Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Januar 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Januar 1926.
Mein liebes Herz.
Du hast Dir das Schreiben mal recht gründlich abgewöhnt! Ich will es nicht ebenso machen obgleich es heute schon reichlich spät ist, u. ich infolge lebhafter Nachfrage so beschäftigt bin, daß meine Augen abends nicht mehr recht wollen. Und überhaupt wirst Du an Deiner - Schlafmütze keine große Freude haben, fürchte ich. Es ist hier außerdienstlich Geburtstag an der Tagesordnung, jede Maßnahme wird darauf bezogen. - Also es wird am 2. im Hause unten vormittags große Kur sein, um 3 müssen wir auf den Hemshof fahren u. werden wohl erst um 12 zurück kommen. So habe ich beschlossen, am Tage vorher eine Privatfeier zu halten für die Freunde, die nicht mit nach Ludwigshafen gehen, also da sind die Generalin Mathy u. Tochter Hedwig, Frau Geh. Rat Clauß u. Frau Ewald. Das ist ein sehr netter Kreis u. ich hoffe, es soll gemütlich sein. - Das Buch von Dietrich Schäfer habe ich besorgt, da Du Dich nicht dagegen aussprachst. Es wird eine durch u. durch politische Sache sein u. sicherlich für uns eine sehr zuträgliche Lektüre. Mit großer Anteilnahme verfolgen wir allabendlich seinen Lebensgang, u. sind mit ihm erregt beim Gedanken an den Weltkrieg. Ganz heimlich ist in mir immer wieder eine Stimme, die ihm (d. h. Schäfer) in seiner strengen Einseitigkeit Unrecht geben möchte,
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| u. die hofft, daß nicht der "reine Machtgedanke sondern der Rechtsgedanke" in Zukunft regieren wird. - Ich lese Deinen Aufsatz in der Erziehung wieder u. wieder. Ich finde ganz besonders fein, wie Du sagst, daß die Idee des Völkerrechts gewissermaßen "zu einer eignen Großmacht" werden müsse, eben die Macht, die alle im Zaume hält! - Werden wir, müssen wir auch nur durch Diktatur von dieser trostlosen Demokratie loskommen? Möchte Hindenburg uns noch lange erhalten bleiben; mir ist es als wäre um ihn etwas von der königlichen Würde vergangener Zeit, von dem schlichten Geist des alten Kaisers.
Und morgen ist nun die feierliche Rede, deren Grundgedanke von der Betrachtung geistiger Epochen als organische Entwicklungen mich noch oft beschäftigt hat. Es ist wohl diese Art zu sehen für geschichtliche Forschung die gleiche, wie die vergleichende Anatomie es für die Erforschung der Organismen geworden ist. Wie seltsam, daß solch Gedanke durch lange Zeit immer wieder unbeachtet auftauchen kann u. dann plötzlich, wenn er als Methode auftritt, wie ein völlig Neues wirkt. (- Irgendwo las ich vor kurzem das Wort: "anmaßende Begabung eines Spengler" das war mir eine Genugtuung!)
Den Artikel von Hermann Schwartz las ich auch, weil ich weiß, daß Du viel von ihm hältst. Man empfindet seine Worte wie einen breiten, langsam fließenden Strom, der nach allen Seiten das Ufer bespült - nichts bleibt am Wege unberührt, aber es ist ein starker zielstrebiger Zug dabei: Ich hoffe, daß dieses Ziel die Pädagogische Hochschule sein wird!
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Heute stand in der Zeitung, daß Eucken u. Kerschensteiner die Aufforderung nach Rom ablehnen wegen der Mißhandlung der Tiroler Deutschen. Das ist schön, hoffentlich wird es recht laut ausgesprochen!
Ob wohl Frau Riehl Dir sagte, daß ich ihr schrieb? Und ob sie merkte, warum ich es tat? Ich wäre so froh, wenn es wieder für Dich leichter würde. Geht es gut mit diesem Peter? Vermutlich ist er der Mieter, von dem sie mir damals schrieb. - Seltsam, ich verstand Dich, als ob die Entscheidung noch garnicht gefallen sei, ehe Du mit Frau Jaffee sprachst. -
Auf Rat der Bank wollte ich für meine 6800 M Preuß. Consols Vorzugsrente beantragen, ich habe aber 1925 100 M zu viel eingenommen u. zu ehrlich versteuert, als daß ich sie jetzt verheimlichen könnte. So gehts!
Ich hätte Dir noch so mancherlei zu berichten, aber mir fallen die Augen zu u. morgen früh muß der Brief fort, weil Du ja am Sonnabend nach Hamburg fährst. Damit Du weißt, an was man beim Packen denken muß, schicke ich Dir dies Pälzer Verschen mit. Es wird Dir Spaß machen.
Reise gut u. laß mich endlich mal wieder von Dir hören, ja? Viel treue Grüße von
Deiner
Käthe.