Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Mai 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Mai 1926.
Mein liebstes Herz.
Endlich habe ich eine ruhige Stunde für mich, nach der ich mich lange vergeblich sehnte. Denn es verlangt mich sehr, Dir zu schreiben, ganz abgesehen davon, daß ich Dir noch garnicht für Deine liebe Sendung vom 25. gedankt habe. Die Zeilen auf dem Abschnitt, die mir wenigstens nachträglich einen Pfingstgruß brachten, freuten mich besonders. Nun bist Du inzwischen in Weimar gewesen! Wenn ich nicht dort die nähere Adresse vergessen gehabt hätte, würde Dich wohl dort eine Karte aufgesucht haben. So konnte ich dies nur in Gedanken; Ob Du wieder in dem reizvollen Giebelstübchen wohntest? -
Hier war also zu Pfingsten der recht gelungene Ausflug mit Walther u. den beiden Stolper Mädeln. Das ist eine Sache, die wir unbedingt einmal zusammen machen müssen: alte Städtchen in landschaftlich bevorzugter Lage, herrlicher alter Wald, der eigentlich mehr ein Park ist, malerische Tore u. Schlösser - ganz besonders in Michelstadt. Die Unterhaltung war ganz leidlich u. alle recht befriedigt. - Desto weniger erbaute mich der 2. Feiertag, an dem ich mit Walther allein blieb. Wir konnten kein rechtes Einverständnis finden u. seine beständig absprechende Art fiel mir auf die Nerven. So war es mir lieb, daß ich am Dienstag wieder voll an die Arbeit mußte, u. ihn infolgedessen nicht zu längerem Bleiben auffordern konnte, was er sonst wohl getan hätte. Der arme Mensch tut mir ja eigentlich leid, aber er ist zu schwer zu ertragen.
Durch die Rückkehr des Vorstands war auch allerlei Unruhe. Sie hat viel erzählt, besonders natürlich "Familien"-dinge. Aber auch von Dir u. Deiner Wohnung u. von der Begeisterung über Dein Colleg. Positives natürlich nicht. - Dagegen habe ich gestern zum erstenmal ein sachliches Gepräch mit der einen Stolperin gehabt. Sie erzählte, daß Prof. Hoffmann über Windelbands Plato geäußert habe: es sei verkehrt, daß er ihn in die Erlösungsreligion einreihe,
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| es sei dies ein Mißverstehen Platos, das sehr häufig wäre. Aber - (so etwa schien sie sagen zu wollen) - sein Standpunkt zum Leben sei durchaus optimistisch u. habe mit der Orphik nichts zu tun. - - Es freute mich, doch einmal etwas über den "Schul"geist hinaus zu finden, u. besonders, daß sie den Windelband "nun gerade" lesen will. - Ich habe den Mädels Galerie-Karten für den Kammermusik-Abend des Brahmsfestes gebracht, den wir (morgen Dienstag) auch besuchen wollen. Das findest Du doch richtig? Sie sind in bescheidenen Verhältnissen u. gute Musik gehört doch auch mit zur Bildung!
