Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10./11. Mai 1926 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 10. Mai 26 recht spät.
Mein innig Geliebtes!
Daß der Wunsch, viel zu sagen, so leicht den Mund auch für das Wenige verschließt, das man zu sagen Zeit und Ruhe fände! Es ist eigentlich nicht nur der Beginn des Semesters, der mich hinderte, sondern etwas Chaotisches in mir, das sich durch keine Darstellung, wie ich bemerke, ganz mitteilen läßt. Ich gehe ohne Ziel, vielleicht eine "Frühlingsstimmung", vielleicht eine Nachwirkung der traumhaft schönen Reichenau. Gott weiß, was daraus wird.
In Deinen lieben Briefen finde ich so ganz Heimat und Verstandensein, daß sich gewiß alles in mir aufschließt. Aber doch nur das, was ich selbst mir deutlich machen kann. Vielleicht habe ich - zu wenig zu tun, im Verhältnis zu dem, was ich brauchte, um vor mir selbst genügend auszuweichen. Es ist einmal wieder stärker als je, dies Fluktuieren und Schwachsein.
Nach meiner Rückkehr bemerkte ich in mir ein auffälliges Nachlassen meiner geistigen Schärfe und Leistungsfähigkeit. Das ging bis in die ersten
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| Semesterpflichten hinein, bis ich mich scharf an den Zügel nahm, wenigstens für diese Seite. Ein eigenartiges Semester! Zum Seminar waren die Anmeldung spärlicher als je. Das Thema: "Preuß. Schulpolitik in der Epoche W. v. Humboldts" (die erste Humboldtübung meines Lebens) gilt als langweilig. Dabei sind fast nur mehr oder weniger "gebildete Frauenzimmer" u. vorurteilsvolle Volksschullehrer. Die "Systematische Pädagogik" gähnte mich förmlich mit ihrer Langeweile an. (ca 400 Leute.) Es gelang sehr schlecht am 1. Tag. Am 2. Tage gab ich mir viel Mühe. Die "Typen der Weltanschauung" (Dorotheenstr. 6 da, wo Deine Schwester Lieze auch mal war) begann ich wohl mit 650-700 Leuten, von denen nur 500 sitzen können. Das durchzuführen, so wenig vorbereitet, ist eine schwere Sache. Aber bisher habe ich so gesprochen, wie man eben nur vor einer flutenden Masse williger Geister sprechen kann. Studiengemeinschaft ist vollzählig versammelt.
Neubabelsberg - ein schwer zu erschöpfendes Thema. Am 27.IV. stand ich erst an Riehls Hügel, ging dann nach Klösterli, entschlossen, Wahrheit zu schaffen. Aber der Tag verlief ohne Schwierigkeiten besonderer Art. Diese Art, die eigne Lage zu motivieren, ist absolut logisch und geschlossen, ja sogar von großer ernster Höhe. Aber das erste u. Letzte ist doch: Adelheid und
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| Lore seien krank, nervös minderwertig. Ein nachfolgender Brief (mit einem ganzen System der Selbstrechtfertigung) veranlaßte mich dann doch, auf die Schwierigkeit hinzuweisen, zwischen 2 Parteien mit ihrer ganz verschiedenen Stellungnahme zu stehen. Das hat wohl nachdenklich gemacht, aber auch verstimmt. Adelheid hat mir geschrieben (das weißt Du ja) und Lore war gestern bei mir. Daß beide für ein Zusammenleben unmöglich seien, kann ich bisher nicht glauben. Du siehst, dies alles geht weiter und bleibt ein unteilbarer Knoten. Nur glaube ich, daß Frau R. niemals die Brücke zu mir ganz brechen wird. Übermorgen soll mir der Beweis geliefert werden, daß Klösterli auch jetzt noch "friedehell" ist. Aber alles ist doch so traurig.
Ich lege Dir den Brief von Frau Emmy bei. Der Dr. hat jetzt endlich sein Festspiel geschickt u. dabei sehr hübsch über Strümpell geschrieben. Beides folgt später. Ferner liegt hier ein Brief aus Zeitz. Meinst Du, daß ich darauf reagieren soll? Ich möchte nicht.
Es erscheint jetzt eine Schrift nach der anderen gegen mich. Der eine beweist, daß die Psych. des Verstehens (d. h. Max Weber, Dilthey, Jaspers, Freud, Adler u. ich) ein Irrweg sei; der andere, daß Natorp allein recht hat. Diese Sachen tangieren mich
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| nicht eigentlich, aber sie machen mich auch nicht gerade begierig, dem Publikum weitere Stücke meiner Person zu präsentieren. Da freut es mich, daß du mehr Anerkennung findest, und Dein Fleiß wie Deine Kunst verdienen es auch.
