Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Mai 1926 (Berlin-Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

27.5.26.
Mein innig Geliebtes!
Hier sende ich Dir Buch und Brief des Reichenaudoktors. Es wäre hübsch von Dir, wenn Du ihm selbst darüber etwas Freundliches schriebest und ein bißchen ein Dauerband anknüpftest. Ich habe ihm soeben recht herzlich gedankt, aber nur für mich.
Dich beschäftigt noch immer die Frage, weshalb ich der Reise zu den Deinen so wenig Verständnis entgegengebracht habe. Es war ein Zusammentreffen von mehreren Auffassungen in mir. Die eine habe ich Dir ja auf der Reise gesagt. Die andere liegt tiefer, aber doch nicht so tief, daß Du sie nicht schon hättest fühlen müssen.
Begreiflicherweise muß in mir etwas sein, was sich gegen die Hochschätzung von Familienbeziehungen auflehnt. Nicht nur die Beobachtung, daß das in der Regel und überwiegend über den Kaffeetisch hingeht, sondern die Gegenwehr in mir gegen einen Lebensinhalt, auf den ich für mich verzichten muß und auf die Dauer nur verzichten kann, wenn ich ihn unterschätze, wenn ich seine negativen Züge stärker zu sehen
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| bemüht bin als die positiven. So ohne Kampf geht das doch in mir nicht, und gerade in den beiden letzten einsamen Jahren packt es mich immer wieder von neuem. Wenn Dein Element dann stärker in die Familienverbindung eingeht, bleibt meines doppelt für sich. Das ist nicht schön von mir, so zu empfinden. Aber es erklärt sich aus den Nöten, an denen ich jetzt immer wieder leide. Die Natur macht sich ein Vergnügen daraus, meine geistige Seite zu erschüttern. Sie tut es, weiß Gott, bis an den Rand der Widerstandskraft.
Es hat in den letzten Wochen Tage gegeben, in denen etwas in mir reifen wollte. Seit gestern ist es nun zum hundertsten Male wieder zurückgedrückt, und es ist gut so.
Susanne hat die wenig glückliche Bestimmung, diese Anfechtungen in mir zugleich zu stärken und immer wieder kraftlos zu machen. Es ist für sie noch tragischer als für mich. Jene Aussprache im Herbst konnte nicht wirksam sein, weil sie, wie ich Dir schon sagte, mit einer fremden, äußeren Einwirkung verknüpft war, die von Susanne eben nur als äußerlich, ja als eifersüchtig empfunden werden mußte.
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| In mir kam hinzu, daß das Zusammenleben mit Susanne außerhalb einer erotischen Färbung inhaltlos wird; sie verliert allen Schwung, allen Reiz, alles eigentliche und tiefere Leben. In diesem Monat des Blühens blühte auch da wieder etwas auf. Aber es ist schnell wieder erfroren. Denn als ich gestern, auf dem Wege nach dem Stechlin, den Versuch machte, Susanne auch nur die ersten Schritte in mein Land mitzunehmen, erwies sich bald: es geht nicht; es ist gar keine nennenswerte Tiefendimension außer der Liebe eben zu "mir" (?) da. Und so geht es nun hin und her. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich darin unbefriedigt bin und davon doch nicht loskomme. Denn ich habe nicht viel Menschen mehr zu verlieren, und wenn nicht Susanne, dann ist damit die Seite meines Lebens nicht einfach ausgerottet.
So komme ich zum Schluß: Es ist Selbstverteidigung in Notwehr, wenn ich das, was ins Weibliche im Menschenleben hinüberspielt, also auch all das Kinderwesen, von hier gesehen, ablehne, bekämpfe, nicht aufkommen lasse. Denn für mich heißt es: Hinunter oder hinauf. Aber es geht nicht durch diese Seite hinauf. Deshalb mag ich davon nichts hören und sah
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| Dich (in jenem Moment) ungern in solche Bindungen hineinverflochten. Ich muß sehr kämpfen, mir einen Rest oder eine Form des Frauenideals zu erhalten. Außer Dir bekomme ich leider fast nichts zu sehen, was auch ich als Ideal bekennen könnte.
Also wieder eine Beichte. Alles andre hängt damit zusammen: ich bin unlustig zu meiner eigensten Produktion, skeptisch, seelisch müde. Es steigt nichts aus mir auf, und ich fühle mich Tag für Tag sehr allein.
Natürlich war auch der "große Festtag" gestern, - "mein" Pfingsten - wieder ein Enttäuschungstag, wo es dann zuletzt heißt, gütig sein und nichts nach meiner Art verlangen.
Morgen also geht es nach Weimar und am Sonntag verabredungsgemäß für einige Stunden zu Herrn Vierecke. Dann kommen 2 wüste Monate der Arbeit.
Mit der kleinen armen Elisabeth habe ich einige Worte gesprochen. Sie hat einen feinen natürlichen Takt. Aber man fühlt, daß sie nicht kindlich heiter und nicht glücklich ist.
Dein Schwager ist ein charmanter Mann.
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| Wenn ich mir aber dächte, daß ich mit Deiner Schwester 8 Tage verheiratet sein sollte (es kommt ja ersichtlich nicht in Frage), dann faßt mich eine Vorstellung von Langeweile, die man in Dantes Inferno aufnehmen könnte, und - so hart es klingt – ich fühle, daß Du da auch nicht hingehörst. Nun ist alles gesagt, und Du magst mich richten.
Weiteres will ich heut nicht hinzufügen. Es wären ja doch nur Tagesnachrichten. In Neubabelsberg hat mein Brief einen "künstlichen" Zustand von Ruhe und Frieden ausgelöst, der wenig wohltut, weil man ihn als gemacht empfindet.
Aber das freut mich, daß Du ein paar Pfingstfahrten gemacht hast, und daß Du mit den jungen Wesen in lebhafter Berührung stehst. Ich danke noch einmal für beide lieben Bilder. Sei gewiß, daß ich ihren Offenbarungsgehalt verstehe und - als die letzte echte Bindung in meiner Seele fühle.
Dein
Eduard.