Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juli 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juli 1926.
Mein geliebtes Herz,
daß Du mir die Verse vorenthalten hast, war mir recht schmerzlich. Ob sie nun formal schön sind oder nicht, mir sind sie lieb als ein Ausdruck Deines Empfindens. Warum hast Du das nur getan? Lieber hättest Du die 100 M nicht schicken sollen, (wennschon ich Dir herzlich dafür danke), sie liegen nun hier auf Deinem Sparkassenbuch. Du weißt doch, daß ein solches hier auf der Städt. Sparkasse ist, zu dem [über dem Gestrichenem] über das ich mit Kontrollmarke frei schalten kann?
Was Du mir über die Sache mit den Operationen schriebst, war ganz das, was ich mir schon selbst zurecht gelegt hatte u. hat mich darin bestärkt, den Kopfsprung zu wagen. Leicht ist es mir nicht geworden, denn es ist etwas, wovor ich mich von jeher gescheut habe. Auch ist es nicht nur die Überwindung dieses Abscheus, sondern es kommt dazu das sehr Angreifende des überheizten Raumes mit dem Chloroformdunst. Ich habe nun also mit Geh. Rat Menge gesprochen u. er wird mich bei Gelegenheit zu einem - zunächst passiven - Versuch auffordern. - Überhaupt drängt sich eben die Arbeit. In der Augenklinik stehen etwa 10 mikrosk. Zeichnungen bevor u. außerdem hatte ich dort wieder ein lebendiges Auge mit einer besonders seltenen Trübung zu malen. Das strengt ganz abscheulich an, da man das im Dunkelzimmer an einem Aparat machen muß, der bei der Unruhe des Patienten eigentlich fortwährend mit beiden Händen reguliert werden müßte, u. man braucht doch seine Hände beim Malen. - Und bei Gans muß ich die volle Zeit aushalten, denn bis zum 1. Sept. soll der 2. Band des Buches abgeschlossen sein u. er kann die Zahl der notwendigen Abbildungen noch nicht übersehen. Vor dem 1. August also, mein Lieb, kann ich nicht wissen, ob ich nach dem 15. frei über meine Zeit verfügen kann. Das ist mir sehr hart,
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| daß ich Dir dies sagen muß, denn Du weißt, wie mein Leben an Dir hängt u. wie jede Stunde mit Dir mir Glück bedeutet. Aber Du wirst ganz gewiß auch verstehen, daß ich nicht die Drucklegung verzögern kann, die fertig werden soll, ehe Gans am 15. Sept. zu Vorträgen nach Amerika reist. - Vielleicht werden wir ja vorher fertig - vielleicht auch wäre es möglich, daß Du dann erst die 4-5 Tage nach Partenkirchen gingest u. dann mit mir zusammen? Ich will mir mal noch keine Sorgen machen. Jedenfalls werde ich hier die Arbeit beschleunigen, soviel ich kann u. Prof. Gans weiß, daß ich fortwill. - Schreibe mir doch, bitte, einmal überhaupt das ungefähre Programm der nächsten Monate. Ich habe es wohl gelegentlich gehört, aber das verwirrt sich wieder in meinem Kopf, ich weiß jetzt nur sicher: Groningen 6. Sept, Frankfurt 4. Okt, Hattenheim 6.-9. Okt. - u. sonst?
Die vielen z. T. sehr liebenswürdigen Briefe erfreuten mich sehr. Ganz besonders hat es mir der alte Herr Vierecke angetan. - Bei den Aufnahmen von der Dampferfahrt hätte ich gern mal [über der Zeile] gelegentlich eine Erläuterung über die "Andern". - Der Brief der " Cecilie" gibt wohl ein gutes Bild ihrer klugen u. ernsten Art. Etwas verblüffend war mir der Schluß: Ihre getr. C. -, das hat einen Klang von Intimität, den er ganz gewiß nicht haben soll, u. das liegt wohl in der Halbheit ihrer jetzigen Lebenslage, die nicht bürgerlich konsolidiert, u. doch nicht mehr königlich distanziert ist. - Was ist es für ein Vortrag, den Du ihr schicktest, die Akademie-Rede? Und wann, mein Liebstes, erscheint die Fortsetzung in der "Erziehung"?
