Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1926 (Bahn Prag/Eger)


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Bahn Prag - Eger 13 8.26
mittags.
Mein innig Geliebtes!
Viel werde ich bei dieser Schaukelei nicht schreiben können, nur einen Reisebericht. Vor der Abfahrt habe ich mich wie gewöhnlich ungeheuer quälen müssen. In Zeiten angespannter Arbeit ist es mit Frl. W. noch weniger angenehm als sonst. Ab Görlitzer Bhf, schon in Görlitz tauchte die Krogner auf, eine böhm. Lehrerin, gutartig, aber sehr bräunlich, Freundin v. Frl. Kiehm; sie hat mal in Berlin studiert. Mit ihr besah ich Zittau. In Reichenberg kein Empfang an der Bahn. Im "Goldenen Löwen" traf ich gleich Ernst Otto, früher Berlin u. Marburg, jetzt o. Prof. d. Päd. a. d. dtsch. Un. Prag. Ich mußte für einen fern gebliebenen Dozenten mit einspringen, habe also Montag 2 u. Dienstag 3 Stden geredet. Dazu Anhören v. Otto u. 2 Stden Diskussion, der Rest Geselligkeit, cela suffit.
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Wirkung wachsend sehr stark. Eindrücke lehrreich. Kaffee beim Dekan d. phil. Fakultät, abends Gesangsvorträge (gut) u. Reden, auch von mir, am Nebentisch tschechische Spitzel. R. selbst bedeutungslos. Umgegend hübsch, nichts gesehen.
Mittwoch früh Korrekturen d. Akad.-Vortrages gelesen. Forts. in der Bahn, Bummelzug nach Prag. Unangenehm. Nirgends deutsche Inschrift. Ankunft ½ 5 Hôtel Blauer Stern. Deutsch. Sehr schwer zu orientieren. Führer deutsch, Karte tschechisch. Auf Suche nach Judenviertel furchtbar verlaufen. Donnerstag früh Korrekturen fertig; Mühsal der Verständigung auf der Post. Zu spät via Kleinseite nach Hratschin. Großartige Paläste. Herrliche Stadt, vielleicht die innerlich romantischste. Sehr ermüdet über Mittag Zeit u. Gewitter verschlafen. Wieder Hratschin. Georgskirche, Veitsdom, Alchimistengäßchen, Wallensteinpalais, Niklaskirche (Ansichtskarte folgt, wenn ich größeres Couvert habe.) Moldau aufwärts bis
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| Vischehrad. (alte Burg v. Prag) Zu spät, dunkel u. sehr kühl.
Heut früh (außer Verdauungsnot wie sonst) Judenfriedhof u. Jüd. Museum, Teinkirche (Grabmal Tycho Brahe) Alte Universität. Abfahrt 11.15. Gott sei Dank! Eindrücke für den Deutschen zu traurig. Sonst wunderschön, man könnte 6 Tage bleiben. In Eger steige ich um u. erreiche in Wiesau den Dzug nach München. Dort 10.10 in Hotel Wolf mit Adalbert verabredet. Morgen geht es weiter nach Mittenwald, Hôtel Post, wo Zimmer reserviert sind. Dort bleiben wir 8 Tage. Es wird mir schmerzlich sein, daran zu denken, daß Du nicht dabei bist. - Dann folgt Partenkirchen. Hoffentlich kommt nun auch mal eine Ruhezeit. Denn bisher war es eine Hetzjagd. Es schreibt sich zu schlecht. Deshalb Schluß in täglichem innigem Gedenken.
Dein
Eduard.