Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Februar 1926 (Cassel)


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Cassel. 14. Februar 1926.
Mein liebstes Herz.
Immer will ich schreiben: Heidelberg - - u. ich wollte nur, ich wäre schon wieder dort! Jetzt war Heini aus Altona mal wieder (angeblich) 3 Tage hier "zum Helfen". Aber er verschlief den ersten Tag zur Hälfte u. im übrigen ist er eben nur insofern bei der Sache, als er sein eignes Interesse wahrnimmt. Du weißt: eine Nachlaßregulierung ist ein übles Geschäft, viel ärger aber noch finde ich es bei Lebzeiten des Erblassers. Wir machen das ja wohl ohne alle Sentimentalität, aber mir hat es doch etwas sehr Schmerzliches. Ich finde meine Rolle hauptsächlich darin, bei der Teilung der Sachen für den Onkel zu sorgen, denn er selbst tut es nicht. Ich verstehe ja auch, daß er froh ist, die Last überflüssigen Besitzes los zu werden, aber wenn er dann in seiner stillen Klause in Hofgeismar sitzen wird, dann muß er doch wenigstens einiges Behagen um sich u. nette Bücher im Schrank haben.
- - Dazwischen fliegen immer wieder meine Gedanken mit Sehnsucht zu Dir u. ich tröste mich an Deinem lieben letzten Brief vom 1. Februar. Deine Mahnung, es nach dem Prinzip Korgitsch zu machen, kann man insofern nicht befolgen, als zunächst ja mal erst die Verteilung an 4-5 verschiedene Adressen stattfinden muß. Und abschicken kann man alles, außer den Sachen für Heini, erst, wenn der Umzug wirklich erfolgt. Und vorläufig ist noch nicht einmal ein Tauschring gesichert!! Onkel kann natürlich hier nicht allein in die Wohnung zurückkommen, er soll bis zu Rudi's Semesterschluß im Krankenhaus bleiben. Aber ob er das tut? Ich fürchte manchmal, daß er überhaupt nicht mehr in das neue Heim kommt, da er seine eigentlichen Zimmer erst im Oktober beziehen kann. -
Wenn Heini mir von Altona - Hamburg redet, dann denke ich im stillen an Deinen Bericht von dort u. wenn er mit seinem Auto rennomiert, dann vergleiche ich damit im Geist Deine feudale Lebensweise!; Und wenn er tut, als wenn er
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| von seiner Arbeitslast erdrückt werde, dann weiß ich jemand, der noch ganz anderes zu leisten versteht. Kurz, er imponiert mir kein bischen! Aber er ist ein gutmütiger Kerl: Leben u. leben lassen scheint sein Wahlspruch. - Dagegen habe ich mit dem I Krakeel. Sie schrieb in der gleichen Tonart wie an mich auch dem Vater, 8 Seiten ohne ein einziges Wort persönlicher Fühlungsnahme, nur Aufträge u. Anliegen. Das monierte ich ihr, u. bekam darauf einen höchst beleidigten Brief, in dem sie sich gegen Dinge verteidigt, von denen ich garnichts weiß, statt auf allerlei sachliche Anfragen zu antworten. Ja, ja - die verdrehten Schrauben! - - Das [über der Zeile] neueste Dokument von Deiner Kuriositäten-Sammlung schicke ich Dir nun auch wieder mit. Es war mir vorigesmal nicht die 10 <altes Pfennigzeichen> Überporto wert. Aber froh war ich, daß Du doch auch erfreulichere Dinge zu lesen bekommst, denn sowohl die kleine Jüdin aus Dessau als auch Frau Gomies schrieben sehr sympathische Briefe, natürlich u. unbefangen, ohne sich aufzudrängen. Warm u. echt scheinen mir auch die Zeilen von Giese.
- Ich bekam heut eine Karte aus Heidelberg, sonst scheine ich der Welt verschollen. Mit Gretli Schwidtal hatte ich gestern eine längere Unterredung. Sie würde so gern von Ostern an wieder beruflich tätig sein, aber es ist fraglich, ob die Schwester soweit gesund ist, um wieder allein mit dem Hausstand fertig zu werden. Der Bruder Rudi hat in einer Ceramischen Fabrik in Siegersdorf bei Bunzlau eine Anstellung, aber die Tätigkeit ist wenig befriedigend, da er seine künstlerischen Anlagen dabei nicht verwerten kann. So ist die Grundstimmung bei allen recht gedrückt.
Zur Vermehrung der Gemütlichkeit hier im Hause hat der Ofen seit 2 Tagen in fürchterlicher Weise geraucht. Aber der Ofensetzer kann erst am Dienstag kommen. Man mußte immer die Fenster aufreißen, um nicht zu ersticken; da habe ich mir natürlich gleich einen Rheumatismus zugelegt. Dafür ist aber der Finger nun so gut wie heil. -

Am 15. morgens. Für jetzt nur rasch noch einen innigen Gruß. Ich empfinde diese ganze Angelegenheit hier recht als Verhängnis. Ich schätze doch von der ganzen Familie eigentlich nur Onkel u. Georg Malius. - Wie kam der Mann nur zu solchen Kindern? In stillem Gedenken Deine Käthe.
[li. Rand] Schrieb ich Dir eigentlich schon mal, daß man vermutlich Deinen Zwicker beim Optiker nur etwas biegen lassen muß, damit er wieder sitzt? Wahrscheinlich hast Du ihn etwas ausgeweitet.