Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Juni 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juni 1926
Mein liebstes Herz!
Es ist "spekulierenshalber", wenn ich so gern zum Sonntag an Dich schreibe, denn ich bilde mir ein, daß Du dann eher mal ein kleines Weilchen Zeit hast, auch einen nicht dienstlichen Brief zu lesen! Für den Deinen, der mich innig erfreute, vielen Dank. Ich hatte garnicht gewagt, schon wieder auf eine liebe Nachricht zu hoffen. Deine Weimar-reise war scheinbar recht erfreulich, aber amüsant die Geistesabwesenheit von Wölfflin. Er hatte sich mit der Rede wohl völlig verausgabt.
Überhaupt ist eigentlich alles aus dem Lot. Auch hier sind alle paar Stunden Wolkenbrüche, oft Gewitter u. auf die Gemüter wirkt ebenso elektrisch ladend die Abstimmung zur Fürstenenteignung. Die Linksradikalen arbeiten enorm - u. wie viel verärgerte Leute werden sich durch diese Hetze fangen lassen! Ich habe große Sorge, daß die nötige Stimmenzahl zusammen kommt, u. dann gibt es eine Katastrophe, denn eine anständige Regierung kann diese Gesetzlosigkeit nicht mitmachen. Jammervoll ist die demokratische Partei in ihrer Charakterlosigkeit. - - Einen ernsten u. bedeutenden Eindruck hatten wir dieser Tage von einer Rede der Frau Kallähne (Anni Schäfer) aus Danzig, die ihre radikale Rechtsstellung mit einer Wärme, Klarheit u. Sachlichkeit vertritt, daß man von der Sprache dieser sorgenvollen Vaterlandsliebe tief ergriffen ist. Denn auch dort, wo doch die Abwehr nach außen so unmittelbar notwendig ist, haben sich die Mittelparteien derart zersplittert, daß sie trotz der starken D. N. Partei (mit 31 Stimmen), bei 19 Stimmen d. Soz. Dem. eine Linksregierung bekommen haben. Ganz besonders aber klagte sie die Reichsregierung an, die absolut gleichgültig sei. Z. B. habe man vom Auswärtigen
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| Amt einen Brief bekommen: Danzig in Polen! Auch in Sachen der ausgewiesenen Optanten machte sie der Regierung schwere Vorwürfe. Hülfe sei lediglich von privater Seite geleistet worden.
- Meta Günther, die Oberschlesierin war mit uns; sie weiß ja aus der Nähe, wie die Polen sind. Sonst habe ich letzthin von den Mädels wenig gesehen, es war zu schlecht zu irgend welchen Ausflügen, nur des Sonnabend-abends wird regelmäßig gelesen. Wenn wir nicht vorher ertrunken sind - denn es ist wirklich unheimlich mit dieser Wasserfülle u. scheint eine neue Sintflut vorzubereiten. - Das Kolleg bei Neumann war diesmal viel besser, u. die dummen Witze ganz gering, so denke ich also, den Besuch fortzusetzen. Er kommt jetzt, nach Abschluß der Apokalypse zu dem Einfluß Italiens, der die deutsche Ursprünglichkeit Dürers "gebrochen" habe, "ebenso wie bei Goethe. Aber er habe nicht lange genug gelebt, um diese Ablenkung seiner Eigenart wieder zu überwinden, wie jener." - - Ist das nicht eine recht einseitige Auffassung? Ist die Auseinandersetzung mit der "Form", das Gefühl für das Organische nicht eine notwendige Ergänzung deutscher Sonderheit? Aber es ist modern, so zu denken seit der Überwindung des "Akademischen".
Weißt Du eigentlich etwas von einem Philosophen Benecke* [re. Rand] * Titel: Pragmatische Psychologie. Alfred Bassermann preist ihn der Aenne als genialen Menschen, der nicht genügend anerkannt worden sei u. von dem er selbst entscheidend beeinflußt worden wäre. Das Buch von der "Naturgeschichte der Seele" das er dem Vorstand empfahl, scheint uns aber recht ungenießbar. - Desto sympathischer ist ein kleines Buch: Erinnerungen von Eugenie Schumann. Dazu schlingen sich viele Fäden hin u. her. - Und sehr froh bin ich, daß die Studiengemeinschaft nun doch noch zum Guten für Dich ausschlägt u. daß Du dort auch ein wenig persönliche Wärme findest. Es gehört wohl etwas mehr innere Reife dazu, Dich zu erkennen, als die meisten Studenten jetzt aufbringen. Für die mitgesandten Briefe habe Dank, die freuen mich. Nur die kleine Jüdin scheint anspruchsvoll zu werden? Oder glaubst Du, daß die Veröffentlichung Deines Briefes <li. Rand> nützlich wäre? - Für heute lebewohl, mein Lieb. Es grüßt Dich tausendmal Deine Käthe.