Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Juni 1926 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 2. Juni 1926.
Mein innig Geliebtes!
Ich danke Dir für das Bild mit dem letzten Blick auf die Reichenau. Aber ich schreibe Dir im Geiste des Bildes mit dem blühenden Kirchhof, den wir seit 1913 lieben.
"Seit langem fühle ich, wie Du diesen gemeinsamen Grund unseres Seins erschütterst, wie Du reißt an der tiefen Verflochtenheit unseres Lebens ......."   Das ist nicht wahr. Was daran schüttert und reißt, ist das Leben selber, nicht ich; und was ich dabei tue, ist nicht ein Hilferuf an Dich.
Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich gegen mich sehr schwach. Dann wieder glaube ich, daß ich vor Unlösbarem stehe.
Um Dir die Lage im Augenblick zu schildern: Am Abend vor der Abreise hat es mit Susanne noch einen schweren, harten Konflikt gegeben, bei dem ich, glaube ich, ungerecht gegen sie war. Am Abend nach meiner Rückkehr habe ich mit Frau Riehl
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| bis auf das Blut gekämpft. Ich habe so gut wie alles ausgesprochen. Es endete mit einer Versöhnung. Aber ich habe doch den Eindruck nicht verlieren können: Krankheit. Es kann nie wieder hell werden.
So bin ich in der Stimmung, das Letzte zu wagen. Denn eigentlich ist doch alles erschüttert. Aber es wird dazu nicht kommen. Denn die Treue, vielleicht eine schwächliche Treue, liegt zu sehr in meinem Wesen. Ich werde also diese halben Verhältnisse weiterführen.
Das alles bitte ich Dich doch zu sehen, wie es ist. Wenn ich Dir Schmerz bereite, so ist es der Reflex von schweren Kämpfen in mir. Daß uns etwas trennen könnte, ist mir undenkbar. Selbst wenn das Unwahrscheinliche geschähe, daß ich einmal eine Ehe schlösse – so würde mir unser Verbundensein höherstehen und heiliger sein als eine Ehe – und eben darum kann ich ja keine Ehe schließen, die diesen Namen verdient.
Aber Du mußt wirklich klar sehen; denn wenn ich aufhörte, offen zu sein, dann wäre unser Bund gefährdet. Susanne bedeutet für mich zweierlei: Sie ist Erscheinung des Weib
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|lichen als Naturmensch. Und für männliches Empfinden ist dies nichts Personales, sondern jederzeit ersetzbar. Es können mir noch viele Susannen begegnen, die mir – vielleicht schneller als Susanne, bei der es 9 Jahre gedauert hat – gefährlich werden.
Sie ist für mich auch außerdem sie selbst. Ich kann und werde sie nicht allein lassen, weil ich einer bewußten Grausamkeit zwar für eine Stunde, aber nicht für eine Woche fähig bin. Ich habe sie ehrlich und herzlich lieb; freilich in einer Schicht meines Wesens, in der das Allerletzte nicht anklingen kann. Deshalb wird das immer etwas Halbes bleiben. Es liegt nur in unsren Sitten, nicht in der tiefsten Sittlichkeit, daß eine nähere Verbindung auf dieser Basis ausgeschlossen ist. Die Römer kannten neben der feierlichen Form der Ehe eine andere, die auch rechtlich weniger bedeutete. Das Christentum denkt strenger. Es hat damit Forderungen ins Leben gebracht, die an sich sittlich sind, aber in ihren praktischen Auswirkungen eben all diese Verlogenheit und Unsauberkeit, auch all die hoffnungslosen schweren Kämpfe in die Welt getragen haben, von denen sie heut voll ist.
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Noch etwas muß ich Dich sehr dringend bitten. Es sind nicht "Werthers Leiden", die ich Dir hier vortrage. Ich bin mir mit meinem Privatschicksal nicht mehr so interessant wie vor 20 Jahren. Sondern auf zweierlei kommt es mir jetzt an: mein Leben so zu gestalten, daß ich vor mir selber rein bleibe, damit ich die Kraft zum Wirken behalte. Und dies alles so ehrlich zu erleben, daß ich als Erzieher der Jugend nicht falsche Ideale predige. Das sog. sexuelle Problem (es ist mehr als der Name sagt) bedarf einer neuen Lösung. Es soll keine Entfesselung sein, aber eine ehrfürchtige und ehrliche Haltung zur Natur. – Vielleicht ist das der tiefere Sinn dieser Verwicklungen in mir, daß ich da eine neue Wahrheit durchkämpfen soll.
Weimar und Eisenach brachten überwiegend erfreuliche Eindrücke. Aber es war sehr anstrengend, weil es immer bis tief in die Nacht dauerte.
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Und nun, mein Herz und meine Seele, Deine Hand. Es ist mir um uns beide garnicht bange. Dich kann ich nur verlieren, wenn ich mich selbst verliere. Und daß das nicht geschieht, dafür wirst Du sorgen. Jeder scheinbare Vorstoß gegen Dich ist ein Ruf: paß auf! Denn wir haben noch viele Stufen vor uns, und Du wirst sie mitgehen. Auch ich werde Dir immer sagen, wenn ich zu sehen fürchte, daß Du müde wirst.
Dein
Eduard.