Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Januar 1926 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 18. Januar 1926.
Mein geliebtes Herz.
Das Päckchen soll doch nicht ohne einen Gruß fortgehen, wennschon ich aus meinem Stillleben nicht eigentlich was zu berichten habe. Endlich ist nun das Mäppchen fertig, - das war mal eine rechte Bummelei, nicht wahr? Aber Du weißt ja, meine hellen Tagesstunden sind schon besetzt, u. abends sind die Augen müde. Ob Du ein paar Minuten Zeit findest, die kleinen beziehungsvollen Andeutungen zu betrachten? - Als wir uns zuerst begegneten, da kannte ich nur die eherne Kette der Notwendigkeit - jetzt, siehe, ist auch die dunkle, ungewisse Ferne umfaßt von der goldenen Kette göttlicher Bestimmung. - Die "schwarzen" Tannen reden selbst; die bunten Lebensfäden, die sich wieder u. wieder verbinden - die wirst Du auch verstehen. Bei Ketsch habe ich die kleinen Zwergastern festgehalten, die wir dort im Spätherbst fanden, u. die dann noch viele Wochen an meinem Fenster blühten. - Das primitive Motiv auf der Außenseite ist Reichenauer Nachklang. - Und das Ganze? Das ist lauter innige Liebe u. Dank u. Glück.
Tausendmal danke ich Dir auch für die Berichte von der Dessauer Rede. Die muß einmal wieder besonders schön gewesen sein. Wie eine Beziehung auf Darmstadt berührte mich das schöne Bild von der Entdeckung des inneren Sonnensystems. - Und der geschichtsphilosophische - ich möchte sagen kulturpolitische Aufsatz hat mich ganz hingenommen, sodaß ich garnicht aufhören konnte, sondern bis in die Nacht hinein las. Wie wundervoll klingt da die Sehnsucht aus nach dem, was Du einmal die "Staatsnation" nanntest, nach dem in sich einigen Volke, das
[2]
| wieder ein Centrum gefunden hat, - die homogene Masse, die aus ihrer Zersplitterung wieder durch ein Herz u. einen Kopf zum Organismus gebildet wird.
Neulich hatte ich hier einen eigenen Eindruck. Ganze Mengen von Kindern kamen Mittags aus dem Gewerkschaftshaus, so etwa von 3-10 Jahren. Sie gingen fröhlich u. zufrieden, oft Hand in Hand mit den Kleinen nach dem Bergheimer Stadtviertel. Ich vermute da eine socialdemokratische Veranstaltung, vielleicht eine Aufführung, sicher aus Partei-interesse. Aber es machte einen guten, geordneten Eindruck, ohne daß eine Aufsicht dabei war. Ist das nicht auch eine brauchbare Form, die schließlich gute Staatsbürger heranbilden kann? - Es ist schwer u. verantwortungsvoll, wie Du sagst, aus diesem Chaos von Kräften die echten, empordrängenden herauszufinden. Ich weiß, daß Dein Gefühl sie erkennt, u. ich empfinde mit Glück wie gefestigt u. stark Du für das Erkannte eintrittst.
Draußen ist Schneetreiben. Solch ein Winter war nicht seit meiner Kinderzeit. Wie fühlst Du Dich dabei? Ist es gut warm bei Dir, sind die Zähne brav u. überhaupt?? Ich denke Dein - ganz besonders am 21., u. grüße Dich tausendmal.
Deine
Käthe.