Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./[10.] Januar 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Januar 1926.
Mein liebstes Herz.
Wie sehr freute ich mich, gestern im Briefkästchen Deine liebe Schrift zu entdecken! Wenn nur auch die Nachrichten mehr zum Freuen gewesen wären, aber zu meinem Kummer ist da immer so viel, was Dich verstimmt. Ach, wenn die Menschen doch einsehen wollten, daß Gefühle sich nicht kommandieren lassen, daß man sie durch Reden tötet - nur durch das unbewußte Wirken wecken kann. Die arme Frau Riehl, sie ahnt nicht, daß sie selbst sich um das bringt, was sie entbehrt. Was soll denn ich für eine Schuld daran haben?! Ich lasse Dich doch nur erzählen u. fühle Deine Conflikte mit. Ich kann nur zu gut mitfühlen, denn ich selbst stand ja jahrelang in ähnlichem Kampfe um geschwundene Illusionen, die mit dem Anspruch verbriefter Geltung auftraten. Ich weiß, wie qualvoll diese immer wiederkehrenden "Aussprachen" sind. Wir verkennen ja gewiß nicht die Berechtigung mancher Klage - aber eine Anklage verletzt; denn was in uns vorgeht, ist keine Schuld, sondern notwendige Wirkung. - Könnte ich Dir doch dies Zermarten ersparen! Wieviel muß man durchmachen, bis man endlich frei wird vom Bann einer Vergangenheit, die ihr Recht verloren hat, bis der Andere lernt das anzuerkennen, was man aus freiem Herzen geben kann. Und umgekehrt: wer trägt die Schuld, wenn man den andern zu sehr idealisierte? Möchtest Du lernen, mein armer Liebling - die "Sonnenflecken" zu ertragen u. auch bei "Aussprachen" der Führende zu sein - nicht zu leiden, sondern zu gewähren. Du darfst Dich nicht sinnlos zerquälen lassen - der Brief, den Du damals schriebst, war nur zu berechtigt. Dir fehlt der "Schwung", wie Du es nennst, weil das innerste Einvernehmen gestört ist, die schöne Sicherheit eines unbedingten Vertrauens. So wird, was sonst Anregung war zur Anstrengung. Ich sehe keinen Rat als einzig die Möglichkeit für Dich - nichts mehr zu erwarten, bewußt der Gebende zu sein trotz allem.
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Die Frage der Operation ist m. E. kein Problem. Man darf niemand einer so eingreifenden Sache unterwerfen ohne seine ausdrückliche Zustimmung. Außerdem sagtest Du mir ja, daß der Arzt selbst an seiner Diagnose zweifelte, also kann man doch umso weniger zureden. Umso weniger aber braucht man zu fürchten, daß das Ende des Lebens sehr nahe sei u. vor allem widerstrebt es meinem Gefühl mit dieser Möglichkeit, die jeden von uns täglich treffen kann, auf das Gemüt des Andern wirken zu wollen. -
Es ist so schlimm, daß solche zersetzenden Aussprachen in ihrer Wirkung gerade das Gegenteil ihrer Absicht haben u. die innere Entfernung nur vergrößern. -

Am 9. Januar. Leider kam gestern Lulu Jannasch, die wohl meinte, mich in meiner Einsamkeit trösten zu müssen, da Aenne für 3 Tage nach Stuttgart ist. Nun verzögert sich meine Antwort auf Deinen lieben Brief noch um einen weiteren Tag. Ohnehin finde ich es stark, daß Deine Zeilen vom 6. abgestempelt zwischen 4 u. 5 N.M. erst am 8. um 4 ½ in meinem Kästchen waren. Ist denn umgekehrt die Beförderung auch so bummlig? - Übrigens: eine Karte an Dich kam noch hierher, die ich umadressierte; es war die Antwort für Liebert, der noch verreist war u. der noch Bescheid geben wird. - Wie war es nun wohl in der Vox-Zelle? Ich denke mir das ähnlich unangenehm wie das Telephonieren einem anfangs erschien. Gibt es Berichte davon? Dann bitte, teile sie mit!
