Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./30. November 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Advent 1925.
Mein liebstes Herz.
Eben habe ich in die schöne Pestalozzi-biographie von Wilhelm Schäfer, die Du mir vor Jahren schenktest, sein Bild geklebt u. mir dabei die gefurchten Züge betrachtet, die tiefen Augen, die schmerzlich in eine dunkle Ferne zu blicken scheinen. Für diesen Mann sollte nichts leicht werden - u. selbst jetzt, nach 100 Jahren macht man es denen schwer, die sein Andenken ehren u. neu beleben wollen. - Wie werdet Ihr denn mit diesen Schweizer Philistern fertig? Ob nicht der Honnegger, St Gallen, der mir nach dem Aufsatz im Goethe-Jahrbuch ein hochstehender Mensch schien, an Ort u. Stelle vermitteln könnte?
Alles ist brieflich so viel schwieriger, ganz besonders wo Mißverständnisse oder gar Übelwollen angefangen haben. - Auch ich empfinde es gerade sehr, daß ich immer schreiben muß, wo ganz gewiß eine persönliche Verständigung leicht wäre. Ob ich nicht wieder in meinem letzten Brief gerade das nicht zum Ausdruck brachte, was ich eigentlich sagen wollte? Ob ich Dir wirklich so ganz klar aussprach, wie ich von jeher u. auch jetzt an das Recht u. die unbedingte Reinheit Deines Willens auch unter den schwierigsten Verhältnissen glaube? Schon als ich Dich ganz wenig kannte, hatte ich einen sonderbaren Traum, wie ich ihn wach nie gedacht hätte, in diesem Sinne. Jetzt aber kenne ich Dich seit vielen Jahren! Und deshalb weiß ich, daß nichts aus Dir kommen kann, was nicht rein u. gut wäre. Aber die unendliche Verwobenheit des Lebens läßt eine absolute Klarheit u. Eindeutigkeit nicht immer zu. Andere verstehen unser Handeln u. Sein oft anders, als es gemeint war. Sogar bei Dir finde ich zu weilen eine Voraussetzung von Motiven u. Einstellungen mir gegenüber, die mich erstaunt u. die ich manchmal erst nach u. nach verstehe. - - Aber das Urteil des "Man" darf
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| nie u. nimmer maßgebend sein für einen Menschen wie Dich. Und es ist mir ein beunruhigender Gedanke, daß Du von solcher Rücksicht von Deinem Wege abgedrängt worden wärst. - Mich beschäftigen immer nur die Tatsachen wie sie mir gegeben wurden: auf der einen Seite Dein Wunsch, persönlich frei zu bleiben um einer höheren Sache willen, auf der andern Susanne mit ihrem einfachen Realismus. Was soll daraus werden, wenn sie sich auf die Dauer unfähig erweist, Deinem Sinne entgegen zu wachsen? Eine wirklich verständnisvolle Liebe müßte doch von Deinem festen, ernsten Willen zu beeinflussen sein. Daran will ich glauben - nein, daran glaube ich ganz entschieden. Denn sonst wäre das, was Du von ihr willst, nicht ihr Wachstum, Dein Sinn nicht ihr Weg zu sich selbst. Daß über diesen Deinen Willen, wie immer er in Dir sich gebildet hat, vor Dir selbst u. vor ihr Klarheit sein solle, das war mein Gedanke. Denn nur in einer Zweideutigkeit könnte ich ein Unrecht sehen. Wenn Du ihr gegenüber von einer "Gefahr" sprachest, so kann das sehr wohl die Hoffnung auf diese Möglichkeit, die in ihrem Sinne liegt, mehr gestärkt als abgeschwächt haben. Ich halte aber nach allem zu viel von ihr, als daß ich glaubte, nur diese Hoffnung bände sie an Dich.
Die "Wildente" las ich an jenem Abend wieder, mit größerem Verständnis, aber mit demselben Grauen wie früher. Ich kann mir nicht helfen, ich finde doch, daß in dieser glänzenden Darstellung von der Notwendigkeit der "Lebenslüge" eine schillernde Wahrheit, eine halbe Lüge steckt. Der Mann der "idealen Forderung" ist ein blinder Fanatiker, der nur seinen Spürsinn für alles Unzulängliche auslebt - - u. schließlich wird die "Lebenslüge" ja auch nur für den Durchschnittsmenschen gefordert. - Darum laß die ideale Forderung nur ruhig für den nicht Durchschnittlichen bestehen - aber er trägt sie in sich selbst. Denn
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| analog der Lebenslüge, die die Wirklichkeit schonend umkleidet, wirkt der starke Wille, die persönliche Einstellung entscheidend auf die Welt, die uns umgibt. Die Auffassung gestaltet nicht nur für uns die Dinge, sie gewinnt auch Macht über sie.
Die Unklarheit Deiner Beziehungen war Dir selbst unerträglich geworden u. was ich von Dir erhoffte war nichts als die Entscheidung, wie Du sie in Dir u. nach außen klären u. festigen wolltest. Denn Dein Lebenssinn muß hier entscheiden, keine Rücksicht nach außen. - - Daß Du Dich wohler fühlst trotz aller Aufregung, daß Du versicherst, ruhig u. leistungsfähig zu sein, scheint doch nicht eigentlich ein ungünstiges Zeichen. - Von ganzem Herzen wünschte ich, daß Susanne in sich das Verständnis fände für das, was sie Dir sein kann u. soll. Wenn sie eine Weile Deinen Umgang meidet, so bringt das vielleicht größere Ruhe u. das rechte Maß, ein Besinnen u. Aufraffen. - -
Daß Deine Vorlesungen so großartig besucht sind, ist eine Freude. Dieser Widerhall muß Dich ja stärken u. beleben. - Für den Abdruck des Katalog-Vorworts habe ich Dir noch garnicht gedankt! Ich bin voller Bewunderung mit welcher Frische u. Anschaulichkeit diese "Statistik" dargestellt ist, da merkt niemand, daß Du semestermüde warst!
