Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Juni 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Juni 1926.
Mein liebstes Herz.
"Schon wieder eine Feder" wirst Du denken. Aber es ist wirklich eine ganz besondere Feder! Am Frohnleichnamstage, (dem 3. Juni) machte ich mit den drei Studentinnen einen "unsrer" schönen Wege: von Neckargemünd über den Dilsberg, steinernen Tisch nach Hirschhorn. Es war trübe u. allmälig regnete es sich standhaft ein, aber unsre Stimmung hat nicht gelitten, nur das Schuhwerk, das heute noch nicht wieder ganz hergestellt ist. So naß war ich wohl noch nie! Trotzdem war der Weg u. die Beleuchtung besonders schön. Mich begleitete überall die Erinnerung; am steinernen Tisch hielten wir Mittagsrast u. ich gedachte an unsern ersten Weg dorthin durch den raupenzerfressenen Wald, (der [über der Zeile] dort wieder ebenso kahl war) u. wie ich damals zum erstenmal ein Gefühl von Deiner feinen Sensibilität bekam. Dann später erklärtest Du mir dort einmal die Hauptprinzipien der Freud-schen Theorie - diesmal war natürlich die Unterhaltung bescheiden, denn das kleine Volk ist noch garzu geistig ungelenk u. es macht müde, wenn man sie immer so anbohren muß. - Der Wald war völlig menschenleer, u. die Vögel, besonders der Kukuk unermüdlich. Ein Häher flog von unserm Wege auf, große Raubvögel zogen über uns ihre stillen Kreise - es war eine weltentrückte Stimmung. Und da lag ganz offen vor mir plötzlich diese Feder, von den andern unbeachtet, für mich ein unmittelbarer Gruß, ist sie doch unser Symbol.
Und am nächsten Tage, bei meiner Rückkehr von der Arbeit fand ich Deinen lieben Brief vom 2., der mich tief bewegte - mit Andacht u. heißem Dank erfüllte. Glaube mir, daß ich Dich verstehe u. daß ich in ehrfürchtiger Scheu die geheimen Kämpfe des Lebens ahnend mitfühle - auch wenn ich nicht davon rede: Und doch ist es mir wie eine Erlösung, daß endlich der Bann des Schweigens gebrochen ist, u. daß ich wieder frei u. rückhaltlos ganz offen zu Dir sein kann. Es war niemals ein
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| Mangel an Vertrauen, wenn ich es nicht konnte, es war der Gedanke, daß es vielleicht besser für Dich sei, daß es Dich vielleicht über den inneren Zwiespalt hinwegbringen könne. Aber von ganzer Seele gebe ich Dir die Hand, um mit Dir gemeinsam neue Stufen des Lebens zu erringen - u. müde, mein Herz, müde bin ich nur, wenn ich mich ganz allein fühle.
Also mit Frau Riehl ist jetzt die Lage geklärt. Es ist mir so schmerzlich, daß Du auch dort nun immer nur der Gebende sein wirst; aber doch ist es schön für sie, daß sie Dich hat. Denn ich glaube in der Tat bist Du der einzige Mensch, der Einfluß auf sie haben kann. Vielleicht hat jene Aussprache doch eine Selbstbesinnung in ihr geweckt. Ein bewußtes Sich-Darstellen liegt so sehr in ihrem Wesen, daß man das, was künstlich u. gemacht erscheint, wohl nicht notwendig auch als unwahr auffassen darf.
Du setztest beim Vorstand voraus, daß sie von der Anwesenheit des Peter wisse etc., das ist mir natürlich wieder vorgehalten worden. Aber da ich nicht einmal davon wissen sollte damals, als Du zu Frau Jaffee gingst, so hatte ich selbstverständlich garnicht davon geredet. Auch davon nicht, daß das Verhältnis mit Klösterli nicht mehr so ungetrübt ist. - Übrigens, wer ist denn der andre Mitbewohner da draußen?
Das Festspiel des Reichenauer Doktors las ich mit lebhafter Anteilnahme. Mir scheint der Volkston sehr glücklich getroffen zu sein, u. die Personen mit wenigen Strichen recht gut charakterisiert. Auch eine echte Frömmigkeit spricht daraus, die man dem Mann mit der Mephisto-Physiognomie nicht zugetraut hätte. - Und nun denke, daß Johanna Kiehm erklärte, sie habe gehört, die Sache sei kitschig u. man könne sie als Protestant überhaupt nicht ansehen. Auch von Speyer war sie enttäuscht - die gute Sächsin.
