Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. August 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Aug. 1926.
Mein Liebstes.
Wie es scheint, soll ich nicht zur Ruhe kommen. Nun auch noch dies schreckliche Eisenbahnunglück auf der Strecke, die Du am gleichen Tage fahren mußtest! Wenn Du die beabsichtigte Zeit innegehalten hast, dann warst Du erst etwa 12 Stunden später an der bösen Stelle, u. Adalbert Körner wird kaum von Berlin aus schon so früh dort gewesen sein - aber aus der Ferne sorgt man sich doch, bis man Gewißheit hat. Mit Umsteigen wird der Verkehr aufrecht erhalten - selbst das ist gewiß schrecklich mit den Eindrücken einer solchen Trümmerstätte. Wie glücklich will ich sein, wenn erst wieder eine Nachricht von Dir da ist. Es macht mir überhaupt Gedanken, daß ich so sehr lange nichts von Dir hörte, u. ich frage mich, ob ich vielleicht unwissentlich wieder etwas geschrieben habe, was Dir Anlaß zur Verstimmung geben konnte? Auch daß Du jetzt tagelang für jede Nachricht unerreichbar bist, ist eine rechte Qual. Das sollte nicht sein! Vielleicht würde ich das nicht so schwer empfinden, wenn ich nicht gerade so sehr bedrückt wäre. Aber ich kann die Enttäuschung u. Empörung garnicht überwinden u. je weniger ich es nach außen zeige, desto mehr nimmt es mich mit.
Heut dachte ich in der Augenklinik fertig zu werden, nun hat mir Prof. Seidel noch ein Bild aufgehängt, das aber nachgeschickt wird. Ich mache es am Montag u. habe heut nachmittag ausgesetzt, denn ich kann einfach nicht mehr. - Morgens ist nun unser letztes Studentle abgereist, sehr befriedigt vom Semester u. einer anschließenden Wanderung durch die Pfalz. Jetzt reist sie noch mit einem Onkel u. ihrer Schwester nach Schwarzburg. Ich habe ihr viel Grüße für Paulinzella u. Ilmenau aufgetragen. Wie lebendig steht das alles vor mir! Und wenn nun das kleine pommersche Mädel dorthin geht - was ist es ihr? Sie sieht es doch nur von außen!
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Sieh, das ist es doch eben, daß Gans, obgleich er natürlich nicht im Zweifel war, wie viel mir am rechtzeitigen Fertigwerden zum 15. August lag, doch überhaupt kein Verständnis haben kann für das, was er mir zerstörte. Wie hatte ich die Tage gezählt, wie half mir die Hoffnung, das Ziel zu erreichen, über die große Anstrengung hinweg. Und selbst als ich diese Hoffnung aufgeben mußte, war mir die Verpflichtung maßgebend, eine übernommene Arbeit auch zu Ende zu führen. Ich hatte die 30 Bilder gezeichnet, von denen er immer sprach - jetzt sollen es noch unbegrenzt viel sein, u. ich merke, daß er zum Text garkeine Lust mehr hat. Als ich durchaus nicht auf ein Verschieben meiner Reise eingehen wollte, sagte er: Du müßtest das doch einsehen u. er! wolle Dir schreiben! - Also: wir beide sehen es ein u. nun? Er ist eben ein Jude!

Sonntags. Wie dankbar bin ich über die Nachricht von der Reise. Nun weiß ich wenigstens sicher, daß Du noch weit von der verhängnisvollen Stelle warst, als das Unglück geschah. Hoffentlich hast Du - wenn auch vermutlich verspätet, Deinen Reisekameraden gut angetroffen, u. Du kannst nun endlich in Behagen etwas ausruhen. Hier ist strahlendes Sommerwetter, dringend erwünscht zur Erndte.
Hast Du Dir meinen Brief, den ich postlagernd Mittenwald schickte, geholt? Was magst Du wohl dazu sagen? - Ach schreibe mir bald einmal - es ist wohl bald ein Vierteljahr, seit ich keinen Brief mehr bekam! - - Sehr schön ist es, daß Du doch von dem Eindruck in Reichenberg befriedigt warst, also die Anstrengung sich lohnte.
Weißt Du etwas von einem Fritz Müller-Partenkirchen? Er schrieb im D. Volkstum über Maschine u. Sprache. - Und in unserm lumpigen Heidelb. Tagebl. sind öfters Plaudereien von einem Richard Rieß - München. Ob das der junge Mann von damals ist?
Grüße bei Wittings - u. sei selbst viel tausendmal gegrüßt. Erhole Dich u. schreibe recht oft
Deiner schändlich betrogenen
Käthe.