Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Mai 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Mai 1926.
Mein geliebtes Herz.
Es ist ein schöner Sonntag nachmittag, ich bin im Hause ganz allein u. freue mich, ganz in der Stille meinem Denken an Dich nachhängen zu können. Eigentlich wohl tue ich das zwar immer, ganz besonders seit Deinem letzten Brief, der mir unablässig im Sinn liegt. Und ich sehne mich nach weiterer Nachricht. Wie war es am 27. in Klösterli? Wie mit dem Semesterbeginn?
Manches Wort in Deinen Zeilen läßt mir keine Ruhe u. bohrt in mir weiter. In manchem auch glaube ich, hast Du dem was ich meinte, einen anderen Sinn untergelegt. Denn es könnte mir nichts ferner liegen, als Deinem Streben "Opiate" zu wünschen. Aber ich möchte nicht, daß die schwere Krisenzeit in der Du stehst, Dich mutlos u. müde mache. Es ist mein fester Glaube, daß die Kraft gesunden Lebens, der gestaltende Wille in Dir zur rechten Zeit sich durchringt u. in diesem Vertrauen war ich still. Und wenn ich der Frühlingstage auf unsrer Reichenau gedenke, so liegt für mich darin nichts von einschläfernder Ruhe, sondern wunderbar belebende Kraft. Und dieses "Weltgefühl," mein Einziger, das möchte ich Dir auch wünschen, diese Gewißheit, teilzuhaben an der göttlichen Fülle, deren Reichtum Dir in ungewöhnlichen Maße geschenkt ist. Wenn ich Deiner Tätigkeit als akademischer Lehrer gedenke, dann ist es nie der "Gelehrte" oder der "glänzende Redner". Ich sehe Dich immer als den Menschen, der durch seine innere Weite u. Größe bezwingend, erweckend, hebend auf andre wirkt. So verstehe ich Deinen "Beruf", Dein Schaffen; Dies scheint mir Deine Aufgabe in der Kultur unsrer Tage.
Eine kleine Broschüre, die ich kürzlich las, war rechtes Wasser auf meine Mühle. Sie ist von dem Arzt, der unten
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| in die Zimmer ziehen will, u. hat den seltsamen Titel: Die Heilungen Jesu in medizinischer Beleuchtung. Da steht unter anderem: "In der Behandlung psychischer Gleichgewichtsstörungen wirkt der Arzt auf den Kranken einmal durch das, was er tut, u. ferner durch das was er als Persönlichkeit ist; d. h. nicht das ist hier gemeint, was man so unter einer "starken Persönlichkeit" versteht, sondern das, was aus dem Menschen im bewußten Streben nach seinem Ideal geworden ist. So ist es erklärlich, daß ein ganz überragendes Wesen, das in sich gewissermaßen die Vergeistigung des Menschen, folglich das letzte Ideal der Menschheit verkörpert hat, einzig u. allein durch das was es ist, ohne jede Handlung, zu dem großen Impuls wird, der die entscheidende Synthese in der zerfallnen, aber zum Wiederaufbau reifen Menschenseele in Gang bringt." - Der Weg zu dieser Persönlichkeit geht durch Kämpfe u. Überwindungen - u. niemand kann da von dem andern jene "Anstrengungen fordern", die er sich nur selbst auferlegen kann. Aber der andre kann in schweigendem Vertrauen an seine sieghafte Kraft glauben, die aus der Hülle der Erstarrung, wie aus dem Winterschlaf neu hervorbrechen wird.
Nur an mehr äußere Dinge darf man vielleicht rühren, wennschon sie auch noch sehr persönlich sind, wie die endlosen Konflikte mit Klösterli. Wie glücklich wäre ich, wenn sich dort wieder ein erträglicher Zustand herausbilden ließe. Es ist ja keine Frage, daß bei einem Versuch rückhaltloser Verständigung die innere Überlegenheit auf Deiner Seite wäre, sofern Du alle persönliche Enttäuschung überwindend nur das Elend ihrer verfahrenen Lage siehst. Ändern freilich wird man sie nicht mehr - nur Dich abhängig machen von jenen unaufhörlichen Schwankungen, das darfst Du nicht. Damit darf Deine Kraft sich nicht nutzlos verbrauchen.
