Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. August 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Aug. 1926.
Mein geliebtes Herz.
Wie sehr hatte ich gehofft, irgend ein Lebenszeichen von Dir zu bekommen, eine Karte von der Reise, zum Zeichen, daß bei Dir alles programmgemäß ging. Denn Du kannst Dir doch wohl denken, wie hart es für mich ist, auf die so heiß ersehnten u. so standhaft erkämpften Tage mit Dir verzichten zu müssen. Deine ursprüngliche Absicht, die Reise zu verschieben im Falle meiner Verhinderung, schien mir anzudeuten, daß Du ernstlich mit dieser Möglichkeit rechnetest. Auch ich hatte ja gehofft, es durchsetzen zu können, daß ich fortkam u. bis zu dem Moment, wo mir Gans definitiv erklärte, es müsse noch bis zum 1. Sept. durchgearbeitet werden, habe ich fieberhaft gearbeitet. Wenige Tage danach merkte ich ein sichtliches Abflauen in seinem Eifer, am 7. Aug. fragte ich ihn, wie es damit stände, u. er erklärte zu meiner grenzenlosen Empörung, er würde nun wohl doch nicht fertig werden. Für Dich u. mich war die Sache durch Deine Verabredung mit Adalbert Körner ja nun entschieden - so hoffte ich, durch energisches Zureden sein Lahmheit wieder in Gang zu bringen, denn er ist sehr leicht zu beeinflussen. Da - am 9. - eröffnete er mir, er müsse nun nach Bremen reisen, sein Schwiegervater sei gestorben u. ich solle Dir doch telegraphieren, daß ich kommen könne!! - Kannst Du Dir vorstellen, wie mir nun zu mute ist? Ich ahnte ja immer, daß bei dem unzuverlässigen Menschen mein heroischer Entschluß vergeblich sein würde. Aber andrerseits hielt ich es doch für unmöglich, daß er mir gegenüber so gewissenlos handeln könnte, daß er mich an der Reise hinderte, ohne auch seinerseits alles daran zu setzen, daß er sein Wort einlöste. Und ganz sicher wäre es, daß er, im Falle ich gereist wäre ohne seine Zustimmung, dies als Grund für die Nichtvollendung des Buches angegeben hätte. - - So ist es nun, mein Lieb, u. wenn Du schreibst,
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| dies sei für mich "nicht angenehm", so finde ich das einen äußerst zarten Ausdruck für das, was ich empfinde. - Ist es nicht angetan, einem bis auf weiteres die Unterordnung unter das Pflichtgefühl zu verleiden? Du wirst jetzt begreifen, daß ich von diesem Menschen u. seinem Charakter nie viel gehalten habe; in diesem Falle aber dachte ich, sein Geschäftsinteresse würde den nötigen Antrieb geben.
- Ob Du nun an Deinem Plan, etwa vom 15.-25. September mit mir irgendwo zusammen zu sein, festhalten willst? Ich wage garnichts mehr zu hoffen u. bin sehr deprimiert. Wie hätte ich mich gefreut, einmal die Partenkirchner Gegend kennen zu lernen, u. wie sehnte ich mich, Dich endlich wieder zu sehen, doppelt bei so knappem brieflichen Verkehr! Und vielleicht gar hast Du mir die Vereitelung unsres Planes übel genommen? Bin ich nicht selbst am übelsten dran? Seit Monaten hat mich Gans bearbeitet, ich dürfe dies Jahr nicht fort, ehe das Buch fertig ist, u. von vornherein sagte ich ihm: dann möchte er es so einrichten, daß ich zur Zeit fertig sei. Er hat mich u. meine gute Absicht offenbar nur ausgenützt, um möglichst viel Abbildungen heraus zu schlagen, indem er mich wohl manches machen ließ, was nicht unbedingt sein mußte.
Glücklicherweise bin ich mit dem Augenarzt besser daran u. wenn es auch ein paar Bilder mehr gegeben hat, als er anfangs sagte: (10 [über der gestrichenen Zahl] 6 große u. 4 kleinere) so hat er doch die größte Rücksicht auf meine Zeit genommen, mich nie warten lassen u. er hat auch seine Arbeit dazu pünktlich fertig. Morgen werden wir abschließen. Aber meine Augen u. meine Nerven spüren die Anstrengung sehr - u. ganz besonders hat mirs zugesetzt, daß nun all meine Gewissenhaftigkeit sinnlos geworden ist. Ich hatte mich tapfer u. ohne Klage in die Notwendigkeit gefügt - jetzt ist meine Energie erschöpft.
Aber ich will Dir doch auch noch von dem hübschen Zusammensein mit Dora Thümmel etc. erzählen, damit nicht nur Unerfreuliches in diesem Briefe steht. - Es war nämlich sehr hübsch. Erst nahm ich die Damen am Bahnhof in Empfang, u. widmete mich dann Anna Weise, die aber um 7 Uhr abreiste.
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| Um ½ 8 kam Dora Thümmel zum Abendbrot (oben bei mir, aber leider etwas dürftig von Aenne versorgt) u. gemütlichen Plauderstündchen. Ich geleitete sie nach Haus u. wir verabredeten für den nächsten Nachmittag Ausflug zu 6 nach Neckarsteinach. Die andern sind auch liebe Menschen u. es war höchst vergnügt u. alle sehr begeistert von der schönen Gegend. Entzückend war die Rückfahrt im Kahn bis an die alte Brücke. Dann Abendbrot im silbernen Hirsch an unserm Tisch. Außerdem waren nur noch 2 Tische besetzt, u. ich frage mich, ob die Leute wohl bankrott machen? Übrigens waren die Wirtsleute diesmal nicht sichtbar. Aber der Wein war gut, (ich spendierte ihn, da man mich unterwegs durchaus nicht bezahlen ließ) u. die Ruhe war angenehm. - Die Damen waren erfüllt von der Schönheit u. Vorzüglichkeit ihres Aufenthaltes in Kappel u. schienen alle recht erholt. Schade, daß ihr Aufenthalt hir so kurz war. - Am nächsten Morgen 7.22 ging es weiter nach Bonn, von Mainz per Dampfer bei herrlichem Wetter. - Ich habe mit Dora ein stilles, selbstverständliches Einvernehmen u. ich glaube, daß ihr das Zusammensein ebenso erfreulich war wie mir. Wenn ich jetzt etwas weniger angespannt sein werde, will ich ihr auch mal schreiben. Heute habe ich noch mal 5 Stunden gezeichnet u. außerdem ist ein recht anstrengendes Wetter. Vorhin ging ein Hagelsturm mit Blitz u. Donner nieder, ich glaube das fünfte Gewitter am heutigen Tage.
Und Du, mein Liebstes? Ach wie abscheulich ist doch diese gemeine Tücke des Schicksals, das mich so ohne Grund fern von Dir hält! Möchte es Dir wenigstens gut ergangen sein u. Du nun in Bayern die nötige Erholung finden.
Da Du keine Gegenorder gabst, schicke ich dies nach Mittenwald. Möchte es Dich bald erreichen u. Dir sagen, wie in Liebe Dein gedenkt
Deine Käthe.