Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Februar 1926 (Cassel)


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Cassel. 10. Februar 1926.
Mein liebstes Herz,
räumlich bin ich Dir ein wenig näher gerückt, aber ich empfinde es nicht, denn ich höre nichts von Dir u. das Schreiben war auch für mich unmöglich. Es ist mir wie eine Ewigkeit seit Deinem lieben Brief vom 1. Febr. - Inzwischen werden die beliebten "Freiburger" bei Dir eingetroffen sein u. Dir gesagt haben, daß ich abgereist bin. Die Fahrt über wollte ich Dir eigentlich schreiben, aber ich habe fast beständig halb geschlafen. Ich fuhr um 5 Uhr 37 ab nach einer beinah schlaflosen Nacht infolge einer Panaritis an der rechten Hand. Und dieser übel entzündete Finger ist auch schuld, daß ich tagelang nicht mit der Feder umgehen konnte. Am Montag früh ließ ich ihn nach abermals schlafloser Nacht von Dr. Fey aufschneiden. Das war eine wahre Erlösung. - Auch im übrigen war alles anders als ich erwartete. Lieschen Schwidtal holte mich ab u. ich erfuhr so nach u. nach, daß Onkel schon seit 8 Tagen bei ihnen sei infolge großer Schwäche, die für ihn einige Pflege erwünscht machte. Man hatte sogar gezweifelt, ob ich nicht lieber abbestellt werden solle. Nun hatte er gerade am Morgen des 6. einen schweren Anfall von Herzkrämpfen, der ihn dem Tode nache brachte. Zunächst schien es da natürlich, als sei mein Kommen, d. h. meine Hülfe im Räumen zur Zeit überflüssig. Aber wir kamen überein, daß ich nach seiner Direktion arbeiten könne, u. daß mir Heini, der über Sonntag hier war u. der am Freitag nochmals auf 3 Tage kommt, helfen soll. Zunächst waren allerdings hauptsächlich Wege zu machen, u. auch die Besuche bei Onkel, der seit Sonnabend nachmittag im Diakonissenhaus liegt, kosten ziemlich viel Zeit. Ich habe aber bereits 3 Kisten mit Sachen von Rudi packen lassen u. das ist also aus dem Wege geschafft. - Augenblicklich bin
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| ich dabei, einen Bücherschrank zu registrieren - aber ich ramsche dabei, denn es sind vorwiegend Broschüren; da heißt es: Medicinisches, sociales - naturwissenschaftlich, - pacifistisch! - etc. -
Ich wohne Murhardstr., obgleich Schwidtals sehr drängten, ich solle dort bleiben. Aber das kostet nur Zeit u. Kräfte. -
Lieber Einziger, habe ich Dir denn eigentlich geschrieben seit ich Deine Geldanweisung empfing u. Dir gedankt? Ich glaube fast nicht. Denn da kam direkt die "große Festlichkeit", die sich wie eine Bauernhochzeit über Tage ausdehnte u. die meine freie Zeit kostete. Ich habe oder hatte vielmehr noch einen Aluminiumtopf besorgt, im übrigen aber hat auch die sonstige Freundschaft da mit gesorgt.
- Die Verhältnisse hier übersehe ich auch erst, seit ich mündlich davon hörte. Ila hat den Onkel gedrängt, ihr die Wohnung zum Tausch für sich zu überlassen u. zum April zu räumen. Das hat den Onkel in Anbetracht der Flut von Sachen, die er gern gerecht an seine Kinder verteilen möchte vollständig überwältigt. Und außerdem hat es in ihm den Entschluß reifen lassen, eine eigne Häuslichkeit aufzugeben u. in das bewußte Altersheim zu gehen. Es ist dies eine neue Gründung im Anschluß an das vorhandene Spittal. Zunächst aber kann er nur 1 Zimmer zum Unterstellen der Sachen haben u. erst zum Juli oder Herbst!! bekommt er im neuen Hause die 2 eignen Zimmer. Er muß also den Sommer über teils bei Malcus' teils auf Reisen sein. - Ich halte es nun aber wirklich für die gute Seite der bösen Erkrankung, daß Onkel sich die Schwierigkeiten der Möbelverteilung u. die Beseitigung des überflüssigen Krams erleichtern läßt u. nach Möglichkeit abkürzt. - Die Monatsfrau kommt täglich u. sorgt für Heizung, zum Essen gehe ich aus u. morgens u. abends versorge ich mich selbst, so geht alles ganz leicht, leichter natürlich als wenn Onkel im Haus wäre. -
Laß mich für heut mit diesem nüchternen Bericht aufhören. Ich denke Deiner bei allem, denn es ist doch auch unser Cassel. Ich <li. Rand> hörte gern, wie es Dir geht. Schreib doch mal wenigstens eine Karte. Wie war es denn bei Cecilie?
<Fuß S. 1> Die [über der Zeile] anderen Briefe schicke ich nächstesmal mit zurück. - Kann man die gemeingefährliche Person nicht einsperren? Das ist ja schlimmer wie ein Wegelagerer.
<li. Rand S. 1>
Innige Grüße u. - gute Nacht! Deine Käthe.