Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. April 1926 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 24. April 1926.
Mein innig Geliebtes!
So nenne ich Dich auf Grund unsrer untrennbaren Lebensverbundenheit und der Gewißheit, daß in Dir die reinste Seele, die größte Kraft der Liebe und Treue, der heiligste Ernst des Daseins Gestalt gewonnen und in meine Welt unauslöschlich eingetreten ist. Wenn Du in mir etwas Fremdes, ja etwas von Abwehr findest, so glaube ich heut in der Lage zu sein, Dir dies zu erklären. Ich sagte Dir schon, daß ich z. Z. in mir selbst nicht weiter weiß, und also auch nicht schöpferisch wirken kann. Gegenüber dieser Lage haben meine Freunde, auch Du, für mich aus gutem Herzen Opiate, aber keine Stimulantia. Ich will, daß man von mir das Ungewöhnliche fordere. Du hast es gewiß nicht verstanden, daß ich Deiner Reise nach Berlin, Stolpe, Stargard so kühl gegenüber stand. Der tiefere Grund ist, daß jeder, der
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| nicht Vater und Mutter verläßt um der Nachfolge willen, d. h. um der Nachfolge im Entscheidenden willen, mich irre macht. Ich meine das garnicht so, als ob ich etwas Großes vollbringen könnte; sondern so, daß jeder dienen muß, daß mein Dienst dem deutschen Volk etwas leisten soll, und dass ich mit der Kraft und Freiheit, die ich heut habe, mehr zustande bringen soll, als Reden, die gut "zusammengestellt sind." Von mir zu sprechen, ist absolut unfruchtbar. Denn Gott hätte mich nicht in all diese persönlichen Sackgassen geführt, wenn er damit nicht meinte: da liegt deine Bestimmung nicht; du sollst die Sache auf deine Schultern nehmen. Aber die mich lieben, die wollen immer Leib und Seele bei mir kurieren, mir zum Ausruhen helfen, während sie doch sagen sollten: da liegt der Stein, den Du auf Deine Schultern nehmen sollst.
Der Zufall will, daß ich eben vor einer halben Stunde bei Jaspers (der mir sonst wenig gibt) aus Kierkegaard herausgefühlt folgendes lese: ".... das ist einer der Gründe des Schweigens über die letzte Innerlichkeit. Ein anderer Grund des Schweigens ist die Notwehr gegen die
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| Mittelmäßigkeit. Dieses Schweigen hat Kierkegaard beschäftigt: ‹‹Gewiß kann ein Mensch von sich selbst Anstrengungen fordern, von denen der es am besten meinende Freund, wenn er davon wüßte, abraten würde.››. .... Diesen absoluten Maßstab kann der Mensch und darf er nicht sagen. ... ‹‹Jeder, der in Wahrheit sein Leben gewagt hat, hat den Maßstab des Schweigens gehabt; denn ein Freund kann und darf dies nie anraten, ganz einfach darum, weil derjenige, der, wenn er sein Leben wagen soll, einen Vertrauten braucht, um es mit ihm zu überlegen, nicht dazu taugt." .... ‹‹Der, der schweigt, klagt niemand als sich selbst an, beleidigt durch sein Bestreben niemand; denn das ist seine siegreiche Überzeugung, daß in jedem Menschen dieses Mitwissen mit dem Ideal wohnt und wohnen soll."
Ich habe dies nicht; aber ich sollte es haben. Und ich sollte immer fühlen, daß man von mir Kampf erwartet, statt Ruhe, daß man um mich herum nicht müde ist, sondern wach. Aber aufbringen muß ich es selbst. Und deshalb mein Schweigen - es sei denn, daß ich fühle: ein Erwecker steht neben mir.
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Unsere unvergeßlich schönen Tage auf der Reichenau haben unter einem ganz andern Zeichen gestanden; unter dem Zeichen des verdienten Gelehrten, der auch einmal Ruhe haben muß, damit er nachher um so besser wieder lesen und schreiben kann. Aber Lesen und Schreiben sind es nicht, worauf es ankommt; niemals, und am wenigsten heut.
Es ist eine der menschlichen Ungerechtigkeiten, daß man von anderen Seelen her Unterstützung für das erwartet, was man in sich selbst aufbringen muß. Verliert sich aber diese Ungerechtigkeit, so verliert sich zu leicht auch der Stachel.
Ich habe meine Semestervorbereitung hier schlecht und recht aufgenommen. In Neubabelsberg war ich noch nicht, weil der Freitag dort nicht paßte. Doch drohen von dort neue unfruchtbare Komplikationen. Adelheid schreibt mir, daß die mehrfach besprochene Diagnose eindeutig als falsch erwiesen worden ist (eine schöne medizinische Leistung wieder von Herrn Kurzrock). Dafür steht es nun psychisch schlechter als je. Mit Lore scheinen schwere Konflikte
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| gewesen zu sein. Und nun taucht, wie ich höre, der Gedanke auf, mit mir zusammenzuziehen. Ich fürchte den Dienstag (27.IV.), weil ich das Spiel weiter mitzuspielen nicht Kraft und Willen habe.
Herrn Frommherz habe ich eine schöne <gestrichenes unleserliches Wort> Vase aus der "Württembergischen Metallwarenfabrik" gesandt (15,50) und ihm in unser beider Namen ein paar freundschaftliche Worte geschrieben. Meine Hinreise verlief gut, doch beschäftigte mich zum Schluß das Schicksal eines mitreisenden Herrn, der im Coupé mehrere Stunden schlief, dann beim Aussteigen in Ohnmacht fiel, und den ich der Fürsorge eines Gepäckträgers überließ, obwohl ich mich wohl weiter um sein Ergehen hätte kümmern müssen. Hoffentlich ist er gut in der Schönhauser Allee angelangt. Ein Bahnarzt war trotz meiner Nachfrage nicht verfügbar.
Sonst ist hier natürlich allerhand Kram, aber nichts von Belang. Johanna Richter sah ich heut in der Sitzung des Fröbelverbandes. In Bendemann fand ich einen jungen Menschen von glühender, mich vielfach beschämender Genialität. Er machte mich darauf aufmerksam, daß auch Goethe auf s. Schweizer Reise in St.-Cergues im Jura
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| war.
Es ist fast Mitternacht. Wir wollen unsren Weg weitergehen, nicht in "friedvoller Übereinstimmung", sondern im gemeinsam gekämpften Kampf. Das allein ist Leben, und alles andere ist Gefahr.
Unsre Wege, oft mühsam und weit, seien hierfür Symbol, nicht die schwebende Stimmung des Abends, deren Seligkeit ich auch fühle, die aber nur Ausklang von Bewegung, nicht Grundklang sein darf.
Ich grüße Dich innig als Dein
Eduard.