Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28./29. Juni 1926 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 28. Juni 26.
Mein innig Geliebtes!
Bewegte Tage vor mir und hinter mir. Schon am Sonnabend hatte ich angefangen Dir zu schreiben; wenn ich auch heut nicht viel Gescheites zusammenbringe, so bedenke bitte, daß die Fülle des Stoffes und der ewige Druck der Zeit sich gegen mich verschwören.
Vor mir liegt die wunderschöne Mappe von der Reichenau, das Schönste und Liebste meines Geburtstagstisches. Sie ergreift mich tiefer, als ich Dir sagen kann, und spricht zu mir in beglückenden Symbolen, in die sich freilich auch die Wehmut mischt: warum lebt man so selten? - In Dein liebes Buch konnte ich noch kaum hineinsehen (gestern Sturm, u. heut hatte ich von 9-7 in der Stadt Dienst.) Es ist nur ein vorläufiger Dank und ein fragmentarischer Gruß. Am Sonnabend schrieb ich Dir ein paar Verse. Sie ruhen im Papierkorb; denn sie waren schlecht. Aber es floß über, und so laß es in den Papierkorb geflossen sein.
Ich lege Dir hier (außer den 100 M) einen
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| Haufen Briefe bei; den aus Cecilienhof bitte ich mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Er war mir eine große Freude.
Ich komme mit der Arbeit nicht durch; denn ich bin bequem geworden; ich gehe nicht mehr so bis ans Äußerste der Kraft, und so bringe ich in den Tag nicht genug hinein. Das letzte Viertel der 2stündigen Abendvorlesung ist meistens schlecht, weil ich bei der drückenden Luft zu früh erschöpft bin. Die Vormittagsvorlesung steht auf der Höhe - aber wie soll ich in 8 Stunden fertig werden? Das Seminar ist (ohne meine Schuld) hundeschlecht. Die Studiengemeinschaft überwiegend gut.
Mit der letzteren habe ich also einen Dampferausflug am 19.6. gemacht nach dem Müggelsee. Fatale Zwischenfälle fehlten (außer der lästigen Nachlauferei der Mitrewitz.) Einige Frauen waren dabei, und sehr gefielen mir die Damen Wachsmuth u. Dr. Böhm, ganz entsprechend der Tatsache, daß das die beiden Leuchten sind. Wetter überraschend günstig. Delekat u. Frau machten auch mit. Im ganzen ca 35. Es soll nun noch am 18. zu Wachsmuth nach Lychen gehen.
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Mittwoch sprach Keynes in so überfüllter neuer Aula, daß ich sogar nur ½ Sitzlatz bekam. Hinterher Festessen in der "Deutschen Gesellschaft", wobei ich links Ed. Meyer, rechts den Lokalanzeiger hatte. Auch flüchtiges Gespräch erst mit Frau Becker, dann mit ihm. Tags darauf sollte Festessen für Butler (alten Deutschenfeind sein,) das ich ablehnte, ebenso wie die Einladung zum Tee beim Minister am Sonnabend und zum Festessen der Akademie am Sonnabend Abend für den Präsidenten der Petersburger Akademie v. Oldenburg. Ich empfange meinerseits durcheinander Perser, Buren, Schweizer, Amerikaner. (Nur 1mal in der Woche Abendessen um 8)
Mittwoch Mittag war Erika bei mir, und das war sehr hübsch und munter. Für den 27. hatte ich mich auf etwas gefaßt gemacht. Aber es kam noch doller! Fast gleichzeitig erschienen (jeder mit Rosen:) Ludwig, Zymalkowski, Frl. Mai, Rauhut, Adalbert, Wallner, Wenke, Dr. Henry, Werner Imhülsen, Klara Müller (Runge.) und - Erika und Bernhard, die beide die Klara nicht begrüßten. Sie weinte nachher und beklagte sich. Aber was ist da zu machen?
Ein Wald von Blumen u. ein Haufen Kuchen
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| steht heut da. Ich kann aber kaum hinsehen. Es muß doch alles weitergehen. Sonntag Nachm. in Neubabelsberg (mit Lore u. Peter.) Die Stimmung war friedlich und gut. Nachts nach der Heimkehr machte ich mein Kolleg.
Unter den Geschenken ist besonders hervorzuheben eine sehr brauchbare Klavierlampe von Dora Thümmel. Susanne schenkte mir dieselbe Vase, wie sie nach der Reichenau gegangen ist.
Frl. Wingeleit ist anscheinend noch nicht wieder zu sich gekommen. Es ist im allgemeinen kein angenehmes Dasein mit ihr.
Bruder Muthesius erbot sich, mich beim Hausbau zu beraten. Aber dazu reicht ja das Geld nicht (zumal ich das meiste verpumpe.) Henry sprach von einer 7 Zimmerwohnung in der Carmerstr. 5, auf die ich eigentlich ein Auge werfen möchte. Denn der Vorstand (dem Du bitte, ohne dies zu erwähnen) danken wirst, findet meine Umgebung spießbürgerlich, und er hat damit recht.
Dora Thümmel u. ihr Kreis fahren Sonntag nach Kappel bei Lenzkirch.
Frau Witting u. Felizitas schrieben, aber man fühlte beiderseits fehlende Stimmung. Begreiflich;
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| das Geschäft geht garnicht.
Ich muß wohl für heut abbrechen. Es ist sehr spät. Und morgen geht es von ½ 9 bis ½ 12 (da ich unmittelbar nach dem Kolleg bei Roethes eingeladen bin.) Ich will nur erwähnen, daß am Freitag wieder im Seminar eingebrochen worden ist u. das 35 M gestohlen sind, die der Assistent ersetzen muß.
Schlaf wohl, mein Liebes, und habe Dank!
Dein
Eduard.

29.6.26.
Ich lege nur die Briefe bei, die ich bereits - gelesen und beantwortet habe. Noch einmal herzliche Grüße; ich muß den 14stundentag beginnen.
E.