Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. April 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. April 1926.
<schräg aufgeklebte Feder>
Mein geliebtes Herz.
Ich wußte, daß ich heute bei meiner Rückkehr von der Arbeit eine Nachricht von Dir finden würde. Daß unsre Gedanken sich so ganz u. so tief begegnen würden, das hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Habe Dank, daß Du endlich, endlich redetest. Glaubst Du wirklich, daß ich nicht höher mit Dir hinaus wollte als zu einem tüchtigen Professor? Wenn ich auf der Reichenau der Ruhe froh war, die Dich von so manchen körperlichen Leiden ausheilen sollte, dann war es doch nur weil ich hoffte, daß Dir gerade daraus neue Kraft u. neuer Schwung erwachsen solle. Sieh diese starke, energische Feder: - ich brachte sie für Dich vom Ostseestrand, vom stürmischen Ufer. Denn allüberall gedenke ich doch nur Dein mit heißen Wünschen. -
Immer dachte ich in diesen Tagen an jenes: "stirb u. werde", das Du selbst vor einiger Zeit erwähntest, denn ich weiß, daß nur aus dem Überwinden Höheres wächst. Aber es muß der Wille zu diesem Höheren dahinter stehen. Daß er in Dir ist, daß er von neuem die Schwingen regt, das fühle ich mit Seligkeit. Und so wird auch Deine Gewißheit wieder wachsen. Denn das war es, was mich am tiefsten quälte, diese alles zersetzende Skepsis, die an der eignen Kraft zu verzweifeln schien. Wir wollen nicht müde werden, mein einziges Herz, ich stehe zu Dir, wenn es sein
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| muß gegen die ganze Welt.
Aber könntest Du es im wörtlichen Sinne meinen, daß ich mit meiner Familie brechen sollte? Läßt Du irgend eines der Bänder freiwillig fallen, die Dich Menschen verbinden? Und ich kann Dich versichern, daß ich auf dieser Reise nur Einblick in gute, tüchtige Verhältnisse u. ernsthaft strebende Naturen gewonnen habe. Mein Entschluß zu der Fahrt aber war nicht oberflächliche Vergnügungssucht, sondern eine allmälig gereifte Notwendigkeit. Ich wollte nur, ich könnte Dir schildern, wie da jeder an seiner Stelle sich regt u. betätigt. Ist es Voreingenommenheit, daß ich so viel positiv Wertvolles sah?
Mir gibt das Zuversicht für neue Gesundung unsres Volkes, aber auch Verantwortungsgefühl. Ich hätte einen langen tatenlosen Aufenthalt in diesen tätigen Kreisen nicht ausgehalten. Daß meine tägliche Arbeit nicht durch ihre Eigenart, sondern nur als Pflichterfüllung befriedigt, daß es ein mehr wirtschaftliches Genügen ist, etwas zu können, was nicht jeder kann - das ist doch schließlich für meine Natur auch ein tägliches Überwinden. Denn meine Neigung ginge ganz andre Wege! Sieh mal, da sagte mir wieder Prof. Gans: "Sie haben das entzückend gemacht, Sie übertreffen sich selbst. Ich höre nur lauter Lob über ihre Abbildungen". Aber da steckt doch eben auch ernsthafte Arbeit drin.
Aber mein ganzes Leben, das setze ich nur ein für Dich - mit Dir. Ich verliere mich selbst, wenn ich dies verlieren sollte. Für mich ist diese Gemeinsamkeit Quelle des Lebens u. wie die Wurzeln die Stille der Erde, so braucht mein ganzes Sein
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| den Frieden zwischen uns, wenn es sich sicher u. frei entfalten soll. Und so können wir uns doch helfen, wenn auch das Letzte jeder selbst in sich erringen muß.

Am 27. früh. Gestern besuchte mich Ernst Virchow, der frühere Hofgärtner aus Wilhelmshöhe. Ein müder, heimatloser Mann. Jetzt will er nach Bonn, wo seine Tochter Emmy, deren Gatte bei Langenargen ertrank, sich angesiedelt hat.
