Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juni 1926 (Berlin-Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 13. Juni 26.
Mein innig Geliebtes!
Dein lieber Brief, der mich in jeder Hinsicht tief erfreute, hat mir auch ein Bild von Deinem Leben gegeben. Ich finde diese Verbindung mit der Jugend einen sehr wünschenswerten Zustand. Es ist ein Geben und Empfangen von beiden Seiten, und das alles ist um so erfreulicher, als der Bestand unsrer älteren Bekannten und Freunde ja ständig abnimmt.
Auch ich will heut in Kürze den Tatsachenbericht nachholen, für den das letzte Mal keine Stimmung war. Aber nur in chronologisch geordneten Stichworten.
Freitag nach Pfingsten also Abfahrt, zunächst nach Leipzig, wo ich 1 ½ Stunden Aufenthalt hatte. Die Atmosphäre der Stadt, im eigentlichen und im bildlichen Sinne, schlug mir so fatal entgegen, daß ich keine Lust verspürte, auch nur ein paar Straßen bis zur Universität wiederzusehen. - In Naumburg langer
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| Aufenthalt, da Geleise durch entgleisten Arbeitszug gesperrt. Ankunft sehr verspätet und unter Gewitter. Kaffee bei Muthesius. Uninteressante Geschäftssitzung. Abends "Triumpf der Empfindsamkeit", ein unmöglicher Quatsch, aber ganz hübsch gespielt. Nach 10 bis 12 im Fürstenhof mit Scheidemantel und Frau (Leiter der Festspiele, zu denen Hermann immer fährt.) Sonnabend um ½ 10 Festrede. Ich sitze, ohne es zu wissen, unmittelbar neben Frau Förster-Nietzsche im 1. Rang 1. Reihe. Rede marmorn, abgeklärt, nicht packend, für andere zu hoch, für den Philosophen nicht tief genug über Goethes Art zu sehen. Schlußmusik ließ 20 Minuten auf sich warten, da Kapelle zum Frühschoppen gegangen war. Nach Hause unter fortgesetzten Ansprachen: eine Schauspielersgattin und Schriftstellerin, Frau Neuffer-Starenhagen, sympathische und tief veranlagte Frau mit schwerem Schicksal, dann ihre beiden Mitbewohnerinnen des von Vandervelde erbauten Hauses, 2 Gräfinnen Dürckheim - auch diese große Bewunderinnen meiner Schriften (sehr anstrengend.) Mittag bei Muthesius (vorher noch Besuch beim Pfarrer Kirmß, ohne ihn zu treffen) Nach Tisch Blick auf den Ettersberg von m. Zimmer aus. Um 3 mit beiden Neuffers
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| und beiden Muthesius im Auto nach Tiefurt, um Kaffeeplatz zu sichern. Gewitterneigung. 5/4 Stunden auf Kaffee gewartet. Als alle 500 saßen, ein unerhörtes Gewitter über uns mit Wolkenbrüchen. Allgemeines Chaos. Ziemlich durchnäßt im Auto nach Haus gerettet. Dort Gespräch mit Muthesius über Villenbau. Um ½ 9 Festessen. In m. Reihe Dessoir, rechts Engländerin, schlechter Platz, guter Wein, viel Reden, wenig Essen. Versprochen, um 11 bei Neuffers - Kaffee zu trinken. Gegen ½ 12 Damenrede (moderne Frau durch Kaktus symbolisiert). Ich stelle mich Wölfflin vor und er begrüßt mich mit der ehrenden Anrede: "So"- hat sich dann brieflich entschuldigt. Um 12 erneute Panik, weil eine junge Schauspielerin sich anschickt, einen Gesang aus Wielands Oberon schlecht vorzulesen. Fluchtartiger Aufbruch. Um ½ 1 auf Zehenspitzen zu Neuffers: Photographien, Stammbuch, Kaffe. Um ½ nervös überreizt zu Bett.
Sonntag um 9 nach Eisenach. Gespräch mit Vierecke über inzwischen Erlebtes. Er ist - mit 76 - doch geistig noch sehr auf der Höhe und aktiv. Wir trafen uns bei einer befreundeten Familie Bornmüller, sehr nette Witwe, mit Tochter (Studienreferendar), Bräutigam und 2 weiblichen Zwillingen von 13 Jahren. Spaziergang nach dem von Vierecke begründeten Rentnerheim,
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| Familienkaffee in der Elisabethenruhe, um 5 gute Rückfahrt nach Berlin.
Am Montag in Neubabelsberg die erwähnte Auseinandersetzung, die für einige Zeit wirken wird. Donnerstag Versöhnung mit Susanne, die ich sehr schlecht behandelt hatte. Sonnabend mit Dora Thümmel in Meierei u. Sanssouci, es strömte, als wir abfuhren, wurde aber ganz gut. Montag bei Clara Rauhut (Geburtstag), wieder schwerstes Gewitter.
