Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. August 1926 (Mittenwald/Hotel Post)


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Mittenwald, Hôtel Post
den 19. August 26.
Mein innig Geliebtes!
Gott sei Dank sind meine Hände nicht ganz in der Verfassung wie meine Beine. Sonst dürfte dieser Brief unleserlich werden. Gestern nämlich haben wir eine der bekannten Gewalttouren gemacht.
Deine Empörung über Deinen "Doktor" fühle ich täglich um so mehr mit, als ich täglich von neuem feststelle, wie geeignet der Ort für unsre Existenz gewesen wäre. Sage dem Herrn, daß ich eine Anzahl von Ausdrücken hätte, gegen die sein Familienname noch ein Adelsprädikat wäre. Aber traure nun dem missglückten Plan nicht mehr nach. Wir holen das irgendwann schon noch ein. Es wird jetzt stiller bei Dir werden, nachdem das junge Volk ganz abgereist ist. Ich freue mich, daß das Zusammensein mit Dora Thümmel nett verlief. Das habt Ihr nun voraus: Kahnfahrten gibt es hier nicht; hier muß alles geschwitzt und geloffen werden. Silberne Gänse haben wir schon eher hier zur Verfügung.
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Unmittelbar nachdem ich den Brief an Dich in Regensburg eingesteckt hatte, aus dem ja ersichtlich war, mit welchem Zuge ich fuhr, kam unsre Fahrt ins Stocken. Die eigentliche Ursache wurde nicht gesagt. Aber bei Langenbach sah ich dann den demolierten Zug stehen. Er sah furchtbar aus. Adalbert hatte mehr als 1 ½ Stunden über die Zeit zu warten. Er ging gleich schlafen. Ich bekam noch ein wenig zu essen. Bei schönstem Wetter kamen wir Sonnabend Mittag in M. an. Ich habe ein Balkonzimmer nach Osten mit Blick auf die Karwendelwand, A. wohnt nach Norden, aber auch gut. Das Haus ist gemütlich und das Publikum angenehm. Gleich am Nachmittag schickte ich A. auf die Karwendelhütte (ca 1500.) Er ging wohl noch erheblich weiter, da er schwindelfrei ist, war aber pünktlich da. Sonntag marschierten wir über Lautersee, Ferchensee, Elmau, Grasegg (Mittag), Ad. durch die Partnachklamm nach Partenkirchen u. überraschten Frau W. u. Felizitas. Beide, besonders aber Fel. sahen sehr abgearbeitet aus. Wir nahmen sie nur kurz in Anspruch. Um 8 fuhren wir zurück u. hatten im Zug ein Bild, nach dem man begreift, warum wir Hunnen heißen. Montag zog A. ganz früh los, von mir nach der Vereinsalm geschickt, obwohl er auf die Karwendel
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|spitze wollte. Er verlief sich nicht ungern über das Schöttlkar und die Soirenspitze (nur für Schwindelfreie) 2200 m nach der Vereinsalm (1400 m), kam aber pünktlich zurück. Dienstag war er müde, auch war ein gewittriger Tag. Mit Felizitas konnten wir nicht weit fort. Hans Heyse kam abends in die Post und bot ganz das alte Bild des lieben, aber immer daneben greifenden Menschen. Nachts Sturm. Gestern früh zog ich mit A. los, weil das das sicherste Mittel ist, ihn von gewagten Touren fernzuhalten. Wir wollten (nach unsrer mäßigen Karte) via Vereinsalm über ein nett aussehendes Joch ins Karwendeltal, dann nach Scharnitz. In 3 Stunden waren wir auf der Alm u. aßen etwas. A. fragte den Förster nach dem Weg über den Sattel. Antwort: es seien zwei Stunden, nicht schwer, nur rechts u. links ein "bißchen steil". Das sah mir nicht gerade nach mir aus. Wir kamen dicht an die Mauer ran, fanden aber den geeigneten Anstieg nicht mit Sicherheit, und außerdem sah das Ding so scheußlich schwer aus, daß wir verzichteten. Nun wollten wir nach flüchtiger Betrachtung der Karte nach Vorderriß, fanden erst den Weg nicht, gingen einen durch Pflöcke kenntlich gemachten Waldholzweg steil herunter, kamen an den Fermersbach, an dessen Rand wir entlang zu "promenieren" hofften. Der Weg
