Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Oktober 1926 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>
1.X.26.
Mein innig Geliebtes!
Habe Dank für Deinen sehr lieben Brief, den Nachklang unsres Zusammenseins und den wahren Ausdruck unsres Einklanges. Ich habe bisher nicht geschrieben, weil ein gesammelter Brief ja doch unmöglich gewesen wäre, bei dem Durcheinander meines Tages. Und ich lebe schon in dem Gedanken des Wiedersehens, so daß dies gar kein Abschied für mich war. Das Intermezzo ist alles andere als schön. 5 Tage mußte ich hintereinander zum Zahnarzt, und diesmal war es schmerzhafter als je. Es gelang mir, im Gespräch mit dem Prinzen Rohan, der in internationaler Verständigung kalefaktort, einen Vortrag in Wien abzuwehren. Hingegen mußte ich den Vorsitz der Berliner Ortsgruppe der Deutschen Akademie als Nachfolger von Holl [über der zeile] übernehmen. Ich war in Neubabelsberg; ich habe Krüger hier zu Mittag
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| und dann seine sympathische Frau zum Kaffee hier gehabt. Ich habe 1 Habilitation, 1 Dissertation, 2 Zeitschriftenmanuskripte und 50 Briefe erledigt, bin aber noch immer von Unerledigtem umgeben, und von allen Seiten wird gedrängelt. Außerdem sitzt ein Schnupfen in mir, der nicht herauswill und mich beim Arbeiten in der Stimmung lähmt.
Sonntag geht es nun nach Frankfurt. (Baseler Hof.) Dienstag Nachmittag nach Hattenheim, Hotel Rehs. Am 9. früh bin ich an sich frei. Ich werde aber diesmal nach der Odenwaldschule müssen, weil Geheeb drängelt. Vielleicht ist es für uns ruhiger, wenn ich das gleich v. Hattenheim mache. Andernfalls müssen wir dafür einen ganzen Tag von sehr früh an spendieren. Dies wird sich in Frkft durch persönl. Gespräch mit Geheeb herausstellen.
Gestern traf ich vor m. Hause einen Halbblinden und Halbverrückten, der eben in Nr. 37 eingezogen ist und mit dem ich spazierenging; wir kamen in ¾ Stunden nicht ganz bis zum Versicherungsgebäude. Merk
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|würdig war (außer manchem sonst), daß dieser Mann halb Theolog, halb Kaufmann, in Bad Boll bei Blumhardt seine Erleuchtungen bezogen hat.
Wenn das mit den Zähnen so weiter bleibt, wird es eine dauernde Arbeitsstörung und eine unaufhörliche Abzapfung von Nervenkraft. Ich habe für Frankfurt noch keinen Gedanken gefaßt. Überhaupt: zur Wissenschaft komme ich nie mehr. In der Bahn habe ich mir mit dem Wieser die Augen überanstrengt, und doch bin ich hier noch nicht bis zum Schluß gediehen.
Ich schließe für heut, um die Zeit recht auszunützen. Also auf Wiedersehen in H. am 9., mein Liebes. Ich freue mich sehr auf diese "Heimkehr", wenn es auch nur wenige Tage sein werden.
Innige Grüße
Dein
Eduard.

Eine Kölner Karte ist nicht eingetroffen. Du meintest wohl meine Karte nach Köln. Drucksache u. Packet sind angelangt. Herzlichen Dank, auch für die Waffeln.