Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Januar 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Januar 1926.
Mein Lieb, jetzt ist wieder solch einförmiger Arbeitstag vorüber u. ich kann ein wenig mit Dir plaudern - wenn Du Zeit hast! Man merkt jetzt doch täglich die Zunahme des Lichtes, sogar heute trotz der endlosen Schneewolken. Aber die Helligkeit wird von all dem Weiß so stark reflektiert, während sonst die dunklen Gegenstände sie verschlucken.
In den letzten Tagen war ich damit beschäftigt, all die entwerteten Papiere als Altbesitz bestätigen u. zur Aufwertung anmelden zu lassen. Es ist doch ein recht drastisches Bild von dem Zusammenbruch unsres Staates, daß er für ganze 1000 M - 25 ersetzt. Es lohnt beinah nicht die Zeit u. Mühe, die man darauf verwendet.
- Mit meinem Hauswirt hatte ich auch eine Verhandlung. Zu meiner größten Überraschung fand ich einen Mietsvertrag, der über jährlich 550 M lautete. Das habe ich in der Zeit der großen Preissteigerungen vor der eigentlichen Inflation gutgläubig unterschrieben u. dann total vergessen, denn es wurde in der Folge weiter kein Gebrauch davon gemacht. Herr Künkler war ebenso erstaunt, wie ich, über dieses Schriftstück u. erklärte es sofort als unzutreffend. Die frühere Miete sei von 350 M wegen zu geringer Verzinsung des Hauses (6% statt 5) auf 420 M zu erhöhen gewesen, das andre sei ein Irrtum. Er hat das Dokument jetzt mit eigenhändiger Unterschrift dahin abgeändert. -
Elisabeth Vetter ist jetzt zu einem Kursus von L. Klages in Zürich. Es ist eine richtige Modesache mit dieser Graphologie geworden. - Von Dir behauptete Elisabeth mal, Du habest so fabelhaft viel "Form", wie der technische Ausdruck lautet. Nun denke Dir Dein Teil dabei. Etwas Ähnliches ists wohl, wenn Prof. Gans mir anvertraute, seine Frau sei erstaunt gewesen über Deine Erscheinung, die so "gepflegt" sei. Ich glaube, sie hat Dich recht wild-genialisch erwartet. - Fühlen denn die Menschen nicht bei
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| aller Genialität den klaren Geist der Zucht u. Ordnung in Deinen Werken?
Eine Frage habe ich noch, die einmal schon Johanna Wezel stellte. Du erwähnst mal: Herders Reisetagebuch, wo ist das zu finden? Man behauptet, den ganzen Herder durchgesucht zu haben ohne Erfolg.
Mit Dietrich Schäfer sind wir noch nicht weit. Die Schilderung seiner Jugend liest sich wie Raabes Hungerpastor. Es ist das Milieu engster Lebensverhältnisse, die noch frei sind von dem Gift socialistischer Hetze. Daß man auch ohne diese darüber hinauswachsen kann, dafür ist er ja ein lebender Beweis. - Ob die Masse als solche zu heben ist, u. nicht vielmehr nur durch ihr Emporkommen das Gesamtniveau herabzieht? - Hier hängen große Plakate aus für die Reichsgründungsfeier am 17., Festredner Minister Remmelt; neuer Film "Unser Hindenburg". Ich möchte's ja nicht!
Vorhin kam an die hiesige Adresse das beifolgende Schreiben. Du hast doch scheinbar abgelehnt - denken die Leute: zureden hilft? Oder ist es eine Sache, die Dich interessiert? Du kannst doch nicht überall dabeisein! Die ganze Formulierung dieser Aufforderung hat etwas merkwürdig Inkonsequentes. - -
Ob Du wieder nach Klösterli kamst in diesen Tagen? Ich will Frau Riehl bald schreiben; nur von mir, aber so daß sie zwischen den Zeilen lesen kann. -
Vom 70. Geburtstag ist viel die Rede. Mit Davisons, glaube ich aber, neigt die Verbindung dem Ende zu. Sie suchen offenbar eine Wohnung; aber da sie offiziell keinen Anspruch haben, zweifle ich, ob es bald glückt.
Grüße alle Freunde, die ich kenne, besonders Dora Thümmel u. Susanne. - Hattest Du wohl ein wenig Erholung verspürt von dem kurzen Aufenthalt hier? Jetzt würdest Du, fürchte ich, etwas frieren, denn bei Ostwind steigt das Thermometer im Wohnzimmer nicht über 11°. Ich finde es aber doch ganz mollig, denn in der Klinik zieht es viel ärger.
Sei mir innig gegrüßt u. denke gern
an
Deine Käthe.