Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17./19. Mai 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Mai 1926.
Mein geliebtes Herz.
Es müßte ein endloser Brief werden, nach dem was mich unaufhörlich beschäftigt. Denn Deine beiden lieben Briefe haben mich tief bewegt. Am meisten aber die Apathie, die aus den Worten spricht: "Es geht alles seinen Gang." Ganz gewiß bringt nicht jeder Augenblick Ereignisse u. Entschlüsse, aber eine feste Willensrichtung kann er darum doch haben. Warum fehlt die Aufgabe, die Dich ganz für sich fordert? Und warum, wenn Kampf allein Dir Leben ist, warum erschrickst Du, wenn man Deinen Standpunkt angreift u. möchtest Dich am liebsten zurück ziehen? Du bist verwöhnt, mein Lieb, durch schrankenlosen Erfolg - jetzt heißt es, sich behaupten. Es wäre ja unnatürlich, wenn auf die große Welle der Anerkennung nicht auch ein Rückschlag in Gestalt von Kritik u. Neid folgte. Das ist doch kein Grund zur Verstimmung, sondernn nur ein Beweis Deiner Bedeutung; aber Du bist gar so leicht zu verletzen, weil nichts in Deinem Werk nur Verstandessache ist, sondern alles innerlich errungen. - Wie beklage ich es, daß Du es aufgegeben hast, Friedrich den Großen von neuem zu beleben. Seine herbe Strenge u. Selbstzucht, seine Gefühlstiefe u. Verstandesklarheit, seine große Einsamkeit könnten wohl gerade von Dir am tiefsten verstanden werden. Ein königlicher Geist, der höchste Freiheit in selbstloser Pflichterfüllung fand. Ihm gab das Schicksal auch das große Amt - ein sichtbares Reich, das Deine ist ein unsichtbares, ein Beherrschen der Geister. Wie sehr wirst Du in der Weltanschauungsvorlesung wirken u. wecken. Ich beneide alle, die es miterleben können. Fühlst Du nicht die Kraft, die von Dir ausströmt? Das ist doch nicht nur berauschend
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|, wie ein flüchtiger Effekt, das ist ein geheiligtes Werk, denn es ist Arbeit am Leben. Was diese Menschen an sittlichem Ernst u. Energie hier aufnehmen, das wird in ihnen wachsen u. reifen, denn Du wirst ihnen nicht zerstörende Skepsis geben, sondern sie werden den ewigen Grund des Lebens fühlen.
Du hast viel Friedhofsbesuche gemacht. Sieh hier - da ist unser friedlicher Garten, wie aufgelöst in Licht. Es ist eine unendliche Symbolik in dem Bildchen.
Aber nicht müde macht mich das Gedenken an unsre "traumhaft schöne Reichenau," es ist mir wie eine Quelle des Lebens. Denn all mein Sein hat seinen Sinn u. seine Fülle nur in Dir. - Wenn ich nur den eigentlichen Sinn Deiner schroffen Stellung zu meiner "Familienreise" recht verstehen könnte!
