Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./5. Januar 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Januar 1926.
Mein geliebtes Herz!
So - der Tag wäre ja nun bald überstanden! Aber für Dich noch nicht, u. ich will wenigstens in Gedanken Deinen Weg bis nach Hause begleiten. Du hattest mir als Andenken Deine Erschöpfung vom Sonnabend hinterlassen - zu allem war ich unfähig, nicht einmal schlafen konnte ich. In halber Betäubung brachte ich fast den ganzen Tag im Hause zu. Das ist nun einmal so, wenn sich nach glücklichen Tagen wieder die Einsamkeit lähmend über mich legt. - Zu meiner Freude fand ich auf dem Schreibtisch den Entwurf der Rundfunk-Rede. Wie liebe ich Deine Gedanken, die mir so vertraut sind, dieses beredte Zeugnis einer höheren Welt, die herrschend, beseelend dies Dasein durchwaltet. Armselig der Mensch, dem diese Sehnsucht nicht aufgeht. Wie gern hörte ich den Vortrag noch einmal, nachdem Du die kleinen Ausfeilungen noch vorgenommen hast. Mir wollte es scheinen, als setzte der rhetorisch gesteigerte Schluß etwas unvermittelt ein. Und doch, wie rundet sich Anfang u. Schluß zusammen: vom ganzen Menschentum über alle Einzelentfaltung hinweg zur völligen Ergriffenheit des Seins in der Liebe zum Höchsten. -
Nichts von meinen Vorhaben konnte ich heute ausführen. Erst gegen 6 Uhr ging ich zur Post u. dann zu Adele, die aber keinen Groll gegen mich hegt. Sie war nur leidend u. hat es schwer mit ihrem kränklichen, mißgestimmten Gatten. - Beim Mittagessen das übliche Thema: Davison's. Draußen war es morgens sonnig, wurde aber bald trübe u. dunkel, Regen u. Wind nahmen kein Ende. Immerhin hat mich der Weg durchs Freie etwas erfrischt. Aber mit Sehnsucht denke ich an den wunderbaren Blick vom Aukopf mit dem bewegten Meer ferner Hügelketten u. den
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| zauberhaften Farben. Warum kann man solche Stunde nicht festhalten? Natürlich - sie ist nichts an sich, nur was sie weckt in Gefühl u. Gedanken, wirkt weiter. Mir war sie wie ein Abglanz früherer Tage u. zugleich eine Tröstung: ist nicht die Welt dieselbe, wie damals auf dem Dilsberg? Ist nicht in mir die gleiche Liebe? Ist sie nicht Kraft zum Siege über alle Qual? Ich will stark bleiben u. das Schicksal gläubig verehren. Es kann kein Irrweg gewesen sein, der Weg zum Weißen Stein. So laß uns weiter zusammen gehen, der Stimme treu, die damals in uns sprach. Denn so verstehe ich die "Stimmen", als eine Gewißheit, die aus geheimen Tiefen kommt. Wohl sind sie ein Wunder, aber nicht im Sinne eines platten Realismus. Sie sind das feinste Band der Seele mit dem All, das wortlose Wissen um das, was sein muß.
- Gute Nacht, mein Leben!

5. Januar früh. Ich will jetzt wieder in den Alltag zurückkehren. In der Nacht regnete es fürchterlich, dabei steigt das Barometer wieder. Der Rauch treibt von Süden, aber die Wolken kommen vom Rhein, es ist immer dasselbe. Wie bist Du gereist? Hast Du ordentlich geschlafen? War keine ärgerliche Post? Ich war so froh, daß die 2 letzten Briefe uns noch erreichten u. Du nicht mit dem unerfreulichen Eilbrief hier abschließen mußtest. -
Innige Grüße u. treue Wünsche!
Deine Käthe.