frei von heimlicher Schwüle für Euren Verkehr schaffst, daß Du aus freiem Herzen sagen kannst: "so u. nicht anders soll es zwischen uns sein. Kannst Du das auf Dich nehmen?" - Aber gerade das was hierin Hohes u. Einzigartiges für sie enthalten wäre, das könnte ihr ein Andrer weit besser sagen als Du.
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Ist das so unmöglich u. unmenschlich? Haben nicht viele Frauen schon ein ähnliches Schicksal erfüllt? Bist Du wirklich in Dir entschieden, so müßte das doch auch ihr den Willen geben.
Welcher Art die "radikale Aktion" war, ist mir aus Deinen Zeilen nicht klar geworden. Wäre es dies, eine gewisse Distanz im Verkehr zu schaffen, so könnte ich das doch nur gut finden - nicht etwa nur um der "Leute" willen. Aber ein Abbrechen der Beziehung - daran habe ich nie gedacht; das könnte nur sein, wenn es in Dir Notwendigkeit wäre. Sonst [über der Zeile] hielte ich es für falsche Rücksicht auf dummes Gerede, eine Rücksicht, die womöglich noch als Bestätigung aufgefaßt würde. - Jedenfalls aber war ja der fremde Eingriff nur der letzte Anstoß u. eine Klärung u. Festigung war von innen heraus nötig geworden. -
Ach, wenn doch Susanne verstehen möchte, wie Du es meinst.
- Morgen wird bei Rösel Hecht das Töchterchen getauft. Das ganze Haus ist schon heute in Vorbereitung zu dem frohen Fest, u. der Gatte scheint garnicht vermißt zu werden. Seltsame Welt!
Sonst ist es hier still wie immer. Seit voriger Woche habe ich, wieder mit Halsschmerzen anfangend, mich diesmal für einen Hexenschuß entschieden, der mich mehrere Tage am arbeiten hinderte. Jetzt ist es zum Glück fast vorbei. Auch der Finger von Aenne ist heil, es war aber eine ziemliche Sache.
Eine tragische Nachricht kam von Alfred Bassermann. Der Sohn Manfred, der in Salem war, ist innerhalb weniger Tage an einem Furunkel gestorben. Das ist ein hartes Geschick für den Mann, der früher so vom Glück verwöhnt war. Jeder der das Kind kannte rühmte es als ungewöhnlich begabt u. reizvoll. Ich mußte an Otto Braun denken, solch eine
<Rest des Briefes wohl verloren>