- Ich las kürzlich einen Roman von W. H. Riehl, der mir in seiner gesunden Realistik u. Frische sehr gefiel. Etwas darin traf mich besonders, weil es mein eignes Wesen kennzeichnet: Es wird von jemand gesagt, daß er etwas Betrübendes, Schweres anfangs scheinbar gelassen hinnimmt, daß es ihn dann aber hinterher umso heftiger u. nachhaltiger erfaßt. - So geht es mir immer. Und so ist es mit Deinen Worten von jenem Abend. Glaube nicht, daß ich gekränkt sei, mein Lieb, ich grüble nur immer, was der Grund sein kann zu solcher Auffassung in Dir, die sich mit dem, was Du jetzt so Liebes schreibst, doch garnicht vereinen läßt. Daß ich so nicht bin, wie Du jetzt sagst, daß weiß ich wohl, aber ich möchte so sein u. ernst nehme ichs mit dem Leben. Zu dem Entschluß jener Reise wirkten viele Faktoren mit, (auch
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| jener Verdacht wegen der Knorpelgeschwulst) vor allem aber - Du wirst es seltsam finden, erschien es mir geradezu als eine Pflicht. Die Zeit hat mir dann viel Freundliches gebracht - an innerer Tiefe u. Nähe ist es mit auch nur einer Stunde Gemeinsamkeit mit Dir nicht zu vergleichen. Das ist so stark u. selbstverständlich - dieses Aufleben durch Dich, daß mich eine solche Disharmonie, die doch offenbar nicht nur momentane Verstimmung war, unverständlich u. unheimlich berührt. Wie soll ich es deuten? -
Ob ich ein angestammtes Vorurteil gegen Nohl hege? Ich habe seinen kleinen Artikel gelesen u. kann ein unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken.: Er "treibt" Pädagogik, weil das Erfolge bringt, u. flicht versteckte Angriffe gegen den glücklicheren Kollegen ein, die sachlich ungeklärt bleiben - so scheint es mir. Aber ich will gern Unrecht haben.
Reichwein ist sehr weitschweifig, aber mir scheint objektiv, doch komme ich leider so wenig zum Lesen, da ich abends immer recht müde bin u. auch öfters von Frl. Günther besucht werde. Einmal war ich bei Hennings eingeladen, wo man auch von Hellpach sprach, der gerade durch seine Antrittsvorlesung die Gemüter in Spannung versetzte. Man hat von ihm gesagt, er sei: "ein Jongleur des Wortes"; u. sprach allgemein abfällig über ihn. - Sehr schön war die Scheffelfeier am Mittwoch: erst Rede von Panzer in der Stadthalle, Festschmuck, Studenten in Wichs Meistersingervorspiel - Alt Heidelberg; dann Fackelzug u. oben im Schloß herrliche Beleuchtung, Deutschlandlied, Rede, Gaudeamus etc. Es war stimmungsvoll u. echt Heidelberg. - Ich hätte Dich herbei gewünscht, so schön war es. Man fühlte sich einmal wieder getragen von einer gemeinsamen Stimmung.
Dagegen wie sinnlos scheint die politische Lage.
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| Mußte Luther nur deshalb fort, weil das Centrum an seine Stelle wollte.? - -
Ich denke immer, es hat seine unterbewußte Bedeutung, daß Du die Übungen über Schulpolitik hältst. Es liegt dahinter ein eignes Wollen, das sich erst klären muß. -
Hermann wird Dir vielleicht irgendwo in nächster Zeit begegnen. Er fährt zum 28. zu einer Direktorenversammlung nach Jena. Die Stolper Mädels reden sehr begeistert von ihrer Schule, u. haben offenbar auch tüchtig was gelernt. Zu selbständigem Denken sind sie aber offenbar nicht veranlagt, oder sie äußern nichts davon. - Was die Frau aus Zeitz schreibt, klingt nicht angenehm u. besonders der Schluß scheint Backfischreminiszenzen aufwärmen zu wollen. Die Schulschwierigkeiten geben wohl nur den Vorwand zur Anknüpfung. Aber sehr hübsch ist der Brief aus Köln u. nett der von der Emmy.
Daß Du Susanne verändert findest, erfreut mich. Es war meine stille Absicht, ihr ein wenig zu helfen. Aber ob dies die Ursache ihrer Veränderung ist - wer weiß! - Sie könnte mir auch mal eine Nachricht geben; ich habe ihr doch von der Reichenau eine Karte geschickt!
Jetzt ist das Intermezzo im Path. Institut fast beendet u. ich arbeite von morgen ab wieder bei Gans. Ich habe in den letzten Wochen durchschnittlich 5 Std. täglich gezeichnet u. doch nicht mehr verdient als bei 4 für Springer! Die Privatleute möchten immer am liebsten die Sache umsonst haben. - Den Katarrh bin ich los. Aber von Zug ist in meiner Wohnung keine Rede, wie Du selbst das letztemal feststelltest. Ich habe noch bis vor kurzem geheizt. Aber in der Klinik mußte ich viel frieren. -
Wie wars mit dem Vorstand? Ich freue mich, durch sie von Dir zu hören. - Für heute gute Nacht, mein Liebstes. Viel treue innige Grüße von
Deiner Käthe.