Hier ist heute zum erstenmal besseres Wetter, klarer Himmel u. kühlere Luft. Als neulich schon einmal die Rauchfahnen umgekehrt flogen, hielt ich das zwar nicht für ein ausgemachtes Wunder, aber ich wollte mich ärgern, daß der Wind nicht eher umschlug. Der Erfolg der andern Windrichtung war aber nur ein Regentag von solcher Dauer u. Heftigkeit, wie wir ihn zusammen glücklicherweise nicht erlebten. - Jetzt habe ich nun die Zeichnerei wieder regelmäßig aufgenommen. Nur heute nachmittag hat man mich ausgeschlossen u. der Schlüssel war nicht aufzutreiben. Schade um die schönen hellen Stunden. Denn meine Augen spüren die trüben Tage sehr u. ich bin
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| immer noch mit einer wahren Schlafsucht behaftet.
Deine Idee eines Schreibens an Frl. W. beschäftigt mich - doch bin ich nicht klar, wie ich es motivieren sollte? Ein solches Eingreifen u. Vermitteln schwebte mir vor, als ich damals vorschlug, zu kommen. Das hätte sich ganz von selbst gemacht, aber so ohne Augenschein aus der Ferne ginge es doch nur, wenn ich ausdrücklich sagen könnte, Du habest Dich beklagt. Ich würde dies durchaus nicht für falsch halten, aber ich weiß nicht, ob es Dir recht wäre? - Es ist schade, daß Susanne dieser Unannehmlichkeit ausgesetzt wurde, Du solltest eine strikte Anweisung geben, daß sie jederzeit die Wohnung betreten darf, ihr Kommen womöglich ankündigen, je nachdrücklicher, umso besser. - Jedenfalls aber wäre ich dafür, es mit meiner Einmischung zu versuchen, u. mir Deine Zustimmung zu dem fraglichen Punkt zu geben.
- - Wie sehr gemahnt mich alles, was Du von Klösterli schreibst an die schreckliche "Wildente",: ein ganzes Geflecht von Beziehungen, die mir durch Unwahrhaftigkeit aufrecht erhalten werden. Wie wird sich dieser Peter da einfügen? Nachträglich habe ich mir überlegt, wozu Du eigentlich Frau Jaffée besuchen mußtest, wenn doch alles schon beschlossene Sache war? - Vielleicht ist für Frau R. diese Ablenkung günstig u. mildert ihre Intensität nach andrer Richtung. Ich wünschte es ihr u. - besonders auch Dir. Wie gern würde ich Dir diese stillen Conflikte aus dem Wege räumen. Es ist ein Elend, daß Du sie so stark empfindest, womöglich noch mehr, als sie an sich sind. - Und die übliche Drachennatur der Haushälterin laß Dich nicht zu sehr bekümmern. Die werden wir schon noch bändigen. Ich werde mein Möglichstes tun, sobald ich Deine Meinung über die Einleitung zur Geisterbeschwörung habe.
Eine wahre Wohltat gegen all diese unerfreulichen Dinge waren die mitgesandten Briefe. Ganz besonders hat mich die Familiengruppe entzückt. Wer ist denn diese Frau Anna Doermer-Moerike? Ob es ein Rezept gibt für das Zusammenleben der Menschen außer
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| dem, daß sie immer von neuem suchen, sich zu verstehen u. aufeinander einzugehen? Die angedeuteten Conflikte sind wohl häufig, aber in ihrer Erscheinung doch wohl zu individuell, um typisch erfaßt zu werden, u. ihre Überwindung nur möglich durch die Kraft einer wahrhaft treuen Liebe. Denn ein nur pflichtmäßiges Zusammenhalten bliebe doch eine Äußerlichkeit. - - Nett, u. noch sehr jung ist die kleine, begeisterte Jüdin. Dabei klingt durchaus nicht die übliche Frühreife bei ihr unangenehm hervor. - Ganz besonders freuen mich auch die zwei Studienräte, deren Worte von echter Ergriffenheit zeugen. - Mit solchem freudigen Widerhall Deines Wesens möchte ich eine Mauer um Dich bauen können, daß all das Unliebsame dagegen verblaßt u. ferne rückt.
Mich aber macht es glücklich, aus Deinen Zeilen zu fühlen, daß es Dir hier wohl gewesen ist, daß Du den Frieden fühltest, der in einem tiefen, wortlosen Verstehen wurzelt. Ihn laß uns auch im neuen Jahr bewahren.
Innig u. dankbar grüßt Dich
Deine
Käthe.