Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. März 1926 (Cassel)


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Cassel. 17. März 1926.
Mein geliebtes Herz.
Habe Dank für Deinen lieben Brief, den ich brennend ersehnte. Es ist ganz schrecklich, mit wie wenig ich mich jetzt immer begnügen muß, aber es ist mir auch wieder nicht recht, wenn Du auch um meinetwillen noch mit Verpflichtung belastet wärst. Du weißt, daß ich Deinen Mangel an Zeit verstehe u. ich ertrage es darum in Geduld, zu warten - zu warten.
Du schreibst, daß Du die Stellung zum Leben nicht verstehst, die meiner Reise zugrunde liegt. Ist es denn etwas so Unbegreifliches, daß ich die Fäden zur Familie, die ohnehin nur wenig in Gebrauch sind, nicht ganz abreißen lassen will? Immer u. immer habe ich die Aufforderungen zu Besuchen abgelehnt, jetzt sind es 6 Jahre, daß ich Hermann von Jahr zu Jahr vertröstete - u. Ruges boten mir nun zum Geburtstag als "egoistisches Geschenk" wie Aenne schrieb, eine Fahrt von u. nach Berlin, damit ich endlich einmal wiederkäme. Zum Onkel mußte ich doch, also dachte ich, dies dann zu verbinden, besonders da Prof. Gans mir sein Verreisen angekündigt hatte u. dann Ostern kommt. Hättest Du die Absicht gehabt, bei mir in Heidelberg zu sein, so wäre das wie immer, allem andern vorgegangen. Aber da Du erst um den 17. herum die Reichenau planst, so war für diese andre Sache ja ein freier Spielraum. Die Arbeiten für die Ärzte habe ich alle fertig gestellt; da natürlich zuletzt wieder alles zusammenkam, den Sonntag durchgearbeitet, u. [über der Zeile] bin erst den Dienstag abgereist - habe aber lauter zufriedene Gemüter
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| zurückgelassen. Daß ich bei der wirklich sehr anstrengenden Arbeit hie u. da eine Pause brauche, ist wohl nicht unnatürlich. Mit "Lebensaufbau" hat das für mein Gefühl garnichts zu tun, außer etwa darin, daß ich mit den Geschwistern eben doch durch ein Band natürlicher Zuneigung verbunden bin u. daß mir das ein Besitz ist, den ich nicht missen möchte. Meine Stellung in Heidelberg halte ich nicht für gefährdet durch diese Reise. Warum also sollte ich nicht fahren?
Daß Du ausgerechnet am Tage [über der Zeile] nach meiner Ankunft dort fortgehst, ist traurig. Aber ich bin froh, wenn Du endlich der Last des Tages entfliehst. - Solltest Du geneigt sein, statt gleich in die Schweiz zu fahren erst hier in Cassel Station zu machen - Cassel hat ja bekanntlich ein nervenstärkendes Klima - so wäre es keine unnatürliche Sache, wenn ich den Aufenthalt hier noch einige Tage ausdehnte. Ich käme dann eben erst zum Palmsonntag nach Berlin. Um Arbeit hier wäre ich nicht verlegen - u. der 70. Geburtstag soll ja keine offizielle Feier sein. Ich wäre sehr, sehr glücklich u. Du, mein Herz, hast ja noch Zeit genug für die Schweiz. Der König v. Preußen ist ein gutes, altes Hotel - u. - ach, es wäre so schön! Aber, bitte, nicht, wenn es dann einen Verzicht auf die Reichenau bedeutete. Vielleicht könntest Du ja hier ein gutes Werk tun, indem Du einmal dem Jungen, dem Rudi einige Lichter aufstecktest über das, was am Leben wertvoll u. wichtig ist. Er ist, so fürchte ich, durch dieses Saufleben beim Corps auf dem besten Wege zu verbummeln u. überhaupt ganz törichte Maßstäbe zu bekommen.
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| Onkel ist tätig, aber noch recht leicht ermüdet. Wir haben gestern u. heut schon fleißig geschafft, aber da weder Heini noch Ila bisher definitiven Bescheid gaben, ist noch nichts recht fertig geworden. -
Da man kein Kursbuch mehr hat, so bin ich auf die Auskunft am Bahnhof angewiesen u. ich habe mir sagen lassen, daß man am besten fährt: ab Cassel 11.17 über Sangerhausen 9.54 am Zoo. Das ist Personenzug. - Wenn nun aus irgend welchen Gründen keine Möglichkeit ist, daß Du Deine Reise in Cassel beginnst, dann möchte ich allerdings nicht erst um 10 Uhr ankommen, sondern dann müßte ich wohl Schnellzug fahren entweder hier ab 11.10 ohne Umsteigen 6.59 am Potsd. Bahnhof, oder 10.54, Halle umsteigen 5.22 am Anh. B. Was meinst Du? Sei lieb, u. schreibe mir sogleich eine Karte, damit ich meine Pläne machen kann. -
Ich habe große Sehnsucht nach Dir, u. ich fühlte mich grenzenlos vereinsamt in dem Gefühl, nun auf Tage nicht einmal Deine Adresse zu wissen. Da kam Dein lieber Brief recht zum Trost, sodaß ich nun doch wenigstens weiß, wo Dich meine Gedanken u. meine Zeilen suchen können. Was ist das eigentlich mit der "Adelsgenossenschaft"? Das klingt ja eigen. - Und worüber redest Du heute? - Hast Du denn garkein Verlangen, mal wieder von allem zu reden - so wie wir es in Darmstadt hatten? Ich meine doch, es wäre recht notwendig, da Du zum Schreiben fast keine Zeit mehr findest. Sieh, mein Liebstes, das soll kein Drängen sein, kein Sichbeklagen - es ist nur der Ausdruck
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| davon, wie ich immer nur im Tiefsten mit Dir lebe. -
Kannst Du es denn nicht fertig bringen, einmal eine Weile tatsächlich alle Anliegen für Aufsätze u. Vorträge abzulehnen? Ist es denn im Interesse dessen, was Dir wichtig ist, wenn Du so im Übermaß der Verpflichtungen ertrinkst?
Mit Frl. W. werde ich so diplomatisch, wie möglich sein. - Daß Klösterli so garkeinen Ruhepunkt mehr bedeutet, das ist zu traurig. Ob ich wohl bei meinem Aufenthalt in Berlin mal hinausfahren soll? Nicht um irgend etwas auszurichten, nur aus Rücksicht? Ist Susanne zu Ostern verreist oder treffe ich sie noch an?
Ich grüße Dich innig - u. freue mich, Dich bald zu sehen.
Deine Käthe.

Ich gedenke des 19., an dem Du vermutlich gerade diesen Brief bekommen wirst.