Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. August 1926 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 25. August 26.
Mein innig Geliebtes!
Seit gestern bin ich wieder hier. Wir hatten fast immer gutes Wetter in M., und hier ist es nun geradezu herrlich. Nach jener Tour haben wir noch mancherlei unternommen. Allein war ich auf der Mittenwalder Hütte (1500 m), mit A. in Mösern bei Seefeld u. zu Fuß zurück (wieder 30 km), am Sonntag in Innsbruck, wo es mir weniger gefiel, vielleicht wegen der furchtbaren Hitze. Aber die Bahn dorthin, von Riehls Bruder gebaut, ist großartig. Am Montag traf ich 1) den Studenten Pfefferkorn, der im Auto reiste, 2) den Professor Franke u. Frau, Hohenzolldamm 39 zu Fuß. 3) kamen Hans u. Adelheid, die mit mir nach der Aschauer Alm gingen u. die ich zum Abendbrot einlud. Adalbert kam dann von der Arnspitze (2200) wohlbehalten zurück. Gestern haben wir uns getrennt.
Obwohl mit A. alles friedlich ging, ist dies Zusammensein für mich doch eine trübe Erfahrung. Es war eigentlich der unausgesetzte stille Kampf zweier Lebensalter. Und da
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| ich feinfühlig bin, so fühlte ich, daß ich bei dem ganzen Unternehmen für A. eigentlich störend war. Besser wäre er mit Müller gereist, wenn Müller ein fanatischer Bergsteiger wäre. Immer wieder strebte er über unsren Kontrakt hinaus. Der Vater hatte ihm wohl (echt Körnerisch) noch zugesetzt: "Junge, wenn du mal da bist, das mußt du ausnützen, um was zu sehen." Dabei schrieb er mir noch, A. solle ja keine Hochtouren, auch nicht mit Führer machen. Nun hatte ich A. den Führer für die Albspitze versprochen, in der stillen Annahme, er werde dann auf andere Hochtouren verzichten. Das tat er nicht (cf. Arnspitze), bestand aber recht lebhaft auf der Führung Albspitze außerdem, und als er mit dem Führer gesprochen hatte, wurde daraus die Zugspitze. Immer entschiedener lehnte ich ab, überhaupt über seine mehr als romantischen Pläne mit ihm zu beraten. Summa: ich war froh, als dieses Reisebündnis sich gestern löste. In der Form war A. immer tadellos, auch sonst munter, intelligent, besonders geographisch. Aber es war kein Zusammenklang, weil er (im allgemeinsten Sinne) immer nur auf seine
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| Projekte hinstrebte. Dieser Reisegefährte hat mir in 11-12 Tagen 300 M gekostet, so daß ich selbst mit 1,25 M hier eintraf, wo ich m. Depot hatte. Aber wiederholen werde ich diese Methode nicht. Ich eigne mich eben doch nicht zur zahlenden Beichaise.
Hans (dessen Schwester Grete auch einmal auftauchte) und Adelheid haben eine merkwürdige Reisemethode. Es ist alles immer komisch organisiert.
Mir ist eigentlich etwas unausgesprochen wütig zu Mute. Einem andern kann man schwer klarmachen, wie dieses stille Bohren, das sich nicht gerade zu reden getraut, und dieses Nicht-beim-Wort-bleiben verstimmt.
Felizitas wirkt daneben nun doppelt lieb. Sie ist ganz ungeheuer fleißig, und obwohl sie ihre Pflichten im Hause sehr ernst nimmt, doch immer noch das alte liebe Kind, das ich nun gerade 10 Jahre kenne.
Am Montag früh reise ich ab u. bin abends in Berlin. Konntest Du inzwischen ein wenig ausruhen?
Viel herzliche Grüße Dein Eduard.

[li. Rand] Die Notgemeinschaft hat mich bis jetzt jeden Tag mit 1 Brief oder 1 Telegramm gequält.