Es war hier eine Zeitschriftkonferenz mit Dr. Meyer, Litt, Fischer, Flitner. Viel herausgekommen ist nicht. Aber es besteht kein Grund zur Sorge bei fast 2000 Abonnenten. Dann habe ich vor, am 4.X. in Frankfurt doch zu sprechen, vom 6.-9.X. in Hattenheim am Rhein einen gut vorbereiteten Kursus zu teilen. Die Nähe v. Heidelberg hat mich dazu bewogen. Ich war bei Tante Vally ohne sie zu treffen. Ihre Wohnung ist zu haben, kostet aber 4300 M u. eignet sich nicht, bei Goldbeck (ganz friedlich) und bei Frau Benary, wo ich nur die eine Tochter traf. Ich lese regelmäßig die Grundstücksangebote, weil mein Raummangel mir gerade bei Erledigung der leidigen Steuersachen sehr unbequem war. Aber für das eigentlich Erstrebte scheinen meine Mittel noch nicht zu reichen. Morgen bin ich beim Gouverneur Seitz. Neulich schrieb mir die Fürstin Herbert Bismarck einen Brief.
Susanne ist verändert (Dein Einfluß?): fester, selbstsicherer, heiterer und durch dies alles viel anziehender.
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Der Gärtner hat mich in schmählichster Weise "bemaust". Für Herrichtung des Stückchens Land 140 M! Dazu noch 70 M für Zaun und Schlauch. Ein infamer Halunke. Auf dem Kirchhof war ich auch: es ist ganz seltsam, dieser große, fast 4 m hohe Tannenbaum auf dem Hügel meiner Mutter. Gestern (Sonntag) besuchte ich auch m. Onkel auf dem Kirchhof.
Sonnabend u. Sonntag zu Pfingsten sollte ich durchaus für den V. d. A. in Hirschberg reden. Ich habe abgelehnt u. werde auch den zugesagten Vortrag in Breslau für die Studenten nicht halten. Aber Ende der Woche nach Pfingsten gehe ich nach Weimar zur Goethegesellschaft und wohne bei Muthesius.
Einen Haufen von Dissertationen u. Examensarbeiten habe ich gelesen, dem Rektor im Senat Schwierigkeiten gemacht und habe vor, mit Heinrich Maier um eine Habilitation zu kämpfen.
Ich verliere mich ins Aphoristische, obwohl es "große Themata" genug zu erörtern gäbe. Aber dazu bin ich wohl zu müde, und schließlich hilft das Reden nicht. Es geht alles seinen Gang. Unser Wollen ist nur in diesen Gang hineingeflochten und gibt gelegentlich einen stärkeren Ruck. Aber mir bleibt jetzt nichts, als ordentliche Vorlesungen zu halten,
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| wie es einem treuen deutschen Professor ziemt.
Die japanische Übersetzung der Lebensformen ist eingetroffen. Auf Japanisch heiße ich
Shiynpuranga;
dies bitte ich auswendig zu lernen. Dem Buch ist Bild und Autogramm beigegeben, als mir allein verständlich.
Matthies ist wieder in Tätigkeit. Wenke hat sich ein Stipendium erkämpft. Der Assistent findet bisher noch nicht den Modus, der mein Ideal wäre.
Aber für heut will ich mit diesem Nachrichtenragout mal Schluß machen. Morgen nur noch einen kurzen Gruß.
Schlaf wohl, mein Liebes, und sei meiner Liebe gewiß. Dein
Eduard.

11.V. Heut früh kam Dein lieber Brief. Husten und Ischias finden im Durchzug die beste Nahrung. – Du solltest vielleicht einmal ein blutreinigendes Mittel nehmen: das Lörracher Pflanzensalz hat mir s. Z. doch etwas genützt. - Ich freue mich auf den Vorstand. Aber was soll ich machen? Einen Sitzplatz in den "Weltanschauungen" kann ich den Damen nur garantieren, wenn sie ihren Besuch vorher anmelden. Dann lasse ich Stühle stellen. Leider kann ich heut nicht weiterschreiben: die Pflicht ruft. Achte auf Deine Gesundheit! Nochmals herzlichste Grüße Dein
Eduard.