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Seit gestern ist der Vorstand verreist, erst nach Stuttgart, dann von Dienstag ab nach Berlin. Sie wird per Karte bei Dir anfragen, wann sie Dich für ½ Stündchen besuchen kann u. will auch in Deine Weltanschauungsvorlesung. Dorthin wird vermutlich meine Schwester mitkommen, denn der Vorstand würde sich wohl schwerlich hinfinden. - Unten in den beiden Zimmern sind nun also die Studentin aus Beuthen u. ein Frl. Amberg, die in dem Blumenkiosk am Bismarckplatz tätig ist. Mit den beiden Stolper Mädels u. der Meta Günther hatte ich gestern einen gemütlichen Abend bei Spargel u. - nicht Kotelett, sondern Rührei. Wie verschieden die drei sind! Aus Pommern kommt man mit dem tüchtigen Schulsack u. stürzt sich mit großem Eifer lediglich auf die Sprachen. Frl. Günther hört Geographie, Geschichte, Litteratur neben der Germanistik u. ist ganz erfüllt von ihrer Unwissenheit. Sie sieht eben schon weiter als nur das tägliche Pensum. Heute ist sie auf dem Hemshof bei Mehners.
Vor mir steht eine wundervolle rote Päonie, die sich aus der dicken geschlossenen Knospe bei mir entfaltet hat. Jedes Jahr brachte mein Vater solch runden Knopf aus irgend einem Bauerngarten mit u. hatte seine Freude daran. Immer im Frühling denke ich, ich wollte mir beim Gärtner eine holen u. jedesmal finde ich dann eine auf der Straße. So auch diesmal wieder. Ist das ein Gruß? Auch die letzten Blütenblättchen aus Kattenhorn stehen noch immer auf meinem Schreibtisch zwischen den frischgrünen Zweigen, als hätten sie unvergängliches Leben.
In der vorigen Woche war ich sehr fleißig, habe mehrmals 6 Stunden gezeichnet. Aber dauernd könnte ich das nicht, ich spüre es doch zu sehr an den Augen. Dr. Gans hatte mich, wie er sagt "ausgeliehen" an den Pathologen Prof. Gräff, u. nachmittags arbeitete ich privatim für einen chirurgischen Assistenten.
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| Recht unangenehm war es, daß bei dem Wetterumschlag mein Katarrh, der eigentlich noch nicht ganz überwunden war, wieder lebhaft aufblühte. Aber zum Glück scheint der Husten diesmal nicht so rabbiat zu werden. Dagegen muckert die Ischias wieder. - Zum Mittagessen gehe ich jetzt zu Denner, der immer sehr gerühmt wurde. Es ist ganz am Anfang der Bergheimerstr. u. also sehr bequem, wenn ich aus der Klinik komme, u. kostet "mit": 1,30 M.
Immer wollte ich Dir auch noch sagen, weil ich Dir nun einmal gern in allem Rechenschaft ablege, daß ich auf meiner Reise alles in allem (mit der Reichenau) 160 M ausgegeben habe. - Jetzt hier werde ich ja manchmal durch die jungen Mädels Extraausgaben haben, denn solch Studentchen ist doch immer knapp bei Geld. Aber wenn ich all das schon hätte, was man mir noch schuldig ist, dann bin ich ganz vermögend u. außerdem bekomme ich jetzt Dividende von meinen Bankaktien, das wird mit dem Nießbrauch etwa 75 M ausmachen. Das ist so gewissermaßen gefundenes Geld, denn die Papiere hatte man ja schon verloren gegeben.
Jetzt will ich noch ein wenig an die Luft gehen, denn es ist ganz hübsch, wenn auch kalt draußen. Morgen geht es wieder tüchtig ins Geschirr.
Wann werde ich endlich mal wieder von Dir hören? Ich mache mir immer gleich Sorgen, wenn die Pausen so lang sind, es könnte Dir nicht gut gehen! Grüße alle, die mir lieb sind, u. sei Du innig gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand wird Dir den kl. Manschettenknopf bringen u. 2 schwarze Knöpfe für die abgeschabten an Deinem Rock!