Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. März 1926 (Berlin-Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

15.III.26.
Mein innig Geliebtes!
Du hast Deine große Reise angetreten, und wenn ich auch die Stellung zum Leben und Lebensaufbau, die sich darin kundtut, nicht so ganz verstehen kann, wünsche ich Dir Doch von Herzen für den 1. Teil einigermaßen gute, für den 2. Teil recht frohe Eindrücke.
Meine Reisepläne haben sich insofern verschoben, als ich auf die Allonge zum Magdeburger Vortrag verzichte und dafür schon am 24.III. nach der Schweiz aufbreche. Ich kann die Last, die auf mir liegt, nun bald nicht mehr bewältigen. Auch möchte ich den quälenden Eindrücken in Neubabelsberg, wo sich das Pathologische doch immer deutlicher herausbildet, einige Zeit aus dem Wege gehen. Sei dem 15. Oktober hat es keinen Tag mehr gegeben, an dem ich nicht wenigstens ein paar Stunden gearbeitet hätte. Und mit Beginn der sog. Ferien ist es noch viel schlimmer geworden.
Ich bitte Dich, mir rechtzeitig mitzuteilen, wann Du hier ankommst. Hoffentlich ist es nicht
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| gerade am 22. nachm. oder Abends; denn da habe ich versprochen, nach Klösterli zu kommen, und jede Änderung oder Verspätung schon wird sehr übel genommen. Ich möchte Dich aber wenigstens abholen, wenn wir uns dann auch hier nicht länger sehen werden. Ob ich bei Genf bleibe, hängt etwas von der politischen Entwicklung ab. Aber es gibt so viele Pestalozzistätten in der Schweiz, daß ich nicht in Verlegenheit bin. Iferten und der Neuhof sind ja auch einen Besuch wert.
Wenn Du in m. Abwesenheit mit R.-chen redest, so bitte ich Dich heut schon, ja keine Kritik an ihr durchblicken zu lassen. Diese Dinge schaden in der Regel mehr als sie nützen. Wichtiger wäre es, ihr ein entferntes Verständnis für das beizubringen, was ich bin, und daß ich zu Hause oft deshalb reizbar bin, weil ich draußen ununterbrochen Geduld üben muß. Aber das wird ihr doch unter keinen Umständen eingehen.
Ich habe am Freitag den 10. meiner Extravorträge beendet und habe nun nur noch am 17. Magdeburg und am 21. hier zu reden. Daß ich durch Post und Literatur u. versprochene Aufsätze auch nur entfernt durchkomme, ist aussichtslos. Ich habe mich gewöhnt, jetzt
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| einfach liegen zu lassen. Denn ich kann nicht mehr, und es ist ja auch großenteils sinnlose Kraftverschwendung auf Sekretärsarbeit.
Gesellschaftlich war nur noch ein Judenabend bei Alice Salomon und ein Abend bei Frankes mit Lenz u. a. Mein neuer Assistent entfaltet bis jetzt wenig sichtbare Talente, mich zu entlasten. Ich fürchte, daß ich nicht richtig gewählt habe. Heut bin ich bis zur Erschöpfung durch die Stadt gejagt, um Nötiges einzukaufen, meist Unzweckmäßiges, wie es geht, wenn man nie Zeit u. keine Übung hat. Sonst ist nichts Neues zu berichten, als daß 2 Muli an mir knabbern (Wolfgang Imhülsen u. Adalbert Körner), daß am Sonntag Anderl Witting bei mir Mittag gegessen hat, und daß Dora Thümmel nachmittags da war.
Ich grüße Dich herzlich und bitte Dich, den lieben Onkel mit herzlichen Wünschen zu grüßen. Hoffentlich strengt Dich die traurige Arbeit nicht zu sehr an.
Dein
Eduard.