Am Freitag besuchten wir die Generalprobe zum Deutschen Requiem, die allerdings weniger einen Kunstgenuß brachte, als den starken Eindruck, welch kolossale Arbeit es ist, solch mächtigen Apparat wie diese 4-500 Sänger u. das riesige Orchester (allein 8 Bässe) in Schwung zu bringen. Furtwängler wurde einmal so wütend, daß er mit dem Fuß aufstampfte u. erklärte: "ich lasse mir das nicht gefallen" - sodaß man schon dachte, die Sache wäre aus. Im Musikerzimmer soll er dann auch gesagt haben, er mache nicht mehr mit - aber Adolf Busch brachte ihn zur Raison, indem er erklärte, dann würden sie ohne ihn ein schönes Fest veranstalten. - - Sehr gern hätte ich dann auch die richtige Aufführung gehört, die wundervoll gewesen sein soll. Mir schien es freilich, als wäre der ganze Apparat für den Saal u. für die Sache zu mächtig. - Die Solistin, Frl. Leonhard hat eine wunderbare Stimme, voll u. weich u. absolut rein bis in die höchsten Höhen. -
Gestern - Sonntag - war ich bei Frau Kroll, die Du ja kennst u. die immer nach Dir fragt, mit Bertha van Anrooy, die zum Brahmsfest herkam. Sie ist jetzt in einer andern Stadt angestellt, nicht mehr so in der Einsamkeit u. macht einen guten, befriedigten Eindruck. Auch ihr Klavierspiel hat wieder mehr gewonnen, wenn auch keine ganz große Ausdrucksfähigkeit in ihr steckt. Und abends war dann das Kiehmchen bei uns, die den Vorstand vorher nur allein getroffen hatte. Nein, ist die dick geworden! Das erdrückt einen ja förmlich. Sie weiß überall Bescheid u. wir hätten wohl noch viel zu plaudern gehabt, wenn sie nicht 8 Uhr 44 abgedampft
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| wäre, die Nacht durch bis Leipzig, dann um 10 Uhr in die Schule! Die könnte der armen Schwester was abgeben von den robusten Nerven. - Natürlich tauchte auch mehrmals "der Meister" auf, u. ich nahm auch Gelegenheit nach den Leutchen in Kattenhorn zu fragen: Müller heißen sie, (geb. Winkler) u. von Pohlich will Frl. Kiehm wissen, daß es geschäftlich mit ihm übel stände: Er triebe alles andre, nur nicht sein Geschäft. Was machen denn die Kattenhorner ohne den Mäceen? -
So, mein Herz - das wäre wohl so das Wichtigste vom äußeren Dasein. Und nun kann ich zu Dir mit dem kommen, was mir Tag ein, Tag aus die Seele bewegt. Dein lieber Brief war die Bestätigung dessen, was ich auch aus der Ferne wußte: das neue Erstarken Deiner Beziehungen zu Susanne. - Aber nun die immer wiederholte Enttäuschung?
Unendliches hätte ich Dir zu sagen über meinen Teil des Erlebens an diesen Dingen. Ich habe Dich zu lieb, als daß ich Dir nicht jedes echte Glück gönnen sollte, auch wenn es mir notwendig den Lebensgehalt erschüttern müßte. Wie oft schon habe ich das durchgekämpft, immer von neuem mit Deinem Schwanken -
Wiederholt hast Du mir gesagt, ich müsse Dich davor bewahren, diesem Verlangen, das Du nicht als den Weg aufwärts erkennst, zu erliegen. Aber ich zweifelte, ob es Dir wirklich Ernst damit sei u. manche Äußerung unsrer Zeit, die eine Christiane rechtfertigen u. eine Frau v. Stein herabsetzen möchte, machte mich irre. Kenne ich nicht vielleicht zu wenig vom wirklichen Leben? Aber immer wieder kommt über Dich die Ernüchterung u. es ist wohl nicht anzunehmen, daß ja irgend etwas in Susanne lebendig werden kann, was in all den Jahren des Umgangs mit Dir nicht wach wurde. Ich bin sogar im Zweifel, ob sie das, was mich bewog, innere Brührung mit ihr zu suchen, nicht im Grunde falsch verstanden hat. Ich wollte ihr helfen, stolz u. frei ihr Schicksal zu tragen, wollte weibliche Würde u. Zurückhaltung in ihr stärken,
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| vielleicht aber hat sie meine Annäherung, mit der ich mich mit ihr Dir gegenüber mehr gleichstellen wollte, ganz anders aufgefaßt - ich möchte sagen, als einen diplomatischen Schachzug, der ihre stillen Hoffnungen nur stärkte. - Gerade auch der Wunsch, sie zu sprechen, hatte damals einen Faktor mehr für meinen Reiseentschluß abgegeben. -
Aber was ist nun? Bist Du durch dies erneute Versagen in Dir vorwärtsgekommen? Bist Du willens ganz tief u. fest, mit mir den ernsten Schicksalsweg weiter zu gehen?
Ich verstehe sehr wohl, was Du meinst damit, daß auch ich nicht in den Familiensumms gehöre - ich nehme es freundlich hin, aber ich wurzele dort nicht. Die Kräfte meines Lebens wurzeln in Dir. Seit langem fühle ich, wie Du diesen gemeinsamen Grund unsres Seins erschütterst, wie Du reißt an der tiefen Verflochtenheit unsres Lebens - u. ich kann Dir nur sagen: ich halte Dich nicht, wenn innere Notwendigkeit Dich von mir treibt, aber für mich gibt es Leben nur in Dir.
Deine Käthe.