Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Oktober 1926 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

21.10.26.
Mein innig Geliebtes!
Der neue schwere Schlag, der den armen alten Onkel getroffen hat, ist furchtbar. Er, der mehr als jeder einen schönen Lebensabend verdient hätte, muß alle Tragik, die das Dasein hat, noch durchmachen. Ich fühle, wie schwer Du da mitleidest. Man kann ja gar kein Wort des Trostes sagen. Aber Du fügst wohl einmal in einem Brief ein, daß auch ich aufs tiefste erschüttert bin. Woran Heini gestorben ist, deutest Du nicht an. Wie wird es nun mit Rudi?
Ich lebe im Zeitalter der Ernennungen:
1) ordtl. Mitglied der Akad. gemeinnütz. Wiss. in Erfurt.
2) Mitglied des Psychol. Senats beim Reichswehrministerium.
3) Mitglied des Vorstandes der Goethegesellschaft.
4) Mitglied des Vorstandes vom Internationalen Philosophischen Kongreß, der das nächste Mal 1930 in Oxford stattfindet.
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Felizitas ist gestern Abend abgereist. Die Tage verliefen so: Sonntag 11 Ankunft, zu Frl. Säuberlich, dann von der Siegessäule bis zur Janowitzbrücke, Mittag bei Lutter u. Wegner. 5 Uhr Tee bei mir: Agnes mit Gatten. Wenke begleitete Felicitas in die "Entführung aus dem Serail", während ich vorn auf dem Chauffeursitz im Regen das junge Paar nach dem Stettiner Bhf begleitete. Montag früh 8 Uhr nach Potsdam. Wetter sehr gut. Vom Stadtschloß über Sanssouci nach dem Neuen Palais, nachm. Glienicker Brücke, Pfingstberg; recht anstrengend, aber hübsch. Fel. hat historisch zu wenig Kenntnisse, um viel davon zu behalten. Es sind eben alles starr gewordene Kinos. Dienstag ging sie mit Wenke in Museen, Kaufhäuser, Aquarium. Von ½ 6 - ¼ 8 waren sie bei mir zum Butterbrot. Den Abend führte sie Orlik ins Kino. Mittwoch ging Wenke nochmal mit ihr in den Zo. Wir beide aßen dann im Ratskeller. Viktoriacafé. Zwischendurch erledigte ich m. Dienst, war um 7 an der Bahn, und ging dann noch in einen Vortrag.
Es ist mir doch sehr aufgefallen, wie blaß Felizitas aussieht. Auch der eigentliche volle Frohsinn fehlte. Sie war sehr kindlich und sichtbar
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| ängstlich vor Berlin. Anscheinend stimmt etwas nicht.
Seltsam war auch die ziemlich geringe Pflege des äußeren Menschen. Für die 3 ½ Tage brachte sie nur ein ganz kleines Handtäschchen mit. - Sie ist mit der Entwicklung anscheinend noch nicht fertig. Ich hoffe für sie, daß dann auch noch eine äußere Blüte kommt. Jetzt sieht sie kindlich-lieblich aus; aber nichts von der Schönheit, die sich früher gelegentlich andeutete, ist eingetreten.
Im Zusammenhang hiermit habe ich eine Kränkung erfahren, über die ich wieder Wochenlang nicht hinwegkommen werde. Ich bestelle heut früh Frl. Wingeleit erlogene Abschiedsgrüße von F. "Na, ist sie denn nun glückliche Braut?" - Was? Wieso? - "Na, da sollte doch wohl etwas angebahnt werden." Ich begriff erst allmählich, daß sich das auf Wenke bezog. Dieser hat sich natürlich nur als Führer gefühlt und in der halben Minute, wo Wingeleit die beiden mit mir zusammen sah, war nichts zu deuteln und zu schließen. - Ich habe mich erst langsam gefaßt und bin dann in die Küche gegangen, um zu erklären, daß ich keine Heiraten stifte.
Ich glaube, lange geht dieses Verhältnis nicht mehr. Ich fange an, darunter zu leiden.
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Hier war heute Nacht Frost. Hoffentlich heizest Du gut bei Dir. Die Disposition für Ischias will dauernd beachtet und prophylaktisch behandelt werden, wozu vor allem Wärme gehört.
Morgen in Neubabelsberg treffe ich H. Scholz. Von jetzt an muß stramm gearbeitet werden. Ich breche daher ab, um weiter "abzubauen."
Innige Grüße
Dein
Eduard.

[] Der Kongreß in Weimar soll nach allgemeinem Urteil auf den Ton einer Volks- u. Radauversammlung gestimmt gewesen sein. Wie richtig ich das wieder gefühlt habe.