Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. April 1926 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 29. April 1926.
Mein geliebtes Herz.
Zum Sonntag mußt Du einen Gruß haben u. ich hätte Dir ja auch immerfort so viel zu sagen! Immerfort beschäftigt mich das, was Du über das "Schweigen" schreibst, das kann ich so tief verstehen. Immer habe ich Dein Schweigen empfunden als Ausdruck einer großen Verwundbarkeit, die sich nicht ungeschickter Berührung aussetzen darf, um nicht im inneren Kampfe geschwächt zu werden. Aber wenn wir jetzt endlich wieder eins sind im Streben nach Überwindung u. innerer Freiheit, dann wird auch diese unnatürliche Spannung zwischen uns aufhören.
Ein Teil dieser Freiheit, die Du erringen mußt, besteht in einer Umgestaltung Deiner inneren Stellung zu Frau Riehl, die sich zu einer positiven Schädigung ausgewachsen hat. Wie mag es sich am 27. gestaltet haben? Du erträgst den Zustand der Passivität, zu dem Du in allem, was Dir nahe u. wichtig ist, verurteilt warst, nicht länger.
Schon ehe Dein lieber Brief kam, hatte ich mich von neuem in Deinen Beitrag zur "Erziehung" vertieft, hatte versucht mitzudenken - auszudenken, was in dieser geschilderten Lage aus der Knospenhülle sich entfalten kann. Wenn in Rußland, dem Lande krassester Klassengegensätze jetzt das Ideal absoluter Gleichheit herrscht, wenn Italien den Nachklang alter politischer Größe erlebt -
[2]
| was kann in Deutschland endlich wieder eine bindende Gemeinschaft schaffen? Ein starker Wille zur Zucht, meine ich. Warum hat unsre Regierung nicht den Mut, gegen alle die Schäden unsres öffentlichen Lebens energisch vorzugehen? Das edle Beispiel unsres Hindenburg ist wohl zu still, um dauernd zu wirken, u. er ist zu alt, um aktiv einzugreifen. Nicht eine homogene Masse, wie das russische Prolitariat - in Deutschland kann es nur die freie Vereinigung selbständiger Menschen geben, deren jeder an seiner Stelle sein Bestes tut.
Noch habe ich Dir garnicht gedankt für die neue Nummer der Erziehung u. für die Akademierede, mein Lieb, denn ich war so ganz erfüllt von Deinen Zeilen. Denke nur, das Couvert kam vollständig offen an, ein Glück nur, daß Dein Brief so sicher in der Druckschrift innen lag. Ich habe in dem Heft 7 bisher nur geblättert u. bin in dem Aufsatz von Nohl auf eine Erwähnung, des Sozialisten Feld gestoßen, der Dich angegriffen haben soll. Ihm ist Dein pädagogisches Ethos zu hoch gegriffen: nicht Umbildung der Menschheit - Umbildung der Umwelt sei das Ziel! Ich meine mit Menschen, die so ungeistig geartet sind, daß sie nicht im Einzelnen das Menschentum überhaupt sehen können, u. die so unlogisch denken, daß sie von einer Umwelt sprechen, als wäre sie nicht Ausdruck dieses Menschentums, mit denen kann man überhaupt nicht verhandeln.
In meinem "Deutschen Volkstum" wird von Felix Krueger: Zur Entwicklungspsychologie des Rechts gesprochen. Hat er denn endlich einmal etwas
[3]
| Eignes abgeschlossen? - Von Wolfgang Mathy kam eine sehr marktschreierische Reklame für eine Weltgeschichte der neuesten Zeit, herausgeg. von Herre. Das macht wohl Ullstein - ist aber nicht nobel.
Vor meinem Fenster steht noch in frischer Blüte der rote Zweig von Kattenhorn. Alle Knospen sind aufgegangen u. freuen mich täglich. - Auch den vermißten Manschettenknopf habe ich gefunden u. werde ihn Dir wieder zustellen. Also brauchst Du nicht über diesen Verlust zu trauern!!
Heute habe ich nun endlich einmal Gundelfinger im Colleg gehört u. fand ihn natürlicher u. anspruchsloser als ich erwartet hatte. Er liest ab, aber mit lebendigem Vortrag. Sein Thema ist Klopstock, den er in seiner epochemachenden Bedeutung würdigen will, wennschon er nur noch historisch genießbar sei. - -
Und in der Reichsgesundheitswoche hörten wir von Teutschländer, für den ich ja auch zeichne, einen Vortrag über Heilbarkeit des Krebses. Da waren Abbildungen, die den Wusch wohl verzeilich erscheinen lassen, einer solchen Zerstörung beizeiten aus dem Wege zu gehen, ehe sie den Menschen zum Abscheu für andere macht.-
Am Sonntag u. am Mittwoch war ich mit den jungen Mädchen spazieren. Denke nur, am Mittwoch ging Aenne mit: vom Königstuhl, wo wir uns mit ihr trafen über Kohlhof, Drei Eichen zum Speyrer, wo wir mitgenommenes Abendbrot zu einem Glase Bier verzehrten u. dann noch den schönen Weg über Rondell u. Kanzel - die
[4]
| Stadt im Lichterglanz - zum Schloß u. über die Anlage zurück. Es ist ihr tadellos bekommen - das soll ihr mal jemand mit 70 Jahren nachmachen!
Am nächsten Sonntag sollte es eigentlich mit der Jugend nach Schwetzingen u. Ketsch gehen. Aber Elisabeth Vetter kommt u. so werde ich wohl mit den 3 Mädels allein fahren. -
In der Klinik bin ich fleißig u. es schafft auch ganz gut. - Zwischendurch habe ich mich mal über ein Buch hergemacht von Unna: Ekzem. Aber es ist für einen Laien nicht klug daraus zu werden. Ich glaube aber doch, es wäre gut, wenn Du mal einen Specialarzt wegen Deiner Beschwerden konsultiertest. Kurzrock hat mein Vertrauen verloren. Solche Diagnose, wie er sie stellte, war garzu leichtfertig, u. daß er Deinem Ekzem garkein Interesse widmet, ist es ebenfalls. Man darf dergleichen nicht vernachlässigen. -
Ich will den Brief noch fortbringen.
Hoffentlich ging es Dir gut inzwischen. Nun beginnt ja bald das Semester. Hier haben schon Verschiedene begonnen. - Möchte Dir Dein Tagewerk nicht zu beschwerlich sein u. nicht ganz die eigne Freiheit rauben.
Was wirkt ist Wirklichkeit u. das Symbol des Frühlings soll in uns wirken!
Im Gedenken an die Reichenau u. ihre Zauberkraft
Deine Käthe.