Ganz erfüllt bin ich wieder von dem Bericht im Adelsblatt - wie wundervoll klar, fest u. unbestechlich ist es, ach, möchte endlich wieder solch echter Adel bei uns zur Herrschaft kommen. Es hat mir immerhin ein tröstliches Gefühl, wie jetzt doch über all das Partei- u. Zeitungsgezänk hinweg regiert wird; erst in der
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| Flaggenfrage u. nun gegen die geforderte Reichstagsauflösung.
- Sehr froh bin ich über die ungestörte Stimmung in Klösterli. Ob das wohl auch für die Nächstbeteiligten günstige Auswirkung hatte?
Am Freitag geht der Vorstand für 10 Tage nach Würzburg. Dann wird das Haus wieder sehr schwach bewohnt sein, denn Bertha ist noch erholenshalber fort. - Bis gestern war Johanna Schwalbe für 5 Tage hier. Doch dies Thema kann ich heute nicht anschneiden, meine Augen tun zu weh, um so endlos weiter zu schreiben. Ich zeichne nämlich sehr viel, um womöglich fertig zu werden, aber ich fürchte, daß ich dies Tempo nicht beibehalten kann. Eine besondere Sorge ist mir, daß die Empfangsbestätigung für die 10 am 1. Juli abgesandten Zeichnungen noch fehlt. Es wäre einfach entsetzlich, wenn sie verloren wären.
Ein braunes Messerchen konnte ich leider nicht bekommen. Vielleicht genehmigst Du diesen Ersatz? Da Du, wie es scheint, in letzter Zeit liebevolle Abnehmer für dergleichen Dinge hast, so scheute ich mich, es in Elfenbein zu nehmen, denn das wäre zu schade für solchen Zweck.
Hast du eigentlich mit der Zeit Gefallen gefunden an Stefan George? Anfangs imponierte mir die Kraft der Sprache u. die leidenschaftliche Glut. Dann aber erschien mir manches gesucht u. monoton - lediglich ichbezogen u. ohne tieferen Sinn, lediglich dunkles Gefühl. Vielleicht darf man nicht viel davon hinter einander lesen, es prägt sich nicht ein u. ich weiß nie: las ich dies schon? - Augenblicklich soll er wieder hier in H. sein, im früheren Schloßparkhotel wohnen. Und Gundolf wird sich demnächst verheiraten mit einem Frl. Salomon - ob das eine Nichte von Tante Vally ist?
Wir sitzen nach einigen heißen u. schwülen Tagen nun wieder in dichten Wolken. Der Wassergehalt der Luft ist enorm. Am Montag abend stiftete ich den Vorstand dazu auf, mit der
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| Elektrischen um 8 bis Jägerhaus zu fahren u. von dort den Wolfsbrunnenweg zurück zu gehen. Es war wunderschön, die abendliche Stille im Tal, die Dämmerung im Schloßgarten, in dem die Glühwürmchen geheimnisvoll umherschwebten. Das ist noch besser als die schönste Schloßbeleuchtung, die übrigens jetzt zur Gewohnheit wird - vermutlich weil wir kein übriges Geld haben. Immer stehen große Empfangspforten am Bahnhof für: die Metzger die Kraftfahrer, die Trainkameraden, die Bergarbeiter - u. Flaggen wehen tag aus, tag ein, besonders die rote auf dem Gewerkschaftshaus. Gerade am Sonntag als die jugendlichen Sportvereine der roten Nachbardörfer mehr u. weniger bekleidet, u. gruppenweise kostümiert hier einzogen brach ein wahrer Wolkenbruch mit krachendem Donner u. Blitzen los, sodaß die ganze Gesellschaft wie gebadete Katzen aussah. Trotzdem machte es einen guten Eindruck, wie sie Zucht im Gliede hielten u. tapfer drauf los marschierten.
Ich grüße Dich innig, u. danke Dir noch einmal für all Deine lieben Zusendungen. Daß Du fühltest, wie in dem Blütenmäppchen meine ganze Seele war, das macht mich glücklich u. läßt mich die Monotonie des täglichen Pflichtlebens leicht ertragen.
In Liebe u. Treue
Deine Käthe.

Immer u. immer habe ich doch vergessen, Dir für die vielen mitgesandten schönen Marken zu danken - verzeih, ich habe es in Gedanken wohl getan, aber nicht im Brief!