Außer den Vorlesungen, die immer viel Arbeit machen, beschäftigt mich am stärksten die politische Lage. Sie spitzt sich hier fühlbar auf irgend einen Gewaltakt zu. Eine aufreizende Rolle spielt der Fall Lessing. Becker in 1000 Nöten zwischen 2 Lagern. Ich war zu einer Besprechung im "Hochschulring deutscher Art" eingeladen. Dort wurde zum Angriff geblasen. Ich machte mich unbeliebt, indem ich auf die Gefahr der Aktion für die Universitäten überhaupt im gegenwärtigen Stadium hinwies (Meinecke u. andere haben eine Art von republikanischem Professorenbund gegründet), fand aber Zustimmung bei 2 anwesenden deutschnationalen Abgeordneten.
Gestern war ich wieder in Neubabelsberg. Frau Riehl bekommt gegen verkalktes Herz Injektionen.
Mein Ekzem habe ich seit meiner Rückkehr mit Vaseline ganz regelmäßig behandelt und es
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| dadurch allmählich ganz wesentlich gebessert. Ichthyolsalbe hatte garnichts genützt. Hingegen werde ich wegen der wandernden Nasenbickel wohl mal Kurzrock fragen müssen.
In der Keithstr. hätte ich 8 Zimmer haben können. Über 5800 M Miete waren mir doch zu viel. Ich bin weiter aufmerksam.
Unser Prorektor Holl ist gestorben. Ein großer Verlust, wissenschaftlich und menschlich. Ich habe immer gut mit ihm gestanden und viele Anregung von ihm gehabt. Gestern war eine imposante Trauerfeier, bei der Harnack eine recht eindrucksvolle Rede hielt.
Nächstens kommen hierher Keynes (ich bin mit eingeladen) und Tagore.
Ich bin nicht so fleißig, wie ich es bei den vielen Habilitationen und Dissertationen sein müßte. Auf einen Hieb kamen neulich Einladung der Studentenschaft Freiburg, Basel, Zürich u. des <Wort unleserlich> der Schweiz zu einer Rede in Schinznach (Pestalozziort) Alles abgelehnt, auch die Einladung von Ermatinger, bei ihm zu wohnen. Delekats Pestalozzi ist erschienen. Rolle hat mir sein Buch "Bildungskrisis" gewidmet.
Die "Weltanschauungstypen" lese ich immer noch vor 600 Leuten. Es geht bis jetzt
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| ganz gut. Der Aufbau interessiert mich, kostet aber sehr viel Zeit. Gestern u. heut sollte ich in Jena sein (Deutscher Lehrerverein), habe mich aber gedrückt, weil ich nur Rudolf Lehmann hätte hören können, von dessen unverschämtem Brief ich Dir wohl geschrieben habe.
Die schöne Feder kann ich sehr brauchen. Es fehlt mir am Auftrieb jetzt. Solche Zeiten gibt es wohl im Leben. Oder ist es eine Folge allzu komfortabler Lebensweise und finanzieller Sicherung? Wenn von außen nichts kommt - aber es muß ja jetzt politisch etwas kommen - muß ich mal wieder ein Buch vornehmen. Denn die jetzige Studentenschaft befriedigt mich nicht. Es sind so viele halbe Kinder darunter. Ganz besonders schlecht ist das Seminar, während sich in der Studiengemeinschaft doch etwas herausarbeitet, wenigstens bei 20-40%. Dort finde ich auch noch viel persönliche Liebe, während mit den Studenten jetzt garnichts ist Es wäre mir sehr gut, wenn ich mal wieder ordentlich in Wissenschaft untertauchen könnte. Meine Lücken in der Gesch. d. Philos. drücken mich sehr. Aber bloß rezeptiv kann ich auch nicht sein.
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Nun ist es wohl Zeit, diesen etwas ungeordneten Brief zu schließen. Er sollte Dich nur wieder in den Zhhg bringen. Es wäre sonst noch manches zu erzählen. Aber Frl. Wingeleit ruft zum Spargel. Und Du willst Zeichnen gehen.
Viel innige Grüße und Dank
Dein
Eduard.

Kennst Du etwas von Stefan George? Ich habe mir den "7. Ring" gekauft, komme aber schwer zu vollem Genuß.
In Klösterli ist außer Lore u. Peter nur eine Pensionärin, die ich nicht kenne. Romano Guardini (der mir heut mit Heinrich Scholz einen Gruß sendet) kommt manchmal hin.
Die griech. Übersetzung der Jugendpsych. von Louvaris ist im Druck. (Ein anderer hatte sie auch schon übersetzt.) Von Schweden kam eine Anfrage.