Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1926.
Mein geliebtes Geburtstagskind.
Was soll ich Dir sagen von all den treuen Wünschen, mit denen ich Dich in das neue Lebensjahr geleite! Du weißt es ohne Worte. Laß uns zusammen weiter kämpfen u. laß uns dieser stillen Gemeinsamkeit auch froh sein. Was ich dabei fühle, soll Dir der "Nachklang" der Reichenau sagen. Es ist keine Malerei, nur eine symbolische Andeutung. Denn die Kunstfertigkeit hat ja leider ein Ende, seit ich im Tagelohn arbeiten muß. Aber ich weiß, Du verstehst die Zeichensprache, u. ich hoffe, sie hat Dir etwas Lebendiges zu sagen, etwas das uns beiden Kraft gibt.
Ich werde Deinen Geburtstag vorfeiern mit den zwei Stolper Mädeln, u. werde ihnen etwas von Dir vorlesen - vielleicht die Goetherede. Und am 27. wollen wir wohl gemeinsam irgendwo auswärts essen, Aenne mit uns. Denn wir haben keinen Haushalt eben, da Bertha - denke Dir - am 23. ganz schnell in die Klinik mußte zur Blinddarmoperation. Das arme Ding war so tapfer, u. zum Glück geht es ihr recht gut.
Sonst waren meine Tage einförmig u. tätig ausgefüllt. Kaum fand ich Zeit die Blätter für Dich hinzuklexen. Und das ist doch solche Freude, so etwas zu machen, daß man sich dem gerne recht ungestört hingeben würde.
Wenigstens ist doch nun endlich sonniges Wetter u. die
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| Gefahr allgemeinen Ertrinkens ist noch einmal abgewendet.
Was aber vermutest Du mit der politischen Spannung, die zu Ereignissen führen muß? Wird sie nicht wieder abebben, nun der Volksentscheid nicht glückte? Ach, was habe ich mich gesorgt, u. wie bin ich dankbar, daß diese Schande an uns vorüber ging. Aber natürlich bin ich auch dafür, daß wir nicht unnötig nobel gegen die Fürsten sind, denn wir alle sind ja jetzt arm. Und dem einfachen Gemüt, wie meiner Waschfrau, kann man es ja nicht übel nehmen, wenn sie denkt: ich habe alles verloren, also brauchen die auch nichts zu bekommen. Meiner Monatsfrau habe ich aber mit Glück die Rechtslage klar gemacht u. ich glaube, sie hat nicht gewählt.
Wenn nur die Rechtsparteien nicht schon mit monarchischen Plänen kommen. Die Leute in ihrer Begeisterung wissen nie, auf wie wenige sie sich stützen. Ich wenigstens könnte mich für den ehemaligen Kronprinzen nicht erwärmen. Und die Süddeutschen ganz gewiß noch weniger. - Nur gut, daß es nicht zur Abdankung Hindenburgs kam. Aber Freude kann er an seinem Amt nicht haben. - -
Wenn Du von der Unreife der meisten Studenten schreibst, so zeigt sich darin wohl der wachsende Abstand zwischen Dir u. ihnen. Aber sehr freut es mich, daß die Studiengemeinschaft sich so dankbar entwickelt. Diese Männer verstehen doch schon eher, was sie an Dir haben. "Schon weil Du bist, sei Dir in Dank genaht" - so las ich dieser Tage u. dachte Dein.
Das kleine Buch, das als Drucksache folgt, wird Dir hoffentlich so gefallen wie mir. Es liest sich rasch.
Und nun sei in Liebe gegrüßt. Wir wollen nicht müde werden, nicht wahr?
Deine Käthe.