Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Juli 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juli 1926.
Mein liebstes Herz,
damit doch endlich einmal wieder ein Brief zur gewohnten Zeit abgeht, schreibe ich schon morgens, bevor ich zur Klinik gehe. Die fabelhafte Hitze wird auch Dir recht beschwerlich gewesen sein, da Du ohnehin schon über die dumpfe Luft im 2-stündigen Colleg klagtest. Es hat sich gewiß wieder recht viel inzwischen bei Dir ereignet, während hier das Dasein mit einer stumpfen Eintönigkeit hinfließt. Ich arbeite fieberhaft um fertig zu werden, aber ob es gelingt, kann ich jetzt noch nicht übersehen. - Am Sonntag war unerwartet Walther da u. es ging diesmal ohne Conflikt, wennschon mir eigentlich ein "freier" Sonntag lieber gewesen wäre. Mit den Stolper Mädels ging es zur Dilsbergbeleuchtung, (von Ziegelhausen über Münchel, Lärchengarten, Ruhstein) vorher im Schwanen mit dem fröhlichen Treiben am Wasser, nachher auf der Landstraße stundenlanges Warten u. schließlich eine Rückfahrt mit 2 Stunden Verspätung [über der Zeile] ½ 1 Uhr!. Ich war so erschöpft, daß ich am Montag einen regelrechten Kater hatte u. obgleich die Beleuchtung an sich schön u. wirkungsvoll war, besonders malerisch durch ziehende Nebel, so hätte ich doch gern verzichtet, wenn ich vorher gewußt hätte, wie beschwerlich es werden würde. -
Inzwischen sind wir im Haus nun wieder auf 2 Wochen verwaist, da der Vorstand in Würzburg bei Bolze's ist. Es klappt aber alles ganz gut u. das Essen bei Denner ist nach wie vor ausgezeichnet. Diese Unabhängigkeit ist mir im Grunde recht angenehm, denn ich schätze es nicht, wenn man jede geringste Unpünktlichkeit, die wahrhaftig selten vorkommt, noch wochenlang nachgetragen bekommt. Ich kann bisweilen jetzt noch etwas beenden, was ich nicht gern unterbreche, oder ich werde noch mit einer Besprechung aufgehalten, ohne daß ich deswegen in Unruhe zu geraten brauche.
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| Inzwischen habe ich nun schon wieder eine liebe Zusendung von Dir bekommen. Vielen Dank! Jeden Abend lese ich ein wenig weiter darin, denn auf einmal ist es bei meiner Geistesverfassung zu viel. Die Problematik des Protestantismus war mir gerade eben ganz real nahe gekommen, indem Frau Wille mich keilen wollte, für die Synodalwahl zu stimmen, u. zwar natürlich in ihrem positiven Sinne. Aber ich verstehe doch garnichts von der Lage hier u. zweifle, ob ich nicht lieber statt für Frommel für Maaß gestimmt hätte? Also ich verweigerte meine Verwendung als Stimmvieh. - Das Endresultat ist übrigens ein Anwachsen der Linken.