Hier ist jetzt tiefer Winter, ein Schneefall, als sollte alles zugedeckt werden. Das Leben auf der Straße klingt gedämpft, aber fröhlich vom frühen Morgen an. Der ungewohnte Schnee macht allen Freude. Ich bin nur - trotz Sonntag - zur Arbeit ausgegangen. Ich zeichne nämlich jetzt noch für einen Pathologen, u. da ich vorige Woche mehrere Tage versäumte, mußte ich nachholen. Mit dem Hexenschuß ist es noch immer nicht ganz vorbei.
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Gestern war dann auch die Taufe der kleinen Hanna-Maria Hecht. Es war eine fast ausschließlich weibliche Gesellschaft. Pfarrer Ma[über der zeile] aß [unter der Zeile] Maas hielt die Rede, das Taufkind lief dabei beständig durch die Zimmer, denn es wäre unmöglich gewesen, sie so lange still zu halten ohne ein arges Geschrei! Aber es war ein entzückender Anblick, das anmutige, strahlende Geschöpfchen in seiner Lebensfreude. Nur zum eigentlichen Taufakt mußte sie sehr widerwillig auf dem Arm der Mutter stillhalten. Die Rede war recht hübsch, ganz allgemein, nur einmal wurde Persönliches gestreift durch Erwähnung des Vaters, der aber offenbar garnicht vermißt wird. Maas sprach von "dem Weg, den man für Christus in dem Kinde bereiten u. schmücken soll." Und bei dem Bereiten des Weges sprach er von einem Waldweg, den er herrichten sah u. dem mühsamen Entfernen der Wurzeln - - ich muß noch heute immer wieder schmunzeln, wenn ich an dies Bild ausgerechnet im zahnärztlichen Hause denke. - Nachher redete er mich noch an, ehe Aenne u. ich fortgingen, u. fragte nach Dir, begeistert von Deiner Jugenpsychologie.

Montag abend. Ich lese Deinen lieben Brief immer wieder u. bin beständig erfüllt von dem, was Dich bewegt. - Auch die Schwierigkeiten in der Studiengemeinschaft sind mir schmerzlich, denn es beeinträchtigt die Freude an der Sache doch naturgemäß. Es ist mir aber doch immer noch denkbar, daß die Schuld der Beteiligten durch Mißverstehen vergrößert wurde. - Daß Du mir mehrere Exemplare Jugenpsychologie schenken willst, nehme ich dankbar an. Ich habe schon öfter den Wunsch gehabt, das herrliche Buch zu verschenken, aber es war meist über meinem Etat. Aber auf die Zeitschrift möchte ich mich abonnieren, soll ich das durch den Buchhändler oder direkt? - Heute wäre der Geldbriefträger da gewesen - wahrscheinlich in Deinem Auftrag u. so danke ich Dir im voraus von Herzen. Wie sollte ich nur auskommen, bei dem stets unterbrochenen Verdienst, wenn Du mir nicht hülfest. Aber ich kann Dirs versichern, daß ich es täglich beim Heim
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|kehren in die warme Stube dankbar empfinde, daß ich so sorglos leben kann. Es war doch sehr hart, so viel zu frieren.
Rechte Sorge hatte ich um Paula Seitz. Es hieß, sie müsse noch einmal operiert werden, Symptom: Schmerzen im Arm, die anfangs für rheumatisch galten. Da hatte ich natürlich die schwärzesten Gedanken. Aber ganz so schlimm ist es zum Glück nicht, sondern es handelt sich um eine durch Zerrung entstandene Geschwulst am Schultergelenk, die man Schleimbeutel nennt, u. die mechanisch durch gewaltsame Bewegung zerdrückt werden soll, natürlich unter Narkose. Aber es nimmt doch kein Ende mit den Schwierigkeiten bei der Ärmsten.
- Daß wir in Baden jetzt eine Regierung ausschließlich rot u. schwarz haben, wirst Du aus der Zeitung wissen. Wie sehr gewinnt doch das Centrum überall an Macht, u. wie schwer wird es sein, das wieder einzudämmen. - Und Hellpach ist erledigt! Jetzt wird er in die Arme der Wissenschaft zurückkehren, denke ich. - -
Viel Ärger habe ich aus der Ferne an Deinem Hauskreuz. Für so hämisch hätte ich sie nicht gehalten, oder ist es nur Dummheit?
Doch es ist spät u. ich muß meine Augen für morgen ruhen. Ich wollte, der Traum brächte mir wieder ein so liebes Zusammensein mit Dir wie gestern nacht. Und, nicht wahr, es ist nicht nur im Traum Frieden zwischen uns? Wenn man auch nicht die Gefühle eines andern teilen kann, ein tiefes, mitfühlendes Verständnis seines Wesens kann man haben u. das habe ich von Dir. Wenn ich - wie Du sagst: - radikal bin, so ist das eben etwas in meiner Natur, die sich auflehnt gegen ein passives Sichtreibenlassen. Und ich glaube, so bist Du doch auch u. deshalb kamen ja alle Schwierigkeiten, weil Dein Wille keinen Weg sah. Und dazu muß man sich doch immer wieder durchringen: Herr der Verhältnisse zu sein.
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| Daß Du dies wieder in Deinem eigensten Sinne werdest, so wie es Dein ganzes treues Ich fordert, das ist mein Wunsch.
Mit innigen Grüßen
Deine
Käthe.