Heute ist nun der Tag für Klösterli, das immer neue Schwierigkeiten für Dich birgt. Du weißt, mein Einziger, ich würde nie suchen Dir etwas zu entfremden, wovon Dein Leben bereichert oder verschönt werden könnte. Aber hier fühle ich eine wahre Gefahr für Dich, fühle sie an der Art, wie Du nun schon seit langem auf den Geist von Klösterli reagierst. Und darum mußt Du notwendig frei von diesem Einfluß werden, u. daß Du das nur "in Dir aufbringen kannst," das fühlte ich deutlich. Wir werden nur Herr über eine Situation, die wir erst mit uns selbst durchgekämpft haben. Es klang mir immer etwas von gekränkter Enttäuschung aus Deinen Worten über Frau Riehl - u. vermutlich erneut sich dies Gefühl immer wieder an ihrem übertriebenen Anspruch auf eine Geltung, der in Dir keinen echten Widerhall mehr findet. Ich weiß, daß mit dem Überwinden dieser Enttäuschung das Verhältnis aus dem Bereich persönlicher Nähe herausgerückt wird - aber nur so kannst Du Dich schützen um dessen willen, was Du die "Sache" nennst, u. was ich in Dir fühle von Anbeginn. Möchtest Du in Deiner feinen Art die rechte Form
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| finden, ihre neuen Pläne schadlos zu machen.
Daß Du mit Bendemann in Beziehung gekommen bist, freut mich. Sein sprühendes Jugendfeuer solltest Du nicht beneiden, auch er muß sich klären zu der Reife, die Dir jetzt eigen ist, u. da muß sich erst erweisen, was davon die Probe aushält. Aber ich hoffe, daß die Berührung mit ihm, auch Dir fruchtbar werden soll.
Auch für mich hat sich die Gelegenheit zum Verkehr mit jungem Leben neu geboten. Hermann schickt mir 2 nette kleine Mädchen, die frisch von seiner Schule kommend, hier studieren wollen: Philologie. Die eine mit dem Ziel der Lehrerin, die andre als Vorbildung zur höheren Correspondentin. - Gleichzeitig kam unten bei Aenne eine neue Studentin an, durch Verwandte aus Schlesien empfohlen: ein sehr sympathisches Mädel von 20 Jahren, die sich durch Büroarbeit das Geld zum Studieren verdiente, deren Vater starb, noch ehe er als Arzt zum Beruf gekommen war, u. deren Mutter sie u. den jüngeren Bruder unter größten Schwierigkeiten erzog. Es ist direkt herzgewinnend, wie sie in ihrer offnen Art die Freude an allem Neuen äußert, die Sicherheit mit der sie den fremden Verhältnissen gegenübertritt, u. wie das Glück der Freiheit u. der kommenden Lebensentfaltung aus ihr leuchtet. Sie ist eine von Grund aus tüchtige u. feine Natur. - Irgendwie wurde bei Tisch Dein Name genannt, u. da wußte sie: von dem hat mir eine Freundin, die in Berlin studierte, ganz begeistert geschrieben. - Du siehst also, es sind nicht nur Reden, die Du "zusammen stellst", sondern
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| es strömt lebendige Wirkung daraus, vielleicht tiefere da, wo Du nichts davon hörst.
Trotzdem glaube ich, daß es Dein Bestreben sein sollte, einmal Urlaub von der akademischen Tätigkeit zu erlangen: nicht um der Ruhe willen, sondern zu eigner Arbeit. Vielleicht ist es gerade gut, daß dies vor einem Jahre nach Abschluß der Studiengemeinschaft nicht möglich ist: es wird in Dir bis dahin zum Abschluß kommen, was Dich jetzt quält. Die Bewegung des Lebens wird Dir wieder Richtungen u. Ziele zeigen, Du wirst sie wie sonst der Entwicklung vorausfühlen. Aber erzwingen läßt sich das alles nicht. Es ist die Ehrfurcht vor dem stillen Wachstum alles Organischen, alles sinnvoll Notwendigen, wenn ich schweigend neben Deiner Verschlossenheit u. Stille stand. Aber ich glaube an neue Entfaltung, ich fühle das Suchen u. Drängen, ich kenne Deine Kraft. Laß mich teilnehmen an dem Erringen dieser neuen Stufe wie sonst. Ich fürchte keine Gefahr, ich werde mich immer mit Dir für die "Sache" einsetzen. Erinnere Dich doch, wie Du elend warst vor dem Vortrag für [über der Zeile] den Fröbelverband in Frankfurt u. wie ich Dir doch nicht davon abraten konnte, weil ich es als eine notwendige Verpflichtung fühlte. Es war ein Wagnis u. ich blieb in Angst hier zurück - - aber es mußte sein! So hoffe ich, soll meine Liebe immer das rechte Verständnis haben für Deinen Weg empor. Und ich danke Dir, ich danke Dir für Deinen lieben Brief, der endlich den qualvollen Bann brach - u. wehre Dich nicht gegen den Frieden zwischen uns. Irgendwo muß man doch eine Gewißheit haben, in der man ruhen kann, eine ungetrübte Quelle der Kraft.
Das bist Du mir.
Deine Käthe.