Sehr beschäftigt mich noch immer, was Johanna Schwalbe hier von den Schwierigkeiten mit den Kindern erzählte. Die Jüngste: Heti hat sie im Landerziehungsheim in Gaienhofen u. findet, daß sie [über der Zeile] dort - besonders was Körperpflege angeht - sehr unbeaufsichtigt sind. Auch hat das Kind bereits 10 jährig religiöse Schwierigkeiten gehabt, obgleich sie ja den aufklärenden Einfluß des Vaters garnicht mehr miterlebte. Sie litt geradezu an Zwangsvorstellungen aus Opposition gegen einen orthodoxen Religionsunterricht, die sich zu leidenschaftlicher Erregung steigerten. Da hätte es Fritz, der jetzt auch Student ist, ausgezeichnet verstanden, sie zu beruhigen. Überhaupt lobte sie diesen Sohn sehr, im Gegensatz zu Bernhard, der früher von Ernst so liebevoll überschätzt wurde. Auch augenblicklich sind wieder Schwierigkeiten gewesen, die ihre Reise nach Halle veranlaßten. Du weißt: Irrungen - Wirrungen. Er wollte sich verloben u. vorher das Mädchen der Mutter zeigen. Sie kam - d. h. Johanna - hierher mit der Überzeugung, daß nichts einzuwenden wäre. Aber hier klärte ein Brief von Hanna sie auf, daß Bernhard ihr, trotz eindringlichen Fragens, verleugnet hatte, daß das Mädchen, die auf dem Bild ein liebes, klares Kindergesicht hat u. von der er sagt, daß er alles mit ihr besprechen könne, schon seit langem sein "Verhältnis" sei. Lassen sich da nun irgendwelche Prinzipien aufstellen? Seine "Carriere" hängt nicht davon ab, aber wird das innere Verhältnis standhalten? Kann man als Mutter da eingreifen - weiß man, ob er anders
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| glücklicher würde? B. ist nicht normal in sexueller Hinsicht, er war schon 2x in einer Nervenanstalt - ist man sicher, daß in Zukunft seine "Neigung" auf eine Bessere fiele? Johanna fand das Mädchen sympathisch, bescheiden u. sehr verständnisvoll in seinem Eingehen auf Bernhard - aber wann könnte er denn überhauptans Heiraten denken! - Da sollte man nun raten. Du wirst verstehen, daß ich das nicht konnte, u. es schien mir am besten, was Johanna plante: den Winter nach Halle zu gehen, u. die Entscheidung hinzuhalten. Durch ihre Hülfe wollte sie den Verkehr der beiden einschränken, denn wie es scheint, sorgt das Mädchen in rührender Weise für ihn, schreibt seine Arbeit, flickt u. kocht - obgleich sie doch auch einen Beruf hat. - Das alles, mein Lieb, sage ich nur Dir, denn Johanna bat mich zu schweigen u. hat auch dem Vorstand nicht alles gesagt. - Dich aber möchte ich fragen: Was würdest Du geraten haben?
- Heute abend hat mich Ella Gaß - die Tochter des Theologen - engagiert mit ihr spazieren zu gehen. Es ist auch faktisch zu andrer Zeit nicht möglich bei der Glut. Trotzdem finde ich solche echten Sommertage schön, man sollte nur Zeit haben, es zu genießen. Aber ich verdiene eben tüchtig; wenn das regelmäßige Quantum nicht überschritten wird, halten es die Augen auch gut aus. - Dieser Tage bekam ich übrigens Zuschrift vom Reich, daß ich für 6600 M Preuß. Consols 162,50 M Auslosungsrecht hätte. Fabelhaft - nicht wahr? Zum Trost hörte ich gleichzeitig, daß ich für 1925 frei von Einkommensteuer bin u. 31 M raus bekomme. Ebenso habe ich mich nun endlich mit der Kirchensteuer definitiv auseinander gesetzt. Das sind so kleine Vorteile - aber warum sollte ich Steuern bezahlen, die ich nicht schuldig bin?
Mit Prof. Gans ist es eben recht amüsant. Er arbeitet viel gleichzeitig mit mir in den Privaträumen u. stöhnt entsetzlich über die Hitze, entschuldigt sich über jedes neue Kleidungsstück, das er ablegt, obgleich ich mit dem Rücken nach dem Zimmer sitze u.
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| garnicht auf ihn achte, der schließlich nur noch in Hemd u. Hose dasitzt. Sehr stolz ist er wegen der Aufforderung nach Amerika, die eine Wirkung seines Buches ist. Du siehst also, mein Liebstes, ich habe es nur mit Leuten von Weltruf zu tun!! Als wir die Arbeit mit einander anfingen, versprach er mir, ich solle "berühmt" werden durch sein Buch! Na - wenn schon!
Doch ich muß mich zum Fortgehen richten. Drum lebewohl für heute, mein Einziger. Laß einmal wieder von Dir hören
Deine
stets sehnsüchtige
Käthe.