Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Juli 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Juli 1926.
Mein liebstes Herz.
Eigentlich hatte ich gern gestern schreiben wollen (am Tage der Akademierede), denn da hatte mir gerade Prof. Gans [über der Zeile] ganz feierlich gesagt, er wolle jetzt das Fertigmachen des Buches aufgeben, ehe er fortginge - aber es war durch allerlei Hindernisse nicht dazu gekommen. Heute nun ist wieder alles anders u. so war es gut, daß ich nicht schrieb, denn "wir" lieben doch alle beide solch Hin u. Her nicht. Ich sehe nun also ein, daß - selbst wenn der Entschluß nun wieder geändert würde - wir auf solche Ungewißheit hin keine Pläne fassen können. Es wäre mir auch noch nicht einmal sicher, daß ich im Falle einer Zusage von ihm wirklich zur Zeit wegkäme. Also laß uns auf den September hoffen. Wie schmerzlich mir das ist, kannst Du Dir wohl denken, denn ich habe jetzt seit Wochen mit äußerster Anspannung gearbeitet, um rechtzeitig fertig zu werden. Ich habe es in den letzten Tagen auf 5½ - 6 Stunden Arbeit gebracht, u. das ist nicht nur für die Augen, sondern für den ganzen Menschen eine Tortur.
Ein ganz phantastischer Plan ist mir nun zum Trost durch den Kopf gegangen, der aber nicht Ersatz für den Erholungsurlaub sein dürfte. Wie wäre es, wenn wir uns für ein paar Tage in Holland träfen, um die schönen Städte u. Gemäldegalerien gemeinsam zu sehen? Bertha van Anrooy hat mich wiederholt u. dringend eingeladen, da könnte ich sein, während Du den Congreß mitmachst u. dann genössen wir beide gemeinsam Kunst u. Land? Ich verdiene doch augenblicklich unheimlich viel, habe noch vom Mai her 60 M einzufordern u. die Fahrt nach Holland von hier ist nicht garzu weit. Es wäre schön u. verlockend - u. doch vielleicht nicht garso verstiegen. Ich habe eine angemessene Garderobe jetzt, denn die graue Zunzel ist in der Tat von einem neuen Sommerkleid u. ich glaube, Du wärst
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| im ganzen zufrieden. Also von der Seite ist kein Hindernis. Fragt sich nur, wie Du vom 6.IX. ab disponiert hast? - Und hinterher? Wohin willst Du vom 25. Sept. - 4. Okt, wo Du doch in Frankfurt sein mußt? Von Holland aus wäre es vielleicht eine garzu arge Fahrerei erst wieder in den Süden, wenn Du dazwischen nochmals nach Berlin müßtest, u. also wohl der Harz oder Thüringen geeigneter? Aber wenn Du nun wirklich im August wieder nach Berlin zurück gehst, dann kannst Du vielleicht die Zwischenzeit auch einmal wieder hier das Sommerquartier beziehen u. an dem gewohnten Fensterplatz arbeiten? Ich weiß so viel Schönes, was Du sehen müßtest. Und irgendwann sollte doch auch Partenkirchen eingeschoben werden - schade, das hätte ich so gern auch einmal gesehen!
Am Mittwoch um 3 Uhr 8 hat sich Dora Thümmel mit Begleitung angesagt; sie wollen Donnerstag über bleiben. Gestern meldet sich nun Anna Weise mit dem gleichen Zuge an, wird um 7 abends weiter fahren. Immer muß alles zugleich sein. So kann ich Thümmels nur empfangen u. dann abends im Holländer Hof aufsuchen. - Was soll ich ihnen für den Donnerstag vorschlagen? (Mittwoch natürlich Schloß, Molkenkur, das können sie gut allein.) - Neckarsteinach? -
Jetzt reisen die 3 Mädels ab, heute die erste, Montag die 2. etc. - Meta G. erzählte, wie ausführlich u. lebhaft v. Schubert Deine Psychologie ihnen rühmte, besonders Dein Verständnis für den Unterschied der Lebensalter. -
Doch, mein Lieb, es ist spät. Ich möchte den Brief noch fortbringen, drum laß es mit diesem Wisch genug sein. Das Programm der Gedenkfeier freute mich; ich hatte schon nach dem Zeitungsbericht lebhaft daran gedacht, was es für Dich gewesen sei. Und nun warte ich auf Nachricht von Deiner Rede, mein Einziger. Hätte ich es doch mit erleben können. - - Ich grüße Dich innig.
Deine
arme, festgenagelte Käthe