Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Februar 1926 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 1. Februar 1926.
Mein innig Geliebtes!
Heut habe ich von 10-7 mit einer Pause von 20 Minuten (10 Min Weg, 10 Min. Kaffee) Dienst gehabt, summa summarum also 10 Stunden Arbeit hinter mir. Bei der Heimkehr fand ich Deinen lieben Brief, las zufällig zuerst die Beilage mit der geistig zurückgebliebenen Handschrift und sagte ohne Dein Urteil zu kennen: "Was Sie denken, is nicht." Das Ganze ist ja gerade nicht lieblich für jemanden, der seine eigne Arbeit hat und mit den Kräften haushalten muß. Über 10 Tage würde ich es nicht ausdehnen, schon damit sich die "Kundschaft" nicht verläuft. Diese Zeit aber würde ich rationell ausnützen, d. h. nach dem Prinzip Korgitzsch und nicht nach dem Prinzip Werhahn. Ganz verstehe ich ja die Pläne nach den Mitteilungen nicht, nehme aber an, daß der Onkel nicht gleich ziehen, sondern nur den Umzug vorbereiten will. Dazu gehört
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| natürlich Überlegen, Besprechen und Sortieren. Sobald dies aber geschehen ist, würde ich von einer zuverlässigen Casseler Speditionsfirma auf 2 Tage einen Packer kommen lassen, der das Entbehrliche bereits verpackt. In dieser Zeit leistet so ein Mann mehr als überhaupt zu verpacken da ist. Die Sache kann 40 M kosten, die Du auf Deine Rechnung nehmen kannst, wenn Du auch dem Onkel zur Beruhigung sagst, der Mann sei der Heizer vom Krankenhaus und komme aus krankhafter Wollust am Packen. Feierlich verpflichte ich Dich, weder hin noch zurück nachts zu fahren. Zurück mußt Du so früh ankommen, daß Du 12 Stunden vor Dienstaufnahme schlafen kannst.
Dein Geschäft blüht also ähnlich wie das meinige. Denn eigentlich bin ich seit 8 Tagen nicht zum Atmen gekommen. Wenn auch alle Gefühle gemischt bleiben, so ist es nicht zu viel gesagt: die Akademierede war eine große Stunde. Ich werde Dir Briefe darüber schicken. Die Zeitungen brachten den gewohnten Mist. Obwohl ich 60 statt 45 Min. sprach, blieb die Aufmerksamkeit bis zum Schluß fühlbar gespannt. Der vorsitzende Sekretar fügte eine Schlußrede an, die in der
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zu ihnen gekommen; durch Berlin aber sichtlich verändert. Nun, inzwischen bin ich ja auch schon klar: der Mann ist innerlich verwahrlost, verwildert, in keinem Sinne ganz reinlich; aber es ist irgendwo ein guter Kern, der zu retten ist, wenn er - selber will. Und meine Methode war bis jetzt sicher richtig: nämlich ihn ganz ruhig den neuen Eindrücken zu überlassen.
Um 11 Auto zu Cassirer, an der farbigen schönen Elster entlang. Es ist da etwas Fatales. Dessoir hatte ganz recht: Cassirer mußte nach Berlin. Aber eben mit Dessoir zusammen ging es nicht. Und Maier wollte durchaus nicht. Ich würde heut keinen Widerstand leisten. Not leidet er sichtlich in Hamburg nicht. Von dort Auto zu Frl. Glinzer. Ein klein wenig verengt und verspießt, aber von alter fester Treue. Auto zum Hotel. Um 2 fürstliches Diner mit Tietjens unter lebhaften Gesprächen über ihre Zukunft. Um 4 Abfahrt mit Lietzmann (Nachfolger v. Harnack.) Soweit ich nicht schlief, machte ich das Kolleg für heut.
Wenig vorbereitet u. müde geht es manchmal besser als mit vielem Oelen. Als ich wieder unter im Sprechzimmerchen war, kam der Studienrat Böhm, der aus unbekannten Gründen trotz meiner
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| Empfehlung in Harburg durchgefallen ist. Ich schob ihn aber sogleich wieder hinaus, weil ich hinter ihm den Prinzen Louis Ferdinand sah. Der kam bescheiden herein u. sagte sehr einfach: Meine Mutter würde sich sehr freuen, wenn Sie sie am Sonnabend ½ 8 besuchen wollten. Sie hat so viel von Ihnen gehört, und weil ich doch jetzt bei Ihnen höre ........ Natürlich sagte ich mit Dank zu. Ich fand die ganze Art sehr bürgerlich nett.
Gestern Abend fand ich schon die Karte des amerikanischen Botschafters, der am Montag samt Mrs. Schurmann would be glad. Hier bin ich weniger glad. Aber es muß wohl alle Gerechtigkeit erfüllt werden. Du siehst, ich bewege mich nur auf den Höhen der Menschheit, wenn ich auch heut kein Mittagbrot gegessen habe und 2 Leute zur Hälfte durchfallen ließ. Gottlob bin ich nicht mehr, wie vor 11 Jahren in Gefahr, mich von Scheinwerten blenden zu lassen.
Dies ist nun meine Geschichte. Ich muß früh ins Bett. Denn der letzte Monat ist noch voll von eiliger Arbeit. Auch muß das Ms. der Rede bald vollendet werden. Du hast auch Dein Teil rüstiger Mitarbeit daran.
Innige Grüße u. alle guten Wünsche für die Reise Dein Eduard.