Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. April 1926 (Genf)


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Genf, Karfreitag 1926.  9 Uhr.
Mein innig Geliebtes!
Ein Frühlingsmorgen – fast zu schön, um an seine Fortsetzung zu glauben. In 1 Stunde werde ich den Dampfer besteigen, der mich über den ganzen See nach Montreux und – wenn es nicht zu kalt wird, wieder zurück bringen soll. Eigentlich wäre es schon gestern dafür recht gewesen; aber am Morgen herrschte noch starker Nebel.
Die Woche ist so verlaufen: Montag: regnerisch u. schwül. Abends Tristan 8 – ½ 1, sehr gute Aufführung auf deutsch. Dienstag, überwiegend regnerisch, Anfang von Verdauungsstörungen, wie es sich gehört. Mittwoch warm, Föhnstimmung. Museum J. J. Rousseau. Internationales Reformationsdenkmal* [am Ende des Absatzes] * in Pregny., nachm. Fahrt nach Nyon (zwischen Lausanne u. Genf.), ein wenig Meersburg, alte Schloßterrasse, Aussicht trotz Sonnenschein u. Nordwind beschränkt. Zu Fuß auf Automobilstraße nach Coppet (Schloß der Frau v. Staël.) Abends 1 Fl. Burgunder u. ein wenig betrunken. Donnerstag vorm. Parc des eaux vives, nachm. Parc Ariana
Deinen lieben Brief von der Ankunft in Stolp habe ich erhalten u. mich sehr gefreut. Hoffentlich hast Du, wenn diese Zeilen eintreffen, alle Stationen ohne zu große Anstrengung hinter Dir u. kannst Dich in Berlin (bei gut verschlossenem Spundloch) noch ein wenig ausruhen. Am Sonnabend gegen Abend sind wir hoffentlich beide auf der Reichenau.
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| Wer zuerst kommt, macht Quartier. Ich kann über m. Ankunft nichts ganz Bestimmtes sagen, weil ich, wenn möglich, noch in Wil u. in Kreuzlingen Besuche machen möchte, also vom Fahrplan abhängig bin. Ich möchte ein heizbares u. ein "schreibbares" Zimmer.
Außerdem habe ich noch folgende Bitten: wenn Du noch mal nach dem Hohzolldamm gehst, so suche bitte heraus: in dem großen Regal Korridor links mittl. Höhe unter m. Schriften neben einem stehenden Packet 2 Exemplare der Rede für die Kinderärzte, zu senden als Drucksache mit Auslandsporto u. Vermerk "bitte nachsenden" an Herrn Dr. Georg Paleologos, Wilm. Nassauischestr. 47 bei Schweizer. – 2 Reihen tiefer steht allerhand Religionsphilosophie. Darunter Barth, das Wort Gottes (oder ähnl.) u. Gogarten (geheftet) Beides hätte ich gern auf der Reichenau. Endlich hätte ich gern, da jedes Paar am 1. Tage entzwei geht, 2 Paar Strümpfe, schwarz, mittlere Stärke. Ob dies in Deinen Koffer geht oder als Päckchen, stelle anheim.
Verzeih, wenn ich heut nur Geschäftliches schreibe. Wir sehen uns ja bald. Am Mittwoch werde ich in Zürich Hauptpost nach Postlagerndem fragen. Ich bitte, die ganze Kurfürstenstr. herzlich zu grüßen. Reise gut, u. auf Wiedersehen im Mohren!
Innigst Dein
Eduard.

[] Ich fahre hier vermutlich am 3. Osterfeiertag ab über Yverdon nach Zürich.