Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Dezember 1925 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Dezember 25.
Mein geliebtes Herz.
Es kommt mir vor, als hätte ich Dir sehr lange nicht geschrieben, aber das wird wohl eine Täuschung sein u. nur veranlaßt durch meine Ungeduld. Inzwischen hast Du mich schon wieder sehr beschenkt u. ich danke Dir herzlich für die 3 Exemplare Deines so "berühmten" Buches. Ich denke eines für Rösel Hecht, eines für Carl Ruges zu bestimmen. Mit dem Dritten bin ich noch nicht ganz entschieden. - Wie rasend schnell kommt jetzt Weihnachten heran u. bei der lebhaften Beschäftigung, die gerade eben, wo es so ausgesucht trübe Tage sind, eingesetzt hat, habe ich garkeine Zeit dafür. Prof. Gans vermerkt es immer übel, wenn ich auch "andere Götter habe neben ihm", da muß ich ihn möglichst wenig verkürzen u. daher recht lange zeichnen. - Abends, während Aenne vorliest, kann ich freilich eine Handarbeit vornehmen, aber da ist immer so viel nötige Flickerei! Unsre Lektüre war hübsch: 2 Biographien weiblicher Ärzte: Frau Dr. Heim, Zürich; u. mir besonders anziehend durch schlichte Sachlichkeit die Erinnerungen einer Achtzigjährigen: Frl. Franziska Tiburtius. Wie sehr empfindet man den Abstand zwischen dem Kampf u. ernsten Streben dieser Frauen mit von dem Geist der heutigen Durchschnittsstudentin. Die kleine Spröhnle allerdings ist darin anders, aber bei ihr muß man wieder für die Gesundheit besorgt sein. -
Auch den " Coné" hatte ich in der Hand. Neben allerlei längst Bekanntem u. der sehr richtigen Behauptung, daß man durch die Richtung, die man seinen Vorstellungen gibt, den Ablauf der
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| physischen Funktion beeinflussen kann, enthält das Büchlein eine ganze Sammlung von "Fällen", an denen der Erfolg bewiesen wird. Jedenfalls hat der Mann eine hohe Suggestivkraft - aber daß er schwere organische Leiden durch zweimaliges Überreden geheilt haben will, ist entweder Selbsttäuschung oder Betrug. - Auch bei Annchen Malcus hat natürlich die Kur bei dem Wunderdoktor garnichts geholfen, obgleich sie selbst doch der Sache sehr gläubig gegenüber stand.
Durch die Nichte von Alfred Baßermann bekamen wir die Gedächtnisrede, die der Vorsteher der Erziehungsanstalt in Salem für Manfred hielt. Es ist wirklich wundervoll, welch reiches, gehaltvolles Sein dieser junge Mensch schon hatte. Auch seine Kameraden sollen das in vollem Maße anerkannt haben.
Ich lege Dir die Ausschnitte betreffend Hellpach bei. Früher hieß es, er sei bei der Universität unbeliebt u. nun diese Ehrung!
- - Von meiner Schwester Aenne hatte ich einen langen, ungewöhnlich inhaltreichen Brief. Sie war in Stolpe u. Bütow u. erzählt sehr nett davon. Aber erschreckend ist, was ich auch schon von Walther hörte, daß die älteste Tochter von Allolio's heimlich das Haus verlassen hat u. daß noch niemand weiß, wo sie geblieben ist. Wie schrecklich für die Eltern u. was wird aus dem armen Mädel werden?! - - Auch Onkel Hermann hat neue Sorgen, da der Sohn aus erster Ehe, Heini, der in Altona Arzt ist u. der die Mittel zu Rudis Studium beisteuert, eine schwere Operation durchmachen mußte. So hört man eigentlich nur Trübes. Ach, wenn Du mir doch bald schreiben wolltest, daß ich Dich zu Weihnachten nun wirklich sehen werde - das wäre doch ein lichter Punkt in diesen grauen Tagen. - Gesundheitlich geht es leidlich. Gut, daß die ungewöhnliche Kälte nachgelassen hat. Aber so sehr zu tauen brauchte es nicht gleich. - Im ganzen sind die Tage still u. friedlich, nur bedrückt. Das ist nur anders, wenn ich gute Nachricht von Dir habe. Wie sehr wünsche ich Dir ein stetes, starkes Gelingen. -
<li. Rand>
Sei innig gegrüßt von Deiner Käthe.