Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1926 (Berlin-Wilmersdorf)


[1]
|
<Stempel, auf Kopie unleserlich:
Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

24.II.26.
Mein innig Geliebtes!
Es ist mir angenehm, Dich nach den anstrengenden und gemütbedrückenden Tagen wieder in Heidelberg zu wissen. Meine innigen Glückwünsche zu Deinem Geburtstag erreichen Dich so in "unsern" Räumen, und hoffentlich finden sie Dich in dem Wohlbefinden, das ich mit meinem Geburtstagsgruß auf dich herabwünschen möchte. Ist der Finger wieder ganz in Ordnung? Mein Buchhändler hat mich mit der Besorgung einer kleinen Mappe "Dürers Aquarelle" schnöde im Stich gelassen, obwohl ich sie vor 8 Tagen schon bestellt habe. Und so ereignet sich wiederum der für mich traurige Fall, daß ich mit leeren Händen zu Deinem (und meinem) Festtage erscheine, abgesehen von dem Korrekturabzug der Rede, die ich Dir als der fleißigen Mitarbeiterin dankbar überreiche. Ein fertiges Exemplar, in dem die
[2]
| Anmerkungen hinten stehen werden, folgt nach.
Endlich kann ich Dir nun auch etwas von meinen Erlebnissen in den letzten recht bewegten Wochen erzählen. Sie liegen überwiegend auf gesellschaftlichem Gebiet, sodaß der Anschein entstehen kann, ich hätte recht viel freie Zeit gehabt. In besonders angenehmer Erinnerung ist mir der Abend in Cecilienhof. Es waren außer mir nur Roethe und Schumacher geladen. Am Bhf. Potsdam traf ich verabredungsgemäß Roethe, aber auch den Prinzen Louis Ferdinand, der uns im Auto holte und den ich mit Mühe abhielt, auf dem Bock Platz zu nehmen. Cecilienhof ist eigentlich nur Sommerwohnung. Alles vollzog sich in einem großen Zimmer. Zuerst erschienen die Gouverneure mit den beiden studierenden Prinzen, dann die Kronprinzessin, sehr gut aussehend, in rotem Kostüm. Von Ceremoniell war nicht die Rede, die Unterhaltung kam gleich in Gang, indem Roethe meine Rede über den grünen Klee lobte, worauf er zu m. Schrecken noch 3 mal später zurückkam. Zuletzt erschienen noch 2 jüngere Prinzen. Wir saßen beim Essen um einen
[3]
| runden Tisch, ich rechts neben Prinz Friedrich Wilhelm, die Kronprinzessin zwischen Roethe u. Schumacher, der erst nach Beginn des Essens eintraf. So blieben wir auch bis zum Schluß sitzen. Die Unterhaltung betraf überwiegend Politisches und Kulturpolitisches, zuletzt sogar reine Fakultätsfragen. An allem nahm die K. mit sichtlichem, nicht bloß gesellschaftlichem Interesse lebhaft teil. Es kam, trotz Roethes Beredsamkeit, jeder voll zu Worte. Erst um 11, also nach 3 ½ Stunden wurde das Auto gemeldet. Die K. sprach die Hoffnung aus, m. Rede lesen zu können. Die Prinzen begleiteten uns in die Garderobe und bis an den Wagenschlag. Kurz, es war ungezwungener, als manchmal in unseren Kreisen. Im nächsten Semester gehen die Prinzen nach Bonn.
Beim amerikanischen Botschafter war großer Rout. Er ist selbst Professor der Philosophie gewesen und hat leider mit Ludwig Stein zusammen studiert, diesem unsaubern, internationalen Juden, mit dem er nun in dauernder Verbindung steht und der auch hier natürlich auftauchte. Man bemühte sich, möglichst an keinen Amerikaner zu geraten, und kurz vor 7 konnte ich zu m. nächsten Verpflichtung, nachdem ich mit Meinecke endlich wieder ein paar gute Worte gewechselt hatte. (Ursula M. traf ich in Hamburg.)