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| ging dann aber hunderte v. Metern hoch, wieder herunter, in Ausbuchtungen mit Wasserfällen u. eingebrochenen Brücken - herrlichste Landschaft - aber endlos, so daß wir Vorderriß statt um 5 erst nach 6 erreichten. Es liegt ganz wundervoll im Wald, wo Isar u. Riß zusammenfließen, wohl 4 Stunden oberhalb Lenggries. Dort erst stellten wir fest, daß wir von Mittenwald ca 25 km entfernt waren. Wagen nicht zu haben (cf. Kehlheim) Wir telephonierten nach Wallgau, hörten etwas von der Möglichkeit, ein Auto zu bekommen, dann wurde Telephon und Telegraph um Punkt 7 fest geschlossen, und wir wußten nichts. Trotzdem beschlossen wir, die 15 km. bis Wallgau noch zu laufen! Um ½ 8 in der Dämmerung brachen wir auf; ein herrlicher Weg, meist an der nebelumflorten Isar, teils durch dunklen Tannenwald, und ohne Pause schafften wir den Weg bis W. in 2 ½ Stunden. Im ganzen also waren wir 11 Stunden marschiert, mit 2 Stunden Sitzen. Auch A. war ein bisschen "klein gekriegt". In W. (Himmel, der Durst!) bekamen wir wirklich ein herrschaftliches Privatauto für 15,60 M + 2,40 Trinkgeld, das uns die letzten 10 Kilometer bis Mittenwald fuhr. Um ¾ 11 waren wir da, und um 12 im Bett. Ich habe eigentlich nur 3 Stunden geschlafen, aber wir sind beide relativ auf dem Posten. Nur weiß ich nicht
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| wie ich den Durst wieder loswerden soll.
Am Dienstag, spätestens Mittwoch, erfolgt Übersiedlung meinerseits nach Partenkirchen; Am Montag 30. Rückreise. Aufenthalt in München nur, falls ich Spengler sprechen kann. Am 5.9. Abreise nach Groningen. Wetter überwiegend gut. Gestern nur ½ Stunde Gewitterregen, nachts Wetterleuchten, heut sonnig, aber unsicher.
Adalbert ist ein angenehmer Reisegefährte, tadellos in den Formen, ohne jede Übertreibung, dabei von lebhafter Intelligenz, auch geographischer. Ich bin recht zufrieden mit dem "Ersatz", da es nun einmal auf das Eigentliche verzichten hieß. Die Post ist auch hier recht anspruchsvoll; aber ich lasse die Sachen liegen, bis schlechtes Wetter kommt. Man muß doch einmal Ruhe haben. Recht fatal sind wieder die R.schen Unklarheiten, Heimlichkeiten, Doppelreden, übrigens von beiden Seiten. Es ist nicht leicht, Geduld zu behalten. Lore geht nicht nach Berlin.
Mit dem Brief v. Gretchen Schmidtal kann ich so garnichts machen. Ich muß wissen, was für eine Vorbildung sie schon hat und wo sie eigentlich hinmöchte. Auch muß ich ehrlich gestehen, daß ich den Begriff "Werklehrerin"
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| so wenig kenne, wie den Weg dazu. Meint sie etwa Gewerbelehrerin. Solch ein Rat auf die Entfernung ist zu verantwortlich. Mindestens muß sie mir ausführlich selber schreiben.
Fritz Müller-Partenkirchen hat einmal Felizitas deutsche Stunden gegeben. Er schreibt für 1000 Zeitungen und scheint davon zu existieren. Der junge Rijs ist seit 8 Jahren tot.
Nun lebe wohl, mein Liebes; ruhe Dich ein wenig aus, und laß den Groll, der nicht fetter macht. Überlege lieber, wo es im September noch schön ist. Sicher gilt dies von dieser Gegend hier; aber 2 mal im Jahr hier - das wäre doch zu viel. Wie denkst Du z. B. über Heiden oder über Badenweiler oder über Villingen Waldhôtel (Spätsaison, Wald wohl schon zu feucht.) Selbst Überlingen wäre nicht zu verwerfen. Die Hauptsache ist doch das Zusammensein. Nur eins versprich mir bitte: wenn auch bei mir force majeure eintreten sollte, dann sage nicht, ich sei eine Gans. Ich verspreche ganz feierlich, daß Du schadlos gehalten werden sollst. Nur das Wie ist noch nicht ganz sicher. Im stillen habe ich (für später) so meine "raren Gesichte"; aber von denen rede ich noch nicht.
Bitte grüße den Vorstand.
Herzlichst und treu
Dein
Eduard.