Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Februar 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Februar 26.
Mein liebstes Herz,
Du behauptest, mit "leeren" Händen zu kommen? Weißt Du denn garnicht, wie sehr Du mich mit all Deinen Gaben erfreut hast? Erst kam das Büchlein mit den hübschen, beziehungsreichen Bildern, die manches Wohlbekannte zurückrufen u. dazu locken, das Neue kennen zu lernen. Dann kam Dein lieber, so ersehnter Brief mit den Berichten Deiner geselligen Unternehmungen - u. wie schon öfters Dein Bild, diesmal im Briefe des Inders ganz so wie es mir im Herzen lebt. Wie schön ist es, daß er Dich so verstand u. es auch so bedeutungsvoll sagen konnte. - Später erst konnte ich die Rede lesen, an deren Entstehung geholfen zu haben, ich mir allerdings nicht einbilde, wenn ich auch Bücher dazu schleppte u. an dem was Du davon mitteiltest, innigen Anteil nahm. Jetzt aber war ich ganz überwältigt von dieser wundervollen Entfaltung, von dem herrlichen Frühlingsglauben, der als belebende Kraft daraus strömt. Und daß es nicht nur gefühlsmäßiger Glaube, sondern klares, sinndurchleuchtetes Lebensgefühl ist, das macht Deine Worte so zur überzeugenden Verheißung. Dies ist Kraft, an der sich unser geschlagenes Volk aufrichten wird. - Und so habe Dank für alles, was Du mir wieder gabst, besonders aber Dank für das, was Du bist u. was ich in der Seele trug als Bild, davon Du die Erfüllung bist.
Im übrigen war der 25. ein Tag wie andre. Allerlei freundliche Grüße kamen, u. Lulu Jannasch fand sich zum Kaffee ein, den wir mit dem Vorstand gemeinsam tranken. Später erschien noch Adele Henning, die immer sehr beschäftigt ist. Sie unternimmt immer
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| mehr, als sie leisten kann. -
Durch den Brief meiner Schwester Aenne rückt mir nun aber eine notwendige Entscheidung näher, die ich gern mit Dir besprechen möchte. Der Vorstand hat ohne meinen Auftrag, wie sie das liebt, bereits in Berlin meine Absicht verkündet, zu Mutters' 70. Geburtstag zu kommen. Ich hatte noch nichts geschrieben, weil [über der Zeile] ja noch alles ganz ungewiß ist u. 1. die Sache mit Onkel Hermann jederzeit wieder akut werden kann, u. 2. ich von Dir so gerne wüßte, ob Du irgend eine Möglichkeit hast zu einem Wiedersehen für mich, das ich bei den immer seltener werdenden Briefen recht dringend nötig finde. - Eine eventuelle Reise nach Berlin ist ja nun durchaus nicht an den betreffenden Geburtstag gebunden, da Mutter sich jede "Feier" verbeten hat. Abkömmlich bin ich hier am leichtesten mit dem 15. März, an dem Prof. Gans in Urlaub geht. In Cassel jedenfalls wäre mein Kommen am notwendigsten um [über dem gestrichenem Wort] in der letzten Märzwoche - aber vielleicht teilt sich das alles auch anders ein. Käme es wirklich zu einer Reise nach Berlin so möchte ich diesmal dann doch endlich auch Stolp damit verbinden, - kurz, es ist ein Rattenkönig von Möglichkeiten. Nun laß bitte, Du mich recht bald erst einmal wissen, was für eine Aussicht Du mir machen kannst, etwa einen Aufenthalt hier auf der Reise nach Zürich? - Daß ich gern in Berlin bei Frl. Wingeleit meinen vermittelnden Einfluß geltend machen würde, der - wenn auch vielleicht nicht mehr so brennend - doch wohl immer günstig sein wird, kannst Du Dir denken. In Berlin erwarte ich natürlich nicht, daß Du Zeit für mich hast, aber gern sähe ich doch Deine veränderte Einrichtung u.s.w. nach so langer Zeit!