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Mittwoch früh.
Es ist ja noch lange nicht alles, was ich Dir zu sagen hätte - aber schreiben ist immer so schwierig. Zunächst muß ich Dir noch nachträglich melden, daß ich am Himmelfahrtstag mit den 3 Studentinnen unsern Weg: Neckarsgemünd - Reinbach - Neckarsteinach machte. Das Wetter war fabelhaft günstig, einen kolossalen Regen warteten wir beim Kaffee im Schiff ab u. dann ging es, schließlich bei Sonne, über die Burgen, Ruhstein, Felsenhütte nach Schlierbach. Die Mädels waren entzückt. Am Waldesrand vor dem letzten Abstieg aßen wir Abendbrot mit wundervollem Blick ins schön beleuchtete Tal. Wir saßen oberhalb der steilen Böschung, beim Absteigen verfing sich mein Rock an einer Wurzel u. ich wäre fast vornüber senkrecht herunter gestürzt, wenn nicht der Saum im letzten Augenblick nachgegeben hätte. Es war ein kritischer Moment u. ich gänzlich wehrlos mit gefesselten Füßen. Natürlich denkst Du wieder, das wäre verschuldet gewesen, aber man konnte das heimliche Hindernis auch nachträglich nur mit Mühe entdecken.
Sehr beschäftigt mich natürlich der Gedanke an Klösterli. In wiefern glaubt Frau Riehl sich rechtfertigen zu müssen? Wegen des Unfriedens im "friedehellen" Klösterli? Ganz gewiß sind doch die Enkelinnen die weniger schwierigen Naturen. Aber daß sie mit Dir nicht völlig brechen würde, möchte ich ebenso sehr wünschen, wie es mich freut, daß Goldbeck friedlich war. Vielleicht war es nun doch gut, daß hier eine Auseinandersetzung stattfand u. er wird sich in Zukunft hüten, sodaß Du Anregung ohne unangenehme Eindrücke bei ihm findest.
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| Auch bei Frau Riehl wünschte ich Dir nicht ein Aufhören, sondern eine größere Unabhängigkeit, die Dir den Verkehr erleichterte. Es ist mir so unerträglich, Dich wehrlos leiden zu sehen. - Ich habe vielmehr den Glauben, daß niemand bei ihr so großen Einfluß haben könnte, weil sonst ihr niemand überlegen ist.
Dieser Tage begegnete mir ein Ausspruch von Theodor Fontane, der Dir auch gefallen wird. Ich schreibe ihn Dir nächstesmal ab.
Und nun noch etwas ganz im Geheimen. Denke nur, es ist so schlecht von mir, aber ich vermisse den Vorstand garnicht. Ich schätze sie in all ihren guten Eigenschaften unbedingt, aber die Art wie sie mit ihrer Teilnahme den andern zu absorbieren trachtet, macht mich derart verschlossen, daß ich mich ihr gegenüber in einer beständigen Auflehnung befinde. Das ist mein täglicher Kampf, mit mir - mit ihr!
Daß Du Vorträge abgesagt hast, höre ich immer gern. Wo aber ist dies Hattenheim? Und in Frankfurt am 4.X. da darf ich endlich einmal wieder mitkommen? - Du wirst hoffentlich hübsche Tage in Weimar haben. Ob Muthesius sich meiner erinnert? Dann grüße bitte. Und in Berlin ist es immer vor allem Dora Thümmel, an die ich gerne denke, - Kiehmchen hat sich noch nicht gemeldet.
Bleibe gesund, benutze die freien Tage sooft es irgend geht zu einem Ausflug mit Susanne.
Und nun nochmals ade!
Deine Käthe.