Rechte Freude habe ich an dem Besuch von Bertha van Anrooy. Sie ist diesmal viel lebhafter, u. besonders sehr glücklich über all
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| die musikalischen Genüsse hier. Ihr zuliebe gingen wir auch noch gestern zu sechs nach Wimpfen, was mir doch wieder sehr gefiel. Es war ein Sonntagsstaat, reinlich u. aufgeräumt, der Blick über das Neckarland in farbigem Duft; all das altertümliche Bauwerk wirkte fein, am schönsten der stille Kreuzgang bei Wimpfen im Tal mit dem uralten blühenden Holunder. Und am längsten standen wir vor einem Gehöft, in dem 3 junge Zicklein spielten. Es war ein Bild von einer Anmut, wie man es selten sieht. -
Nun werden wir aber nicht etwa jeden Sonntag solche extravaganten Sachen machen. Das fügte sich nur durch Zufall so. Dagegen werden wir jeden Sonnabend abends bei mir gemeinsam etwas lesen. Ich hoffe, dadurch soll eine Anregung in den Verkehr mit den Stolper Mädels kommen, die [über der Zeile] <Pfeil zum Wort "Anregung"> man ja für Meta Günther nicht braucht. Wir haben angefangen mit dem schönen Riehlschen Aufsatz über Giordano Bruno. - - -
Fast alle ausstehenden Gelder sind jetzt eingegangen u. ich kann nun endlich daran denken, mal einige sehr nötige Ergänzungen im Haushalt machen zu lassen. Im übrigen geht das Zeichnen regelmäßig weiter u. Dr. Gans ist ganz zufrieden, seit ich mir das fortwährende Drangsalieren neulich ganz energisch verbat. Es ist bei ihm oft gedankenlose Angewohnheit, immer wieder dieselben Redensarten zu wiederholen, mir aber nimmt es Ruhe u. Arbeitslust, wenn man fortwährend mit der Hetzpeitsche dahinter steht.
Daß Du zu Pfingsten die Stimmung fandest, nun die Fortsetzung für die "Erziehung" zu schreiben, ist mir eine Freude. Es drückte Dich ja schon auf der Reichenau, daß Du nicht dazu kommen konntest. Es ist doch wirklich nötig, daß Du Deine Zeitschrift nicht nur den Nohlianern überläßt.
Habt Ihr auch solch kaltes, unzuverlässiges Wetter? Wasserhaltig bis zum Platzen; kühl u. doch schwül ist es hier wenig angenehm. So war der Mai - u. nun bleibts dabei!
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Bertha van Anrooy drängt mächtig, ich müsse sie mal in Kampen besuchen. Eine "Malerin" müsse doch Holland kennen! Sie reist nun übermorgen ab, u. ich habe ein Gefühl herzlicher Freundschaft für sie. Aber eigentlich viel mitzuteilen haben wir uns nicht, es ist nur eine wohltuende Übereinstimmung in mancher Auffassung u. der Gesinnung zwischen uns. Auch Meta Günther ist mir sympathisch, während ich mit den Stolper Mädchen noch nicht recht auf einen grünen Zweig komme. - Bertha ist so befriedigt in ihrem Beruf u. freut sich, die Musik als Verzierung des Lebens zu haben. Ihr klares, tüchtiges Wesen, ihre große Ehrlichkeit u. Treue taten mir richtig wohl u. eine größere Ausgeglichenheit u. Heiterkeit lassen sie diesmal anziehender u. jünger erscheinen als voriges mal. Es wäre hübsch, wenn sie hier wohnte, man hat etwas an ihr.
Hermann war schon wieder in Berlin u. hat nun die Großmutter mit nach Stolp genommen. Ich glaube, das ist mal ganz gut für die Kurfürstensträßler. Karl hat übrigens im Gefolge seiner Verletzung noch einen schauderhaften Serum-Ausschlag durch eine Injektion bekommen. Das nimmt natürlich sehr mit.
Hast Du eigentlich jetzt etwas gegen Dein Ekzem getan? Du solltest einen Spezialisten fragen. Solche Hautstellen sind doch immer eine offene Tür für Schädlichkeiten. Ich glaube, man wendet auch Arsenik dagegen an; aber vor allen müßte doch einmal ein Arzt Diagnose u. Therapie feststellen.
Es ist spät u. Du merkst wohl, daß ich schon müde bin. Manches wäre wohl noch mitzuteilen, doch ich möchte den Brief lieber heute noch in den Kasten bringen, denn eigentlich hätte ich den Deinen gern wendend beantwortet. Doch Du weißt ja auch so, daß ich immer, immer bin in Liebe u. Treue
Deine
Käthe.