- Die Zeit in Cassel habe ich nicht eigentlich als Anstrengung empfunden u. doch bin ich seit meiner Rückkunft dauernd müde. Die Rückfahrt hatte ich
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| so angenehm verbracht in Gesellschaft der Rheinsberger Tafelrunde, die in einem Büchlein über Friedrich d. Gr. anschaulich u. frisch geschildert ist. Wie hübsch, daß auch Du gerade von "seinem" Andenken ergriffen warst.
Gern hörte ich von Dir auch etwas über Deinen persönlichen Eindruck von den beiden Enkeln dieses großen Ahnen. Im Sinne des Inders vom Verhältnis des Lehrers zum Schüler hättest Du übrigens ruhig den jungen Mann sich auf den Bock setzen lassen können. Er soll doch erst beweisen, daß er königliches Blut hat! -
Daß Du an Frau Riehl über den vernichtenden Einfluß ewiger Aussprachen schriebst, hat sicher umso mehr gewirkt, als ich scheinbar unabhängig davon, nur in Bezug auf mein Verhältnis zum Vorstand genau das Gleiche an sie geschrieben habe. Möchte sich doch die arme Frau, die so aus ihrem inneren Gleichmaß kam, nun endlich wieder finden.
Mit wahrhaftem Genuß habe ich angefangen, die Philosophie der Gegenwart von Riehl zu lesen, die ich mir von Onkel schenken ließ. Welche Klarheit, Ruhe u. Beherrschung ist in diesem Stil. Wie schön, daß Du so nah zu ihm gehörst!
Es tut mir leid, daß Wenke wieder Überbringer einer so unerfreulichen Botschaft werden mußte. Wenn Goldbeck nicht den Mut zu einer klärenden Aussprache hat, so wärst Du besser nicht von seinem Mißfallen unterrichtet worden. Eine Gefahr für Dich bestand ja in diesem Verkehr nicht, auch wenn innere Gegensätze dabei bestanden, aber Du hättest unbefangen manche Anregung dabei gewinnen können, wenn er seine mo
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|mentane Verstimmung überwunden gehabt hätte. Jetzt wirst Du immer heimliche Abwehr bei ihm spüren u. nicht mehr ganz unbefangen sein. Ich bin aber überzeugt, daß er sich nur wehrt, weil er im tiefsten von der Wahrheit Deiner Worte getroffen ist, u. Dich vielleicht beneidet. Ganz gewiß möchte er den Gewinn Deines Umgangs nicht verlieren u. überwindet darum in der Stille. - Kennst Du übrigens das beifolgende Bild von Freud? Sieht er nicht aus, als ob er immer in unsauberen Dingen herumschnüffelte? -
Draußen ist heute nach einigen entzückenden Frühlingstagen ein ununterbrochner Regen, der aber nicht den endlosen Zug der Reichsbannerleute mit Musik u. Fahnen zu den Kriegergräbern verhinderte. Sie machten einen guten, strammen, geordneten Eindruck. Es ist doch ein andres Straßenbild jetzt wieder als vor 3-4 Jahren! -
Wie geht es Susanne? Sie schrieb mir eine nette Karte, für die Du ihr, bitte, danken willst. Noch mehr aber war ich dankbar für Deine Karte, die mir von Cassel nachkam. Du benutztest nicht ungern den Vorwand, daß ich dort keine Zeit für Dich hätte, um das Schreiben auszusetzen, aber wenn Du wüßtest, wie ich davon lebe, dann würde Dein gutes Herz Dich doch manchmal zu einer häufigeren Nachricht treiben. Und jetzt, im Augenblick, mein Liebstes, laß Dir einmal die Möglichkeiten für Dich u. mich durch den Kopf gehen u. finde eine möglichst schöne Vereinigung der beiderseitigen Interessen, von der Du mir baldigst Nachricht gibst, da es bis zum 15. März nicht mehr viel Zeit ist u. ich dann doch auch mit den andern verhandeln will. Für heute ade u. tausend innigen Dank. Fühlst Du Dich wieder wohler? Du erwähnst im <li. Rand> Briefe nichts von der Erschöpfung. - Mein Finger mausert sich wieder zurecht!
<li. Rand S. 3> Es grüßt Dich in Treuen Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Ich lege den Brief aus Port Saïd u. das liebenswürdige Schreiben aus Potsdam wieder bei.