Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. März 1926 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 12. März 1926.
Mein liebstes Herz.
Nach einem arbeitsreichen Tage möchte ich noch ein wenig mit Dir plaudern. Aber Du denkst vielleicht: die Schlafmütze ginge auch besser zu Bett! Einerlei - es kommt so bald doch keine ruhige Stunde. - Über meine Reisepläne ist noch kein fester Entschluß gefaßt, da ich noch von Berlin u. Stolp Antwort erwarten muß. Vorläufig habe ich mich nur mit Onkel verständigt u. wenn ich bei Ruges u. bei Hermann zu der vorgeschlagenen Zeit genehm bin, fahre ich am nächsten Dienstag nach Cassel. Sonst erst etwas später.
Daß ich nun, nachdem im Jahre 1920 meine Absicht, den Bruder in seiner Häuslichkeit zu besuchen nicht zustande kam, endlich einmal diesen Plan ausführen will, wirst Du begreifen. Es hat so mancherlei Gründe, daß es mir gerade jetzt richtig erscheint. - Du sollst von meiner kurzen Anwesenheit in Berlin nicht behelligt werden. Ein kurzes Sehen hie u. da in einer Arbeitspause wird ja vielleicht doch möglich sein. Und während Du dienstlich abwesend bist, werde ich mal eine recht gemütliche Rücksprache mit Frl. W. haben. - -
Immer wieder kehre ich in Gedanken u. lesend zu Deinem wunderbaren Vortrag zurück. Welche Vertiefung u. dabei welche
[2]
| Klarheit der Darstellung! Am Altenstein-Aufsatz ist es mir damals zuerst zum Bewußtsein gekommen, wie man aus Deinen Worten förmlich den Pulsschlag des Lebens fühlt: so wächst das Dasein; da ist kein Deuteln u. Suchen, da ist befreiendes Verstehen. - Siehst Du, so etwas schwebte mir damals vor bei dem mystischen Bildchen auf der Überlinger Mappe: Du blickst hinaus in die dunkle, ungewisse Ferne u. fragst das Schicksal: wo gibt es einen Weg? Und es wird sich vor Deinen Augen Schleier um Schleier lösen u. deine Gewißheit wird Kraft werden für viele. - -
War Dein Leben jetzt auch noch so reich an Geselligkeit? Hoffentlich ist die Goethe-Gesellschaft in Magdeburg auf einem andern Niveau als die in Stuttgart! Ich wünsche Dir herzlich für [über der Zeile] die vielen Vorträge ein recht verständnisvolles Publikum. Denn eigentlich könntest Du jetzt mit Semesterschluß wohl etwas mehr Ruhe gebrauchen.
Bei mir ist eben noch bis zuletzt Hochbetrieb. 2 Herren in der Augenklinik u. Prof. Bettmann haben dringende Anliegen. Ich merke immmer, daß sie sehr zufrieden sind, u. so werden sie mir schon nicht untreu werden, wenn ich auch nicht immer disponibel bin.
Laß mich doch mal wieder von Dir hören. Falls ich Dir nicht anders berichte, ist von Dienstag ab meine Adresse wieder Murhardstr. 18. Onkel ist noch im Diakonissenhaus, dirigiert aber Rudi, der in der Wohnung haust. Ich hoffe, wir können dann alles ladefertig machen.
Viel innige Grüße.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Heute morgen kommt eine Karte aus Stolp - es scheint dort zu passen. Es ist mir ganz seltsam, so eigenmächtig auf Reisen zu gehen - aber das Beste kommt zuletzt! Bestelle nur Du gutes <Fuß> Wetter für unsre Reichenau.