Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1926 (Berlin/Akademie)


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<etwas ist in die li. obere Ecke geklebt, evtl. eine Blüte>
Akademie, mittags 4.XI.26.
Mein innig Geliebtes!
Es ist jetzt eine schreckliche Zeit: wo man hinkommt, ist es überheizt. Eine trockene Luft benimmt den Schädel, und die städtische Kultur stinkt einem förmlich entgegen, bis man es nicht mehr merkt; denn vermutlich bleibt es doch den ganzen Winter so. Pflichtschuldigst habe ich seit Montag die üblichen Verdauungsstörungen. Es genügt nicht, daß ich immer Rotwein trinke; ich muß auch eine gute Sorte wählen. Mein Walporzheimer für 1,35 schafft es offenbar nicht.
Die Vorlesungen haben nun angefangen. Es sind 600 Hörer in einer Luft, daß man sich kaum auf dem Katheder aufrecht erhalten kann. Was nützen da die Leibesübungen? – Jede Sprechstunde dauert fast 2½ Stunden, und die Woche ist mit Sonderbesuchen besetzt. Trotzdem habe ich nun endlich den Schluß der Serie für die "Erziehung" geschrieben; Gottlob, daß ich das los bin. Heute hat die Studiengemeinschaft begonnen. Morgen fängt das Seminar an. Heut ist der erste 12 Stundentag, dessen Mittagspause ich benutze, Dir zu schreiben.
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Deine lieben Bilder haben mir sehr viel Freude gemacht. Schade, daß das erste – von Saig – anscheinend etwas überbelichtet ist. Wirklich, es war der schönste Tag. Nun heißt es, sich an die Winterquartiere gewöhnen. Das geht nur allmählich. Ich habe viel Besuche gehabt, so Frau Kempler-Paulsen, der ich mit 1000 M aushelfen konnte, Frl. Knoche, Ermatinger-Sohn mit Frau aus Holland (sehr langweilig.) Frau Roethe habe ich besucht, die offenbar sehr glücklich war, mit jemandem sprechen zu können. Die ungeheure Arbeit wird nun verteilt.
Die "Deutsche Akademie" ist eigentlich eine Erbschaft von Holl. Das Ding ist, wie ich ahnte, eigentlich schon Pleite. S. Excellenz, mein Sekretär, hat mir 2½ Stunden Vortrag gehalten; die olle <Name unleserlich> hätte es hoffentlich in ½ Stde geschafft, und zum Schluß kam er mit dem Brief des Schatzmeisters heraus, daß eigentlich nichts mehr in der Kasse sei. Das Verhältnis zu München ist gespannt. Eine vortreffliche Erbschaft.
In Cecilienhof war ich (bei furchtbarem Wetter) wirklich tout seul. Der konkrete Anlaß waren Schwierigkeiten mit dem 3. Sohn
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| (Hubertus) ganz bürgerlicher Art. Bei Tisch suchte ich also das Gespräch so zu drehen, daß es immer ihn betraf. Das glückte – bei Bouletten und Quetschkartoffeln – auch recht gut. Nach Tisch sprach ich ihn kurz allein, wobei er mir eigentlich sehr gut gefiel. Dann folgte eine Unterhaltung mit der Kronprinzessin, an der der Major und 2 Erzieherinnen, teilweise auch Hubertus in einer räumlichen Anordnung teilnahmen, die jede Gemütlichkeit ausschloß. Gegen Schluß (kurz vor 10) flaute dann auch das Niveau erheblich ab, und ich war von dem Ganzen nicht sonderlich befriedigt. Doch verlief alles ziemlich ungewungen. Ein großes und ein kleines, kurioses Hundevieh liefen hinter jedem meiner Schritte einher. Das Auto brachte mich wieder an die Bahn. Ob man mit mir zufrieden war? Von Doorn war auch kurz die Rede.
Neulich war Niemeyer bei mir wegen der amerikan. Übersetzung, deren Urheber, Pigors, sich leider erst am nächsten Tage einfand. Morgen kommt Dr. Meyer von Quelle u. Meyer. Es eilt schon wieder mit der neuen Auflage der Jugendpsychologie. Wo soll ich Zeit und Kraft dazu hernehmen?
Eine Sekretärin habe ich noch nicht. Aber 20 neue Kasten und ein Dutzend schöne Weingläser habe ich gekauft. Nach einer neuen Wohnung schaue ich ununterbrochen aus. Frau Witting hat sehr warmherzig geschrieben. Sie hat am Schluß der Saison
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| wieder kleine Bergbesteigungen gewagt.
Am Sonntag ist Taufe bei Wallner (Petri-Kirche), Sonnabend Neubabelsberg.
Gestern war der Sekretär der Erfurter Akademie bei mir. Er wollte meine Ansicht hören wegen gleichzeitiger Ernennung der Herren Becker, Boelitz und – Hellpach. Ich habe ihm ganz offen gesagt, daß mir mit Bezug auf den letzteren das Niveau ungleich gewählt scheine. Ob das wirkt? Oder ob wir am 5.XII. in einer Bank sitzen?
Was hörst Du von dem Ergehen des armen Onkels? – Aus Cassel, von Frl. Rohrbach, erhielt ich eine Photographie, die ich leider nicht hier habe: Herr Prof. Spranger inmitten der katholischen Geistlichkeit. – Was studiert Fritz Schwalbe? Was für ein Fach vertritt Prof. Bettmann? – Wenn es irgend geht, will ich natürlich zu Weihnachten kommen. Die nötigen Bücher bringe ich bis auf wenige mit. Heut kann ich darüber noch nichts sagen.
Flitner war auch hier. Die Erziehung hat 2100 Abonnenten. Aber sie ist noch nicht das Rechte. So, das wäre wohl alles, was sich inzwischen ereignet hat. Ich lege ein paar Briefe zur Ansicht bei und schließe mit herzlichem Dank <re. Rand> für Bilder und Brief und alles stets Dein Eduard.