[4]
|
8 Tage später war ich zum offnen Abend bei Harnacks. Dort packte mich ungeheuer eine Friderikusnovelle, die der Dichter Wolfgang Goetz [über der Zeile] Goetz selbst vorlas und die bis heute in mir stark nachwirkt. Auch mit H. selbst sprach ich recht anregend. Wieder 8 Tage später war ich bei Gouverneur Seitz in einem recht angenehmen, zwanglosen Kreise rechtsgerichteter Leute. Dort lernte ich auch Frau Helfferich kennen, die einen 3 ½ jährigen fabelhaft begabten Sohn haben muß. Frau Seitz (er stammt aus Schwetzingen) ist eine der angenehmsten Damen, die ich kenne, und ich hoffe, dort nicht zum letzten Mal gewesen zu sein.
Außerdem an einem Abend Collegium musicum, gestern geselliges Beisammensein der Studiengemeinschaft, kurz, ich bin fast nie zu Hause und muß sehr kämpfen, neben aller Pflichtarbeit wenigstens mein holländisches Referat fertig zu bekommen.
In Neubabelsberg besteht wieder eine Kluft zwischen den Parteien im Hause. Ich bin im Kurs entsprechend gestiegen. Übrigens habe ich einmal mit sichtlich tiefer Wirkung brieflich auf die zerstörenden Folgen steter
[5]
| "Aussprachen" hingewiesen.
Unmittelbar nach Semesterschluß habe ich 6 Stunden für den Berliner Lehrerverein und 4 Stunden für die Frauenakademie zu reden. Am 17. März spreche ich in der Goethegesellschaft in Magdeburg, will dann 3 Tage in Braunschweig oder Goslar bleiben. Mit einem kurzen Vortrag am 21.III. in der Deutschen Adelsgenossenschaft endet die Serie der Vorträge.
Innerlich hat mich besonders folgende Angelegenheit beschäftigt. Wenke erzählte mir, daß Goldbeck nach der Akademierede sich sehr empört zu s. Freunden Littmann und "Adam" über folgenden Satz m. Rede geäußert habe: "Wer sich in den Deutungen der Freud'schen Psychoanalyse abgemalt findet, ist dekadent." Natürlich richtete sich der wohl abgewogene Satz (im Druck ist er trotzdem verändert) nicht gegen G. Er muß sich aber getroffen gefühlt haben. Seitdem habe ich von ihm nichts gehört. Zu einer Auseinandersetzung hat er also keinen Mut, und ich kann sie mit Rücksicht auf seinen Herzzustand nicht beginnen. Ein lange dunkel gefühlter Gegensatz (das jüdische Moment in G.) kommt damit zum Ausbruch,
[6]
| und es zeigt sich einmal wieder, daß ich eben keine Freunde haben soll. Bei dieser Gelegenheit will ich nachtragen, daß ich auch einen hübschen Abend bei Nordens in Lichterfelde verlebt habe. Ich saß zwischen ihm und Frau Jäger, die immer sehr freundlich ist, und auch mit ihm ging es diesmal besser. Denn manchmal kommt der alles wissende Philologe in ihm recht unangenehm zum Ausdruck. Alle diese "Unternehmungen" erleichtere ich mir durch fleißige Autobenutzung. Sonst würde es mich zu sehr anstrengen.
Heute Nachm. vereidige ich den neuen Assistenten. Wenke macht nächste Woche seinen Doktor.
Die Reiberein mit den Schweizern behalten nach wie vor ihren fatalen Charakter. Ich werde im April jedenfalls einmal nach Zürich fahren.
Jetzt beginnt m. Sprechstunde. Ich muß mal vorläufig abbrechen, und nachher wird es nur für einen kurzen Schlußsatz mehr reichen.
Am 28.II. erwarte ich (aus Anlaß des Deutschen Ausschusses, den ich nicht besuche) etwa 6 Pädagogen und Philosophen zum Tee.
2 Uhr 5 geht der letzte. Ich muß um 4 in der Stadt sein. Daher Schluß mit innigsten Geburtstagsgrüßen Dein Ed.
[re. Rand] Wegen Lili Scheibe sprach ich gestern mit Pallat. Nichts zu machen.