Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. November 1926 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel: Prof. Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

14.XI.26.
Mein innig Geliebtes!
Mit herzlicher Freude habe ich heut Sonntag früh die Schilderung von Deiner kleinen Akademie und neulich von Deinem Leben in Saus und Braus gelesen. Meinem innigen Dank für Bild und Binde fügte ich nun gern einen richtigen Brief hinzu, aber nachdem ich gestern 25 Briefe expediert habe, muß ich heut neben 1000 anderen Sachen endlich an den Vortrag für Chemnitz denken (Dienstag Abend, Carolahotel.) Deshalb sende ich hier ein paar Sachen, die auf das "Laufende" Bezug haben, und füge nur Stichworte hinzu. Vorher aber möchte ich Dich bitten, auf den Brief von Frau Riehl unbefangen zu antworten. Damit ist ja eine "Analyse" meiner Person nicht gerade gefordert. Frl. Knaack u. Schaedel tragen zur Verschönerung des Bildes in N. nicht bei; aber sie sind willkommene Beschäftigungsobjekte, u. die letztere "beschäftigt" uns sehr.
Meine Verdauungsstörungen halten an. Es ist keine Erkältung. Vielleicht vertrage ich den deutschen Rotwein nicht, den ich gekauft hatte, weil er
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| deutscher, billiger u. leichter ist als der frz. Nur bei äußerster Vorsicht komme ich zur Ordnung. Der Appetit ist aber garnicht beeinflußt. Seit letzter Woche habe ich eine Sekretärin, stud. phil. Käthe Silber, polnischer Flüchtling. Sie läßt sich recht gut an, am besten von den Dreien bis jetzt. In der Vorlesung sind 600, aber 100 können nicht sitzen. Seminar ist eingeleitet, aber der erwartete phänomenologische Rätselredner ist, diesmal als weibl. Figur, tatsächlich da. Übersetzer Pigors mit Frau hat bei mir Tee getrunken. Borchardt vergeblich besucht; er kam, als ich eben ins Seminar mußte. Dr. Quelle war da; die neue Aufl. der Jps. drängt. Korrekturen des Schlußaufsatzes soeben erhalten und gelesen. Vor 14 Tagen Frau Roethe besucht u. lange gesprochen. – Die Deutschnationalen haben sich mal wieder herausregiert. Ich werde Anfang Dez. versuchen, meinen Einfluß auf die nationale Studentenbewegung zu gewinnen. Mittwoch (Bußtag) plane ich Treffen mit Jugendrichter in Wittenberg. Taufe bei Wallner furchtbares Gesicht: die Frau hat 5 lebendige Schwestern. Geburtshelfer bei Ankunft des Täuflings war Karl Ruge.
Ich muß jetzt eine Visite bei Sr. Exc. meinem Sekretär machen. Wir haben keinen Redner für den 1.XII. gefunden; – natürlich: ich.
Nimm daher vorlieb, mein Liebes. Ich denke täglich an Dich und werde auch mal wieder schreiben.