Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Januar 1926 (Heidelberg)


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6.I.26.
Mein innig Geliebtes!
Seitdem ich von Dir fortbin, sind die Wogen gleich wieder recht unangenehm über mir zusammengeschlagen. Ich will daher heut, am letzten sog. Ferientag, Dir gleich für die schönen gemeinsamen Tage danken, und Dir einiges berichten, was Du doch wohl wissen mußt, um im Zhhg zu bleiben, wissen mußt, weil ich mich da zerreibe, ohne irgend einen echten Segen zu sehen.
Susanne holte mich an der Bahn ab. Zu Hause natürlich Stöße von Post, mit der ich noch nicht fertig werde. Dann am Nachmittag Neubabelsberg. Alles war in Regie gebracht für dieses mein Zusammentreffen mit Peter. Dann aber hatte Lore für ihn und sich Theaterbillets genommen, und ich hatte knapp eine halbe Stunde Zeit, mit dem jungen Mann zu reden, der recht intelligent, aber ohne besondere Tiefe zu sein scheint.
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| Die gewonnene Zeit wurde zu einer mehr als zweistündigen "Aussprache" benutzt. Hauptanlaß waren meine (in der Tat recht nüchternen) Zeilen aus Heidelberg, die nach dem Weihnachtsabend nicht genug aus der Tiefe gekommen wären. Wie meist, wurde das auf Deinen Einfluß zurückgeführt. Frau Riehl, übrigens immer in voller Güte u. Wärme - sprach von der Besonderheit ihrer Welt. Dies ist so sehr wahr, daß sie nun niemand mehr ganz finden kann. Nicht mit Unrecht sagt sie, daß sie ja nur noch eine kurze Zeit bleiben werde. Aber - ich bekenne es ehrlich - mir fehlt der Schwung, in ihr Reich mitzugehen, weil doch überall die einfache Ehrlichkeit fehlt. Nach dem Bahnhof begleitete mich dann noch Hans Heyse (Adelheid war krank, er leidend), um mit mir die Frage zu besprechen, ob man es gegen den Rat der Ärzte verantworten könne, die Operation gemäß ihrer festen Entscheidung zu unterlassen. Ich war von alledem so zermartert, daß ich noch heute meinen Kopf
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| nicht wieder zusammenbringen kann. Das sind doch alles lauter Verhältnisse, deren Gesundheit aus einem Idealismus subjektivster Art zerstört ist.
Noch in einer anderen, kleineren, aber mich ärgernden Angelegenheit, muß ich Dich um Rat fragen. Susanne ist von Frl. Wingeleit regelrecht hinausgesetzt worden, als sie am Tage meiner Ankunft auftragsgemäß kam, um meine Briefe u. Drucksachen etwas zu ordnen. Frl. W. erklärte (um 3), sie müsse jetzt fortgehen, wobei [über der Zeile] die Tonart und das ganze Wie unpassend war. Denn sie war noch nicht einmal zum Ausgehen angezogen.
Susanne hat sich hierüber nicht eigentlich beklagt. Aber ich kann das unter keinen Umständen dulden, wenn in meinem Hause gegen meinen Verkehr und gegen meine Anordnungen Opposition gemacht wird. Wie soll man da nun vorgehen? Wäre Frl. W. jünger, so wäre wohl jetzt ein Wechsel an der Zeit. Sagen kann ich ihr über diesen Fall nichts. Denn dadurch wird
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| die Spannung gegen Susanne nur noch stärker, und der Zustand ungemütlicher, als er jetzt schon ist. Das aber ist es, was mich vor allem stört: dies immer Denkenmüssen, um mich herum ist Konflikt, Beteuerung und stiller Widerstand. Und Du weißt, wie unausgesprochene Verstimmungen auf mich drücken. Ob es in diesem Fall wohl einmal angebracht wäre, daß Du an Frl. W. schriebest und ihr (quasi geheim) klar machtest, daß ich zwar ein ganz gutartiger Mensch bin, aber so was, ohne es auszusprechen, sehr nachtrage. "Im beiderseitigen Interesse ......... möchte sie doch mehr auf meine Wünsche eingehen u. dabei berücksichtigen, daß ich nicht gerade auf dem Rosenlager liege, sondern mit einer gewaltigen Arbeitslast bedacht sei. Da ginge es nicht an, diejenigen, die mir helfen, die wenigen, die überhaupt zu mir kommen, aus dem Hause zu drängeln." Bitte überlege - es ist nur ein Einfall. Vielleicht ist er falsch.
Allgemein muß ich hinzufügen, daß - bei aller Klarheit meiner Stellung zu Susanne -
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| es ganz falsch ist, wenn andere sich immer hineinmischen und uns sozusagen auseinanderbringen wollen. So etwas läßt sich kein Mann gefallen. Und wenn ich gegen Frl. W. schweige, so geschieht es nur, weil sie für den Rest ihres Lebens doch an mich gekettet ist. Susanne mutet ihr nichts zu, was ihre Rechte beeinträchtigte. Aber es muß mir erlaubt sein, Bilder mit ihr (Susanne) aufzuhängen, statt mit Frl. W., und Einkäufe zu machen, mit wem ich will.
Du siehst, es geht hier in der Melodie des alten Jahres weiter. Aus m. Neujahrspost habe ich Dir ein paar hübsche Sachen ausgesucht, die ich zurückerbitte. Das Unhübsche behalte ich für mich.
Lebe wohl, mein Liebes, und habe Dank für den Frieden der Tage bei Dir und mit Dir
Dein
Eduard.
Gruß an den Vorstand.

Die Studiengemeinschaft sendet soeben leider eine Riesenazalee.